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StartseiteInterview"Das Virus diktiert momentan, wie die Pandemie verläuft"22.10.2020

Steigende Corona-Neuinfektionen"Das Virus diktiert momentan, wie die Pandemie verläuft"

Im Kampf gegen die Corona-Pandemie seien die derzeitigen Maßnahmen zwar nur begrenzt wirksam, aber nicht unwichtig, sagte der Mediziner Christoph Specht im Dlf. Das gelte etwa für Abstand halten und Maske tragen. Denn das könne den Unterschied ausmachen und dramatische Zustände verhindern.

Christoph Specht im Gespräch mit Dirk Müller

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Hinweisschild an einem Laden in der Leipziger Innenstadt, dass man einen Mindestabstand von 2 Metern einhalten soll. (picture alliance/dpa/Kirsten Nijhof)
Wichtig im Kampf gegen die Pandemie sei "Abstand halten, Abstand halten, Abstand halten", sagte der Mediziner Christoph Sprecht (picture alliance/dpa/Kirsten Nijhof)
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In Deutschland haben sich an einem Tag 11.287 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Es ist der höchste Wert, der seit Beginn der Pandemie registriert wurde. Im April waren es ungefähr 6.100. Die Infektionen fänden vor allem da statt, wo keine Maske getragen werde - und das seien oft private Veranstaltungen, sagte der Mediziner und Gesundheitsexperte Dr. Christoph Specht im Dlf. Trotzdem dürfe man jetzt nicht nervös werden.


Vom Konzept der Nachverfolgbarkeit verabschieden

Dirk Müller: Herr Specht, ist die Kontrolle abhandengekommen?

Christoph Specht: Sie droht zumindest abhandenzukommen. Was die Nachverfolgbarkeit angeht der einzelnen Kontakte durch die Gesundheitsämter, ist jetzt eine Phase erreicht, wo das zunehmend schwieriger wird. Wir haben so viele Fälle, dass die Gesundheitsämter so, wie sie aufgestellt sind, selbst wenn sie noch mehr Personal hätten, nicht mehr in der Lage sein werden – zumindest in den nächsten Wochen – diese Kontakte auch alle nachzuverfolgen. Ich denke, von diesem Konzept wird man sich verabschieden müssen.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Müller: Das hat Nordrhein-Westfalen jetzt auch noch mal eingestanden, gemeldet: Wir können nicht mehr nachverfolgen, nachvollziehen, jedenfalls nicht in Gänze. Was ist die Alternative, wenn Sie sagen, das muss verändert werden?

Specht: Wenn wir nicht nachverfolgen können, dann ist natürlich ein wesentlicher Grundsatz, den man in der Epidemiologie sehr am Anfang schon lernt, nicht mehr gegeben. Und die Ausbreitung könnte sich dadurch noch mal beschleunigen. Aber ich glaube, wir haben da tatsächlich gar keine andere Wahl, als uns darauf dann zu besinnen, wenn wir feststellen, die Infektionsgeschwindigkeit an sich können wir offensichtlich nicht massiv verändern, dann müssen wir aber diejenigen, die besonders schwer daran tragen, besonders schützen. Das sind eben die Alten, die vulnerablen Gruppen, wie man schön sagt. Es sind aber nicht nur die Alten, es sind natürlich auch chronisch Kranke. Und das ist nicht leicht, aber es ist die einzige Chance, die wir jetzt haben. Viele werden die Infektionszahlen, die jetzt nach oben gehen, wegstecken mit wenigen Symptomen, manche vielleicht auch mit gar keinen Symptomen, aber eben diese Älteren und die chronisch Kranken eher nicht.

"Wir bräuchten mehr Tests"

Müller: Deswegen ist die Zahl nicht ganz so entscheidend, wenn ich Sie richtig verstanden habe, sondern entscheidend ist Kontrolle, Fokussierung auf die besonders gefährdeten Gruppen, das fordern immer mehr Stimmen – passiert aber offenbar noch nicht.

