Steigende BenzinpreiseEs braucht einen Kulturwandel im Verkehrsbereich

Benzin ist so teuer wie seit Langem nicht. Doch was die Menschen gerade an der Zapfsäule erleben, sei nur ein Vorgeschmack. Das Land brauche einen Kulturwandel, kommentiert Silke Hahne. SPD, Grüne und FDP hätten jetzt die Gelegenheit, für die Zukunft vorzusorgen: Mehr Bus- und Bahnverkehr, mehr Radwege.

Ein Kommentar von Silke Hahne | 23.10.2021

Eine rote Ampel leuchtet vor der Preistafel einer Tankstelle. Seit Monaten treiben steigende Ölpreise die Kosten an der Zapfsäule. Jetzt hat Diesel seinen gut neun Jahre alten Preisrekord geknackt.
Seit Monaten treiben steigende Ölpreise die Kosten an der Zapfsäule. Jetzt hat Diesel seinen gut neun Jahre alten Preisrekord geknackt. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Bei wenigen Produkten schwanken die Preise so stark wie beim Öl. Das zeigt ein Blick auf die jüngere Vergangenheit: Im April 2020 sackte der Preis für US-Erdöl kurzzeitig unter die Marke von null Dollar. Wer damals Öl loswerden wollte, musste dafür zahlen. Die Welt war in einer Corona-Schockstarre – sie stand buchstäblich still. Öl war plötzlich unbrauchbar.
Jetzt, anderthalb Jahre später, ist die Nachfrage wieder kräftig angestiegen, kostet ein Fass Rohöl wieder deutlich mehr als 80 Dollar. Und nicht nur das: Auf der energiehungrigen Nordhalbkugel steht die Heizsaison vor der Tür, das treibt die Nachfrage zusätzlich, wie jeden Herbst. Zudem macht der Wechselkurs von Dollar und Euro das Öl für Europa teuer. Das Ölkartell Opec und seine Partner lassen sich mit einer Ausweitung der Produktion Zeit – ihnen nutzt der hohe Ölpreis. Das alles treibt die Spritpreise. Und dann ist da noch der CO2-Preis. Der sorgt in Deutschland inklusive Mehrwertsteuer für einen weiteren Aufschlag von sechs bis acht Cent pro Liter.
Ein Autofahrer tankt ein Auto mit Benzin Super E5 an einer Tankstelle.
Gas, Strom, Benzin - Was den steigenden Energiepreisen entgegnet werden kann
Die Preise für Gas, Strom und Benzin steigen rasant und belasten Verbraucher wie Unternehmen. Daher werden Forderungen nach Hilfen und Entlastungen lauter.

Alles nur ein Vorgeschmack

Auch ohne den CO2-Preis wären Benzin und Diesel also gerade relativ teuer. Dennoch dürften viele Menschen ahnen: Was sie gerade an der Zapfsäule erleben, ist nur ein Vorgeschmack. Kurzfristig werden Öl und Sprit vielleicht nochmal billiger. Aber wenn die Kosten für CO2 weiter steigen, gibt es irgendwann kein Zurück mehr. Oder anders gesagt: Wenn die Folgekosten des CO2-Ausstoßes auf die eigentlichen Verursacher statt auf die Allgemeinheit umgelegt werden, dann wird es auf Dauer richtig teuer ein Verbrenner-Auto zu fahren. Und anders als jetzt wäre das sogar politisch gewollt – und kein marktwirtschaftlicher Zufall.
Insofern ist jetzt ein guter Zeitpunkt innezuhalten und zu fragen: Wie könnte es anders gehen? Beim Thema Klimawandel den Verkehrssektor auszuklammern, ist natürlich möglich, es wäre aber folgenreich: Der Verkehr steht für ein Fünftel der deutschen CO2-Emissionen, global sogar für ein Viertel. Scheitert die Verkehrswende, scheitert der Klimaschutz.

Das Land braucht einen Kulturwandel

Dennoch werden wahrscheinlich viele Menschen weiter in ihr Verbrenner-Auto steigen, wenn sich an den Rahmenbedingungen neben den Kosten nichts ändert. Manche, weil sie keine andere Wahl haben. Andere, weil die Alternative noch teurer ist als ein Auto oder zu lange braucht. Kaum ein größeres politisches Projekt wurde in den vergangenen Jahrzehnten so vernachlässigt wie die Dekarbonisierung des Verkehrssektors. Und das, obwohl alle nötigen Technologien marktreif sind und die Konzepte zur Umsetzung längst auf dem Tisch liegen. Hier braucht das Land einen Kulturwandel.
Und damit ist ausdrücklich nicht die Elektrifizierung des Verkehrs gemeint. Über 48 Millionen Autos in Deutschland auf Strom umzustellen, wird wahrscheinlich nicht gelingen. Wenn viele Menschen ein Auto fahren wollen, müssen die Modelle sparsamer werden. Wahrscheinlich wird es aber auch andere Vehikel brauchen. SPD, Grüne und FDP haben jetzt die Gelegenheit, das Investitionsverhalten des Staates entsprechend neu zu sortieren und für die Zukunft vorzusorgen. Es braucht mehr Zugverkehr, mehr Busse, mehr Radwege. Eine neue Regierung muss außerdem den Kommunen endlich mehr Handlungsfreiheit verschaffen, zum Beispiel bei Tempo 30.

Den Menschen andere Mobilitätsformen schmackhaft machen

Kurzfristig braucht es jetzt kreative Lösungen, um den Menschen andere Mobilitätsformen schmackhaft zu machen. Kostenloser ÖPNV zu Stoßzeiten, günstige Rufbusse auf dem Land, Mobilitätsgutscheine, Pop-Up-Fahrradwege, Freifahrt-Spuren für Fahrgemeinschaften – zahlreiche Ideen, Modellprojekte und Experimente stehen zur Kopie bereit. In der Öl-Krise der 70er wurden autofreie Sonntage und eine zeitweise Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h auf Autobahnen verhängt. Die Bevölkerung reagierte erstaunlich gelassen darauf.
Ja, es gibt Menschen, die sind auf ihr Auto angewiesen. Und wenn diese Menschen ein kleines Einkommen haben, dann brauchen sie Unterstützung. Aber es stimmt auch, dass viele Menschen im Alltag eher kurze Wege haben. Die Hälfte der Pendler etwa fährt weniger als zehn Kilometer zur Arbeit. In vielen Fällen ist der Pfad aus der Abhängigkeit vom Erdöl und seinen Preisschwankungen also nicht weit.
Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft.
Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)
Silke Hahne, geboren bei Köln. Studium Kommunikationswissenschaft und Hörfunkjournalismus in Münster und Leipzig, jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Finanzen. Freie Mitarbeiterin bei mehreren MDR-Hörfunkwellen, Volontariat beim Deutschlandradio. Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft.