Dienstag, 02.06.2020
 
Seit 20:10 Uhr Hörspiel
StartseiteBücher für junge LeserDie gewaltige rote Kribbelwelle04.04.2020

Stefanie Höfler: "Helsin Apelsin und der Spinner"Die gewaltige rote Kribbelwelle

Stefanie Höfler hat sich mit Jugendbüchern über häusliche Gewalt, den plötzlichen Tod der Mutter oder Mobbing einen Namen gemacht. Jetzt legt sie ihr erstes Kinderbuch vor, mit einem eigensinnigen Mädchen als Heldin. Helsin steht im Mittelpunkt einer aufregenden Freundschaftsgeschichte.

Von Karin Hahn

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Die Schriftstellerin Stefanie Höfler und ihr Roman "Helsin Apelsin und der Spinner" (Buchcover Beltz Verlag / Autorenportrait Christina Neidenbach)
Die Heldin in Stefanie Höflers erstem Kinderbuch ist ein freches Mädchen namens Helsin (Buchcover Beltz Verlag / Autorenportrait Christina Neidenbach)
Mehr zum Thema

Kritik Die besten 7 Bücher für junge Leser im Monat Oktober

Deutscher Jugendliteraturpreis Junge Juroren diskutieren Lesestoff für junge Leute

Kinderbuchautorin Höfler "Es gibt immer auch was zu lachen"

Helsin ist biegsam wie ein Grashüpfer und hat wild abstehende dunkelbraune Locken. Nach dem Unterricht springt sie am liebsten wie ein Känguru mit Tom um den Sportplatz. Bei ihren Freunden ist Helsin immer die lautstarke Bestimmerin. Und wenn alles so richtig gut läuft, dann singt sie gern. Doch wenn sich das wilde Mädchen über irgendetwas ärgert, dann wissen alle zwölf Kinder in der zweiten Klasse, was geschieht:

"Manchmal allerdings, da kocht die Energie über und spült eine rasende rote Welle in Helsins Körper hoch, und dann sieht und hört und riecht und schmeckt Helsin nichts mehr als FEUERROT. Ihr ganzer Körper kribbelt von den Beinen bis in die Haarspitzen, die Nasenspitze zittert wie eine Autoantenne bei 200 Stundenkilometern und die rote Kribbelwelle wird immer gewaltiger, bis sie überschwappt, schwupp, raus aus Helsin und zack! hinein die Welt. Und das, was dann kommt, das nennen alle nur den ,Spinner'."

Freche Mädchenfigur

Als die Autorin Stefanie Höfler ihre freche Mädchenfigur entwickelte, wusste sie, dass Helsin durch ihr extrovertiertes Verhalten eine Sonderrolle einnehmen würde:

"Ich glaub, das ist in der ganzen Gesellschaft so und da auch in diesem Mikrokosmos, Klasse oder Kindergartengruppe, dass es Menschen gibt, die sich sehr wenig Platz nehmen, und andere, die sich viel Raum nehmen. Und es ruckelt sich meistens eigentlich in der Gruppe zurecht. Grundsätzlich merkt die Gruppe, es funktioniert besser, wenn man Helsin jetzt diesen Raum lässt und wenn man Regeln findet. Und die Lehrerin - übrigens meine allererste positive Lehrerfigur anscheinend, die ich jemals geschrieben habe - ist eine, die sehr weise Regeln findet, die für alle funktionieren. Bisher, bis Louis kommt."

Louis ist der Neue in der Klasse. Als er am ersten Tag gleich mal dichtet, Helsin Apelsin Apfelsine!, kann er nicht ahnen, was dieser harmlosen Reimerei folgen wird. Helsin schwingt ohne Vorwarnung die rechte Faust, schlägt zu, und Louis' Nase blutet. Nach einem kurzen Schockmoment sagt Helsin wie immer Entschuldigung, gibt die Hand und gut ist. Aber nicht so mit Louis. Er ordnet sich den ungeschriebenen Regeln nicht unter und benimmt sich, so Helsins Meinung, wie der empfindliche Prinz auf der Erbse. Der nächste Spinner geht dann zu Hause los, denn Helsin ist nun extrem sauer auf ihre Eltern und ihren ungewöhnlichen Vornamen. Dabei klingt Helsins Herkunftsgeschichte wie ein Märchen, in dem sie nicht das Rumpelstilzchen, sondern die Prinzessin ist, die in Helsinki adoptiert wurde. 

