Dienstag, 17. Mai 2022

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Stefan Pohlits transkulturelles Komponieren
Mit Verstand und Sinnlichkeit

Zu Hause fühlt sich Stefan Pohlit an der türkischen Ägäis und in der Welt mikrotonaler Tonsysteme. Sein Komponieren versteht er als Beitrag zur Versöhnung der radikalen Dissonanzen in der Welt – nicht nur in der Musik. Das Handwerkszeug der westlichen Avantgarde allein taugt dafür nicht mehr.

Von Gisela Nauck | 21.11.2020

Ein blonder Mann sitzt neben einer männlichen Statue auf einer Parkbank. Beide haben die Beine überschlagen.
Der Komponist Stefan Pohlit in einem Park neben einer Statue des türkischen Dichters Cevat Şakır. (Stefan Pohlit )
Beträchtlich ist die Zahl derer, die von anderen Kontinenten kommen, in Europa studieren und bleiben. Nur wenige bewegen sich in die andere Richtung, von Europa etwa in Richtung Orient – so wie der 1976 in Heidelberg geborene Stefan Pohlit.
Pohlit studierte Komposition in der Schweiz, in Frankreich und Deutschland, er lernte arabisch, persisch und türkisch – und fand seinen Lebenssinn auf den Prinzeninseln vor Istanbul.
Enttäuscht vom Christentum wandte er sich dem Islam zu, noch vor seiner Übersiedlung in die Türkei. Hier lebte er elf Jahre, studierte die Sufi-Kultur und osmanische Hofmusik, und promovierte über den berühmten Qānūn-Virtuosen Julien Bernard Jalâl Ed-Dine Weiss.
Auf der Suche nach Möglichkeiten, Verstand und Seele bzw. Okzident und Orient wieder zu vereinen, entwickelte Stefan Pohlit eine harmonisch dissonante, mikrotonale Musik von eigenwilliger Schönheit. Vor zwei Jahren musste er die Türkei verlassen und lebt seitdem wieder in Deutschland.