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StartseiteEuropa heuteSteckrübenwinter 1917/1820.11.2008

Steckrübenwinter 1917/18

9. Teil der "Feldpostbriefe"

Der Krieg fordert auch unter den Zivilisten hohe Opfer. Allein in Deutschland sprechen Schätzungen für das Jahr 1917 von 260.000 Menschen, die an Hunger oder an der Grippe sterben. Seit Herbst 1916 ist das Land durch die englische Seeblockade von den Weltmärkten abgeschnitten. Höhepunkt: Der Steckrübenwinter. Die Verpflegung in der Heimat ist jetzt kaum besser als im Schützengraben. Nur, wer als Soldat auf noch intakte französische Dörfer stößt, kann Glück haben.

Von Ursula Welter und Christoph Heinemann

Deutsche Soldaten im Schützengraben, 1918 (AP Archiv)
Deutsche Soldaten im Schützengraben, 1918 (AP Archiv)
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Feldpostbriefe - Lettres de poilus

So schreibt der 19 Jahre alte Adolf Detering, der gerade erst von der Ostfront in den Westen verlegt worden ist und bereits schwere Kämpfe hinter sich hat, nach Hause:

"Was Essen und Trinken anbelangt, da bekomme ich es im Leben nicht mehr besser. Die Dörfer, die wir auf unserem Vormarsch berühren, sind von den Einwohnern alle fluchtartig verlassen worden. Um irgendetwas mitzunehmen, dazu hatten sich die dummen Leute aus Angst vor uns gar keine Zeit gelassen. Wir sind stellenweise in Häuser gekommen, wo das Essen angerichtet, aber völlig unberührt auf dem Tisch stand. Natürlich haben wir das, was gut und teuer ist, stets ausgesucht und zu haben ist hier noch alles. Am schönen Karfreitag hatten wir Mittags mit fünf Mann vier Hühner und abends zwei Kaninchen. Butter und Eier sind auch genug da, Kaffee und Zucker haben wir im Überfluss und denken nur immer wieder, könnten wir die Herrlichkeiten doch nach Hause schicken.

Während des ganzen Vormarsches haben wir von unserer Küche noch keinen Bissen geholt. Da auch in den feindlichen Tornistern , welche wir zu tausenden erobert haben, die besten Delikatessen zu finden sind. Es wäre hier also das Leben ganz angenehm, wenn nicht die großen Verluste wären. Und die hatten wir nicht nur im Kampf , sondern haben sie auch jetzt noch alle Augenblicke, da das Dorf, in welchem wir liegen, beständig unter Artilleriefeuer gehalten wird und die feindliche Artillerie schießt vorzüglich. Nur schade, dass alle die schönen französischen Dörfer so traurig zugerichtet werden. Was wir allein daraus fortschleppen, ist nicht so leicht zu ersetzen, aber wir müssen es eben auch haben. Einen ganzen französischen Tornister habe ich vollgepackt mit allen möglichen Sachen. Unser eigenes Gepäck ist nämlich gleich von vornherein bei der Bagage geblieben, da ich ein Maschinengewehr führe und die ganze zu einem Maschinengewehr gehörige Mannschaft kann nur Sturmgepäck mitnehmen.

Da ich aber auf die Dauer eroberte Sachen so nicht schleppen konnte, habe ich mein Sturmgepäck auf einen französischen Affen geschnallt und die anderen Sachen da hereingepackt. Bis jetzt habe ich darin untergebracht: Neue Wäsche, sechs paar Strümpfe, wie man in Deutschland überhaupt keine mehr bekommt, dann nach deutschem Wert für mindestens 150 Mark feinste Kernseife und für ebensoviel schwarzes und weißes Nähgarn. Außerdem habe ich noch einige andere Kleinigkeiten und voraussichtlich kommt noch immer mehr dazu, wenn bloß der Affe nicht so sehr schwer würde und wenn man nicht so unverhofft einen geklebt bekommt, dann ist natürlich alles wieder verloren."

Der "Affe", von dem der Soldat schreibt, das ist ein fellbezogener, eckiger Tornister. Während Adolf Detering die seltene Möglichkeit hat, darin Proviant zu sammeln, ist ihm bewusst, dass zuhause gehungert wird. Er schreibt:

"Dann noch eines. Schickt mir vorläufig keine Pakete mehr. Mit dem, was ich hier für mich verbrauchen kann, könntet Ihr Euch noch zehnmal satt essen. Was die Hauptsache ist, wir haben hier auch im Überfluss zu rauchen. Das meiste davon ist aus den erbeuteten Tornistern. Zigarren findet man keine, aber Tabak und Zigaretten genug. Außerdem habe ich auch eine schöne Tabakspfeife gefunden, welche in der Tasche eines französischen Offiziersmantels saß."

Die Versorgung mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs ist das eine. Das andere ist die systematische Plünderung und Zerstörung. Sie hatte ihren ersten Höhepunkt im Herbst 1916 erreicht, als die deutsche Oberste Heeresleitung die Front an der Somme um rund 20 Kilometer begradigen ließ. Dieser "Rückzug auf die Siegfried-Linie" prägt das Deutschland-Bild vieler Franzosen. Brunnen werden vergiftet, Bäume gefällt, Häuser und Straßen zerstört - Kriegsteilnehmer sprechen von einer "Orgie der Vernichtung".

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