",Und deshalb sagte der Mann: Dieses Kind soll Helsin heißen!', fuhr Mama fort. ,Und so geschah es.'
.Mama?', unterbrach Helsin sie. ,Glaubst du, dass meine Spinner irgendetwas mit Finnland zu tun haben?'
,Quatsch!', lachte Mama. ,Die Finnen spinnen auch nicht mehr als andere Leute.'
,Und glaubst du, dass meine ersten Eltern auch Spinner hatten?' Mamas Gesicht wurde wieder ernst. Sie zuckte mit den Schultern. ,Keine Ahnung.'"

Leguan unterm Bett

Für ihre Spinner kann Helsin somit niemanden verantwortlich machen, sie muss sie selbst in den Griff kriegen. Doch so weit ist Helsin noch lange nicht, sie sinnt auf Rache. Und so klaut sie einfach Louis' Leguan aus der Schultasche und schmuggelt ihn heimlich in einem Karton unter ihr Bett. Natürlich vermisst Louis sein Tier und droht dem Dieb mit schrecklichen Schmerzen. Als Helsin dann Post von ihrer bisher unbekannten finnischen Oma erhält und erfährt, dass Louis in Schweden gewohnt hat, kommen die beiden Streithähne sich näher. Mit Louis zusammen, der Helsins Spinner einfach ignoriert, arbeitet das Mädchen dann erfolgreich an einem Klassenprojekt und bemerkt gar nicht, dass ihr alter Freund Tom ziemlich eifersüchtig ist.

Für Helsin wird es immer komplizierter, den Leguan unter ihrem Bett geheim zu halten. Sie lügt ihre Eltern an, verpasst den richtigen Augenblick, um Louis alles zu beichten, klaut Geld, enttäuscht so den gutmütigen Vater und schmiedet mit Louis Fluchtpläne per Boot nach Finnland. Eng an Helsins Seite spüren die Leser und Leserinnen, wie die Hauptfigur mit ihren inneren Dämonen kämpft und eigentlich alles richtig machen möchte. Froh, einen Ausweg gefunden zu haben, lässt Helsin den Leguan in einem passenden Moment blitzschnell in Louis' Tasche schlüpfen. Helsins Lehrerin beobachtet sie dabei und schweigt.  

"Ich möchte eigentlich nicht politisch korrekt erzählen. Ich möchte Konflikte so erzählen, wie sie halt oft auch stattfinden, wie sie vor allem auch gelöst werden, nämlich unerwartet. Nämlich, dass Menschen individuelle Lösungen finden und keine vorgefertigten Schablonenlösungen, vor allem Kinder."

Kleine Alltäglichkeiten und große Dramen

Stefanie Höflers Hauptfigur darf ungebremste Gefühle wirklichkeitsnah ausleben - vom  Glücklichsein bis zum wütenden Explodieren -, als gäbe es keine Zwischentöne. Genauso übermütig und verrückt sind dann auch die Lösungen, die Helsin für ihre Konflikte sucht, die plötzlich so turmhoch und unüberwindbar scheinen, dass nur eine Flucht in einem Boot nach Finnland helfen könnte.

Eingebettet in ein stabiles soziales Umfeld machen die Protagonisten in dieser temporeichen Geschichte ihre ganz eigenen Erfahrungen. Stefanie Höfler hat für ihren ersten Kinderroman jedes Wort mit Bedacht gewählt und so den richtigen Erzählton für die kleinen Alltäglichkeiten und die großen Dramen aus Helsins Sicht gefunden.

Stefanie Höfler/Anke Kuhl (Ill.): "Helsin Apelsin und der Spinner"
Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim. 205 Seiten, 12,95 Euro. Ab 8 Jahren

Stefanie Höfler: "Helsin Apelsin und der Spinner"
Gelesen von Eva Mattes
Der Audio Verlag, Berlin. 4 CD's, 4'43 Stunden, 16,99 Euro. Ab 8 Jahren

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk