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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin falsches Signal 26.09.2019

Stasi-Akten ins BundesarchivEin falsches Signal

Das Signal, das mit der Entscheidung ausgesandt wird, die Stasi-Akten in das Bundesarchiv zu überführen, ist problematisch, meint Vladimir Balzer. Denn darin seien hochsensible Geschichten archiviert, die eine andere Aufarbeitung benötigten, als Dokumente der alten Bonner Republik.

Von Vladimir Balzer

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Regale mit Stasi-Akten links und rechts eines Ganges, an dessen Ende eine Mitarbeiterin zu sehen ist.  (imago/photothek/Thomas Trutschel)
Leid, Verrat und Bespitzelung in Kilometerlänge: Stasi-Akten der ehemaligen DDR (imago/photothek/Thomas Trutschel)
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Nach 30 Jahren wird die Stasi-Unterlagenbehörde also in die Geschichte eingehen. Das bedeutet nach dem heutigen Beschluss aber nicht, dass die Akten in den Kellern des Bundesarchivs verschlossen werden. Sie bleiben offen, sie werden sogar bis ins Jahr 2030 noch als Grundlage für wichtige Personalentscheidungen im öffentlichen Dienst dienen. Es wird also kein Schlussstrich gezogen, wie einige unterstellen.

Und in der Tat - einiges spricht für die Überführung ins Bundesarchiv und die stärkere Zentralisierung der Akten. Die Anträge auf Akteneinsicht gehen deutlich zurück. Viele Leseräume in den Außenstellen sind halb leer. Offenbar ist der regionale Zugang nicht mehr so wichtig. Einiges wird per Post erledigt, weniges auch digital.

Digitalisierung der Akten könnte Schub gebrauchen

Zudem hat das Bundesarchiv die Infrastruktur und die Ressourcen. Die systematische Digitalisierung der Dokumente dürfte nun ebenfalls einen Schub bekommen. Es wäre auch bitter nötig, denn dieser Bereich ist in der Stasi-Unterlagen-Behörde zu spät angegangen worden. Das sieht man besonders an den frei zugänglichen Dokumenten im Netz. Es sind gerade mal 1.200. Das ist im Vergleich zum Gesamtaufkommen eine Zahl jenseits des messbaren Bereichs.

Das muss im Bundesarchiv deutlich besser werden, die Jüngeren müssen mit dem Thema erreicht werden. Aber jenseits der Strukturdebatte gilt vor allem eins: Wichtig ist die Zugänglichkeit zu den Akten für die Opfer und ihre Nachkommen sowie für Wissenschaftler und Journalisten. Vor allem aber sind hier hochsensible Geschichten archiviert, die nicht nur Familien entzweit haben und Freundschaften zerstört, sondern auch Biografien gebrochen. Das ist kein reguläres Archivgut. Deshalb bleibt das Signal, das mit der heutigen Entscheidung ausgesandt wird, problematisch. Dass die Hinterlassenschaften der Stasi überhaupt erhalten blieben und erschlossen werden konnten, ist das Verdienst einer ostdeutschen Bürgerbewegung.

Anderer Umgang mit Stasi-Akten nötig

Mit der Stasi-Unterlagen-Behörde war eine einzigartige, republikanische und diskussionsoffene Institution geschaffen worden. Auch wenn  die Akten physisch im Osten der Republik verbleiben, wird der Umgang mit ihnen demnächst in den Regelbetrieb einer in Westdeutschland gewachsenen, klassischen Behördenstruktur integriert. Diese muss sich aber verändern, um den Ansprüchen und Erwartungen an den Umgang mit den Stasi-Akten gerecht zu werden. Denn dieses Erbe der deutschen Geschichte benötigt immer noch eine stärkere zeitgeschichtliche Aufarbeitung, Öffentlichkeit und Sensibilität als Kabinettsprotokolle, Regierungsunterlagen und Behördendokumente der alten, Bonner Republik.

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution sind die Wunden und Verletzungen noch längst nicht geheilt, die Generation der Opfer ist gealtert, aber quicklebendig. Zahlreiche  Bürgerrechtler stehen der Überführung der Stasi-Akten nach wie vor kritisch gegenüber. Auch für viele Bürgerinnen und Bürger der einstigen DDR war die Stasi-Unterlagenbehörde mit ihrer regionalen Verankerung in den Außenstellen eines der wenigen institutionellen Symbole, in denen die Errungenschaften der friedlichen Revolution bis heute sichtbar blieben. Das ausgerechnet in diesem Jubiläumsjahr die Übernahme dieses Erbes durch eine westdeutsche Behörde beschlossen wird, ist deshalb ein falsches Signal zum falschen Zeitpunkt.

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