Specht: Es passiert, glaube ich, schon, aber es ist natürlich nicht so einfach. Wenn Sie an ein Altenheim oder ein Pflegeheim denken, dann haben wir ja vor einiger Zeit gehört, dass jetzt hier vermehrt die Tests eingesetzt werden sollen, einmal für das Personal, aber auch für die Besucher, hauptsächlich dann die Antigen-Tests, also die einfachere Form, eine aktuelle Infektion nachzuweisen. Diese Tests gibt im Prinzip schon, aber so richtig ausgerollt, dass Sie die wirklich in der Fläche haben, sehe ich jedenfalls noch nicht. Wir bräuchten sie schon, auch mit dem Wissen, dass sie natürlich weit ungenauer sind als die PCR-Tests.

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Müller: Das ist wieder ein Argument dagegen, das wird auch immer aufgeführt, nicht genau genug, große Fehler- und Risikoquote, das bringt dann gar nicht so viel. Stimmt das?

Specht: Man muss zumindest die Frage stellen, ob die Antigen-Tests tatsächlich die große Entlastung bringen. Die Überlegung ist ja, wir machen Antigen-Tests in der Fläche, und wenn dieser dann positiv ist, wird er noch einmal über einen PCR-Test kontrolliert, um eben ein falsch positives Ergebnis zu korrigieren oder herauszufinden. Auf der anderen Seite bieten diese Tests aber auch eine Rate an falsch negativen Ergebnissen, das ist natürlich insofern bedauerlicher und schlimmer, weil dann zum Beispiel ein Besucher, der doch positiv ist, eben Leute anstecken könnte.

"Jetzt kommt der Winter, die Zahlen werden steigen"

Müller: Reden wir, Herr Specht, noch einmal über die Wirkung und die Konsequenz von Zahlen. Wir haben 169 mal gehabt als Tiefstand im Sommer, dann ist das langsam, kontinuierlich, aber nicht besonders merklich wieder angewachsen. Dann kamen die Tausendermarken, die wieder überschritten wurden, 2.000, 3.000, 4.000. Dann hatten wir die 6.000, die 7.000er-Marke. Jetzt haben wir 11.287, ich hatte das in der Moderation gesagt. Die Kanzlerin hat von 19.000, warum auch immer, gesprochen, vielleicht weiß sie schon mehr, was uns Ende der Woche erwartet. Wenn die Zahlen immer weiter steigen, ist das nicht die absolute, notwendige Konsequenz daraus, dass immer mehr getestet wird?

Specht: Die erhöhte Testzahl hat natürlich was mit den erhöhten Zahlen jetzt zu tun. Ganz klar lassen sich die 11.000 von heute oder die 7.000 von vor ein paar Tagen nicht vergleichen, man kann sie vergleichen, aber nicht gleichsetzen, mit den Zahlen aus März und April – einfach, weil die Testzahlen tatsächlich höher sind. Auf der anderen Seite darf man sich aber jetzt nicht beruhigen und sagen, na ja, die Zahlen steigen nur wegen der erhöhten Testfrequenz. Die Positivrate der Tests ist auch gestiegen, wir haben definitiv mehr Infektionen, das war ja auch immer erwartbar. Jetzt kommt der Winter, als die Pandemie aufkam bei uns, kam eher das Frühjahr, das hat uns geholfen. Jetzt kommt der Winter, die Zahlen werden steigen, man darf aber trotzdem aus meiner Sicht nicht nervös werden, das bringt nichts. Wir müssen erkennen, dass das Virus momentan mehr diktiert, wie die Pandemie verläuft, als wir uns das wünschen würden. Unsere Maßnahmen sind deswegen nicht unwichtig, aber sie sind begrenzt. Bei allem, was wir tun können, und ein flächendeckender Lockdown, ein echter Lockdown, so wie er zum Beispiel in Australien oder Neuseeland war, den werden wir ja nicht haben wollen.

"Abstand halten. Danach kommt lange nichts."

Müller: Sagen Sie, andere sehen das ja zum Teil anders. Gut, die Konsequenzen nach dem ersten Lockdown werden natürlich nach wie vor ja relativ heftig diskutiert. Lothar Wieler sagt ja trotz allem, wir brauchen mehr Schutz. Was kann mehr Schutz bringen?

