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StartseiteKultur heuteStasihaft als Big-Brother-Event30.10.2009

Stasihaft als Big-Brother-Event

Ex-Gefangener der DDR lässt sich für sieben Tage in Hohenschönhausen einsperren

Vor allem Republikflüchtlinge und Dissidenten sollten im DDR-Gefängnis Hohenschönhausen psychisch zermürbt werden. Nun kehrt einer der ehemaligen Häftlinge in das Gefängnis zurück - und sorgt für Unmut, weil er dem ultrarechten politischen Lager angehört.

Von Christoph Richter

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen  (AP)
Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen (AP)
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Es gibt kein Fenster, lediglich durch schmutzige Glasbausteine fällt trübes Licht. Neben Tisch, Hocker und Bett, das mit blau-weiß karierter Bettwäsche bezogen ist, gibt es noch ein Klo und Waschbecken. Gerade mal dreimal vier Meter groß ist die schäbige Zelle 122 im ehemaligen Stasiuntersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. In die sich der 65-jährige ehemalige Häftling Carl-Wolfgang Holzapfel in einer spektakulären, aber auch umstrittenen Aktion, nochmal für sieben Tage einsperren lässt. Heute allerdings freiwillig:

"Wir wollen im 20. Jahrestag des berechtigten Freudentaumels, über den Fall der Mauer auf die 250.000 großen und kleinen Helden hinweisen, die nicht erst 1988 und 1989 auf die Straße gegangen sind, sondern seit Bestehen der DDR, seit 1949 durch ihren Widerstand, offenen oder verdeckten, für die Erodierung dieses Staates gesorgt haben."

Ex-Häftling Holzapfel trägt einen blauen Trainingsanzug, die historische Häftlingskleidung. Denn alles soll möglichst originalgetreu gezeigt werden. Dazu gehört, neben dem kargen Essen, auch das Verbot, sich tagsüber auch nur für eine Sekunde auf die Pritsche zu legen.

Holzapfel erinnert sich noch gut an die Kontrollen, wie die Stasiwärter auch darauf achteten, dass er nachts auch vorschriftsmäßig auf dem Rücken lag und die Hände auf der Decke hatte.

"Wir machen hier ganz bewusst kein Big Brother. Wenn wir Big Brother gewollt hätten, dann hätten wir tatsächlich den totalen Einschluss gemacht, mit entsprechenden Uniformierten, mit Türenknallen, mit Anschreien, mit Abholen zur Vernehmung. Das machen wir nicht. Sondern wir stilisieren hier etwas, und versuchen durch den persönlichen Bericht, das Anliegen rüber zu bringen."

In das berüchtigte Stasigefängnis kam der ehemalige Bankangestellte Holzapfel 1965, als er bei einem Protest gegen die deutsche Teilung zu Fuß über die Grenze am Checkpoint Charlie ging, und von DDR-Grenzern gefasst wurde, und als Provokateur, wie es hieß, zu acht Jahren verurteilt wurde. Nach 13 Monaten Gefängnis, davon hatte er fast die ganze Zeit in Hohenschönhausen in Einzelhaft abgesessen, wurde er von der Bundesrepublik freigekauft.

Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen begrüßt die Kunstperformance. Und hofft damit, vor allem junge Menschen zu erreichen, da die Aktion per Webcam ins Internet übertragen wird:

"Wir sind uns bewusst, dass diese Aktion, etwas Irritierendes und Verstörendes hat, im doch ein wenig routinierten und erstarrten Diskurs über die DDR-Vergangenheit. Das ist aus unserer Sicht das Privileg, aber auch die Aufgabe der Kunst, die Gesellschaft zu verstören, zum Nachdenken anzuregen."

Und das funktioniert. Denn die Kunstperformance, die von der Berliner Künstlerin Franziska Vu fotografisch begleitet wird, hinterlässt beim Betrachter ein beunruhigendes Gefühl. Es lässt das Blut in den Adern gefrieren, wenn man mitverfolgt, wie der weißbärtige Carl-Wolfgang Holzapfel in seiner Zelle stoisch auf und ab geht, und einfach der Ungewissheit und totalen Isolation ausgesetzt ist. Mit dem Vorteil, dass nach sieben Tagen Schluss ist, während zu DDR-Zeiten in Hohenschönhausen Menschen über Monate und Jahre psychisch zermürbt wurden, an deren Folgen, bis heute, viele zu leiden haben.

Doch nicht alle sind von dieser Kunstaktion begeistert. Zeitzeugen sehen die Gefahr einer Verharmlosung und befürchten einen Betroffenheitsrummel. Tom Schreiber, Mitglied im Innenausschuss des Berliner Senats, fordert gar einen Stopp der Aktion, da Holzapfel Mitglied der Republikaner war. Das Anliegen sei zwar in Ordnung, so das SPD-Mitglied, warnt aber vor einem Imageschaden der Stasi Gedenkstätte Hohenschönhausen:

"Denn nämlich dann, wenn sozusagen die Leute, die bei den sogenannten Stasivereinen dabei sind, am Ende sagen: Seht ihr, ist ja interessant, die Opfergruppen arbeiten also mit dem rechten Spektrum zusammen. Also demzufolge kann das ja einen Imageschaden mit sich bringen. Zum einen für die Gedenkstätte, aber eben auch für viele Organisationen, die seit Jahren da eine gute Arbeit machen."

Unbeeindruckt von aller Kritik, setzt Carl-Wolfgang Holzapfel, der von sich sagt, er sei ein Demokrat, die Aktion fort.

Wichtig seien ihm, betont er, einzig und allein die Opfer, denen er mit seiner Aktion eine Stimme geben will:

"Ja natürlich. Es ist ganz deutlich so, dass die Opfer, im Vergleich zu den Tätern auch heute noch zu den Benachteiligten dieser Republik und dieser Gesellschaft gehören. Bisher kam die fatale Botschaft durch, es lohnt sich nicht, Widerstand zu leisten, du musst mit den Schweinen heulen, dann bekommst du deine entsprechende Pension. Das ist natürlich zu durchbrechen."

Livehaft ist eine politische Kunstperformance, die eindrücklich daran erinnert, wie Überwachung, Terror und Unterdrückung in der DDR funktioniert hat. Das ehemalige Stasigefängnis in Berlin-Hohenschönhausen ist dafür eine geradezu ideal besetzte Bühne.

Info:
stasi-live-haft.de

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