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StartseiteKalenderblattStar des Art Nouveau23.09.2004

Star des Art Nouveau

Vor 100 Jahren starb der Kunsthandwerker Emile Gallé

Über Emile Galle´ schrieb man im Jahre 1889:

Von Burkhard Brunn

Emile Gallé besuchte in Weimar eine Kunstschule (AP Archiv)
Emile Gallé besuchte in Weimar eine Kunstschule (AP Archiv)

Er ist Künstler in allem, was ihm unter die Hände kommt, in Holz, in Glas, in Keramik; aber besonders ist er ein Künstler in Chimären , immer bereit, sie in das erste Objekt einzukerkern, das er ergreift. Hier in unserer tristen Republik der Arbeitsteilung gibt es einen Mann, der uns die Verrücktheit der Kunst verstehen lässt.

Gallé, der am 23. September 1904 starb, war ein Star des Art Nouveau. Man bewunderte seine Vielseitigkeit und unerschöpfliche Phantasie. Gallés elegante Möbel kennen heute wenige, berühmt wurden seine Träume aus Glas - die manchmal auch Albträume sind. Die Arbeiten trugen Titel wie etwa "Die Seele des Wassers". Die Glasformen wirken verschwimmend weich und molluskenartig, die Farben delikat bis morbid. Gallé gehört zum Kreis der Symbolisten, und sein Stil traf das Zeitgefühl einer melancholischen Dekadenz. Man liebte Sumpfpflanzen, schillernde Libellen, Orchideen und Lilien. Ein Zeitgenosse bemerkte:

Man sucht nicht mehr nach der Klarheit - das oberste Ziel der Glasmacher von einst, auch nicht nach Facettierung. Das Glas ist weder ein Übertragungsmedium wie das Fensterglas noch ein bloßes Echo wie der Spiegel. Es hat selber etwas zu sagen und das ist das schwere oder zarte Lied der Farbe.

Emile Gallé hatte Philosophie, Zoologie und Botanik studiert, eine Kunstschule in Weimar besucht, seine Glasmacherlehre in Deutschland gemacht und war durch Europa gereist, um Museen und Botanische Gärten zu besuchen. Er war ein exakter Beobachter.

Meine Liebe zur Botanik wird Ihnen die Dinge aus meiner Produktion gut erklären. Meine Wurzeln befinden sich im tiefsten Wald.

Wie viele seiner Zeitgenossen war er von der japanischen Kunst fasziniert. 1874 übernahm er den väterlichen Betrieb zur Veredelung von Keramik und Glas. In Nancy, wo die Firma mit bis zu 300 Mitarbeitern ihren Sitz hatte, schuf der Künstler mit den raffiniertesten Ätz- und Überfangtechniken seine farbigen Gläser. Er produzierte sowohl Unikate, die ihm auf Messen viele Goldmedaillen und Verkäufe an Fürstenhäuser einbrachten, als auch erschwingliche Serienware höchster Qualität.

Der Vielfalt der Naturformen brachte Gallé eine religiöse Bewunderung entgegen. Sie war für ihn Ausdruck der göttlichen Unendlichkeit. Da er der Ansicht war, dass Schönheit die in der Natur dargebotene Wahrheit sei, unterließ er es, die Motive, die er in der Welt der Pflanzen, Insekten und der Steine fand, zu stilisieren. Gläser des Art Nouveau und des Jugendstil unterscheiden sich. Dazu Sabine Runde vom Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt:

Die französische Richtung ist eine, die das Florale in einer naturalistischen, oder der Natur sehr nahe kommenden Weise sehr stark geformt hat, während im Jugendstil eine stärkere Abstraktion herrscht.

Über Gallé sagte ein Bewunderer seiner poetischen Schöpfungen:

Denselben Pflanzen, die wir gewöhnlich als konventionelles Ornament betrachten, hat er eine Persönlichkeit, eine Sprache zurückgegeben.

Gallé verklärte Rousseau’s "Zurück zur Natur" höchst romantisch:

Ich träume, wie köstlich ein Pflanzenleben wäre: aus einer Knospe zu entspringen, sich in acht Tagen einen Meter zu strecken, grün ins Himmelsblau zu drängen, seine Arme in lauem Wasser zu schaukeln.

Als Hommage an Baudelaire schuf er ein mit unheimlichen Pflanzen inkrustiertes Schränkchen, das er "Les Fleurs du Mal" nannte. Viele seiner Werke haben literarische Bezüge. Gegen sein Lebensende verdüsterten sich die Motive mehr und mehr. Drei Jahre vor seinem frühen Tod gründete Gallé noch die "Ecole de Nancy", die in der Entwicklung des Art Nouveau eine zentrale Rolle spielen sollte. Als überzeugter Dreyfusianer und Pazifist gehörte er zu den führenden Mitgliedern der Liga für Menschenrechte und wurde Präsident des Republikanischen Bundes. Der glühende Patriot scheute sich nicht, seine Werke für politische Botschaften zu nutzen: die eingravierte Distel ist das Wahrzeichen von Nancy, und das Lothringerkreuz das Zeichen des Widerstands gegen die preußische Annexion seiner Heimat.

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