Specht: Er hat natürlich noch einmal – und aus meiner Sicht völlig zurecht – an die einfachen Mittel erinnert. Ich glaube, das ist auch tatsächlich die Lösung oder das, was wir tun können. Abstand halten, Abstand halten, Abstand halten. Danach kommt lange nichts, danach haben wir natürlich die Kontaktreduzierung und das Masketragen, jetzt zur Zeit noch hinzukommend das Lüften. Diese Maßnahmen sollten wir unbedingt einhalten, das Masketragen wird kein hundertprozentiger Schutz sein, auch in geschlossenen Räumen nicht, wir wissen das. Aber es ist immerhin das, was wir tun können, und es könnte den Unterschied ausmachen zwischen tatsächlich dramatischen Zahlen in der Intensivstation und noch beherrschbaren Zahlen. Wir haben jetzt um die 1.000 Patienten dort, das kann ansteigen, es ist sehr angestiegen in der letzten Zeit. Noch ist es nicht bedrohlich, aber wir müssen halt aufpassen, dass es das nicht wird.

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Müller: Aber ist das wirklich das Ende der Fahnenstange, das Ende der Rezeptur, Abstand halten, Maskenpflicht?

Specht: Aus meiner Sicht ist es das Wesentliche, was wir tun können. Wenn wir einen kompletten Lockdown machen würden, selbstverständlich bei Epidemien im Tierreich, komplettes Abschotten, dann kann das natürlich helfen. Im Gedankengang, wir würden die ganze Welt für vier Wochen komplett anhalten, keiner bewegt sich von der Stelle, dann wäre das Virus wahrscheinlich weg, solange es kein Tierreservoir gibt.

Ansteckung vor allem im privaten Raum

Müller: Hat der erste Lockdown geholfen? In der Konsequenz ...

Specht: Ich glaube, er hat geholfen, aber die Zahlen gingen schon vor dem ersten Lockdown herunter, weil die Leute Angst hatten und sich weniger nach draußen bewegt haben beziehungsweise weniger Kontakte hatten. Sie hatten noch keine Masken, aber sie haben sich zurückgehalten. Ich glaube nicht, dass der Lockdown tatsächlich stark etwas verändern würden, wenn wir zum Beispiel wieder Friseure schließen würden oder Supermärkte schließen würden, überhaupt Geschäfte schließen würden. Das ist, wie auch Herr Wieler sagte, nicht der Hotspot, dort stecken sich die Leute nicht an, es ist tatsächlich der private Raum.

Müller: Aber das wissen wir jetzt, das ist ja vor zwei, drei Monaten völlig anders interpretiert worden. Da war das ja absolut notwendig, in den Supermarkt natürlich mit Maske zu gehen, Abstand zu halten, das ist ja jetzt auch noch so, jedenfalls die Forderung. Wie kann das sein, dass dort relativ wenig passiert? Was ist denn in Berchtesgaden passiert, wissen Sie das?

Specht: Das entzieht sich auch meiner Kenntnis, würde mich auch brennend interessieren, was da dazu geführt hat. Was das Masketragen angeht, es ist einfach die private Veranstaltung, wo eben keine Maske getragen wird. Immer das Beispiel: Erna aus Hamburg und der Onkel Jupp aus München kommen zusammen, wir sind ja Familie, da können wir die Maske ja weglassen. Das ist das Problem, da sind die Leute, das sieht man immer wieder, eben doch sehr eng beieinander. Das ist psychologisch auch absolut nachvollziehbar, aber sie leben eben nicht im gleichen Haushalt. Und dort finden die Infektionen statt.

"Die Familienkategorie ist keine taugliche Kategorie"

Müller: Aber demnach ist die Familienkategorie gar keine taugliche Kategorie?

Specht: Die Familienkategorie ist keine taugliche Kategorie, absolut nicht. Das war sie mal, früher, als wir noch in Stämmen gewohnt haben. Inzwischen müssen wir sagen, es geht eindeutig um den Haushalt, so ist es ja auch definiert. Ob das Familie ist oder nicht, spielt vom Prinzip keine Rolle.

Müller: Das wird trotzdem immer wieder hochgehalten als Argument, auch Verbindungen, Freundschaften, Beziehungen von Köln nach München – also für Sie gar kein Kriterium?

Specht: Ist kein Kriterium, aber die Verbindungen sollen ja erhalten werden. Ich wäre niemals dafür, dass man die kappt, aber man muss sich einfach bewusst sein, dass da die Abstandsregel halt genauso gilt. Das heißt ja nicht, dass man den sozialen Abstand halten sollte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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