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StartseiteKommentare und Themen der WocheJetzt liegt es an uns allen11.10.2020

Steigende COVID-19-InfektionszahlenJetzt liegt es an uns allen

Urlauber sollten nicht über ausgefallene Herbstreisen lamentieren, Partygänger auch an ältere und kranke Menschen denken, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Angesichts steigender Infektionszahlen sind zudem alle politischen Lager gefragt - der Gesundheitsminister kann nicht alle Antworten geben.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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"DJ Himself" legt im Volkspark Hasenheide bei einer Party auf.  (dpa / Christoph Soeder )
Illegale Feiern fielen im Sommer weniger auf als jetzt, meint Barbara Schmidt-Mattern. Abgesehen von der Infektionsgefahr sind die Kommunen mit den Kontrollen auch völlig überlastet. (dpa / Christoph Soeder )
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Rund fünfzig Jugendliche haben letzten Freitag in Köln eine Party gefeiert, mindestens 18 von ihnen sind mittlerweile mit Covid-19 infiziert. Auf Berliner Straßen stößt ein Kamerateam derweil auf zwei junge Männer, die die Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie als "sinnlos" bezeichnen. Im Nachbarbezirk Friedrichshain fliegen unterdessen Eier auf Polizeibeamte, die versuchen, die Verbreitung des Virus durch Kontrollen zu verhindern. Wer die Eier geworfen hat, ist unklar, aber Seniorinnen werden es mutmaßlich eher nicht gewesen sein. Auch bescheinigt eine neue Studie jungen Leuten, dass sie die AHA-Regeln – Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – genauso viel oder wenig beherzigen wie andere Bevölkerungsgruppen. Es geht also nicht darum, eine ganze Generation pauschal zu verunglimpfen. Aber Belege für egoistisches Verhalten und Ignoranz unter Jugendlichen, die gibt es eben auch reichlich, selbst, wenn sie nicht repräsentativ sind.

Die Corona-Warn-App mit der Seite zur Risiko-Ermittlung ist im Display eines Smartphone vor der Kuppel des Reichstags zu sehen. (Michael Kappeler/dpa) (Michael Kappeler/dpa)Im Innersten einer COVID-Matrjoschka
Der Begriff "Risiko" ist im Herbst 2020 das Synonym für Corona, meint Dlf-Kolumnist Arno Orzessek. Zugleich lebt es sich jedoch auch im gefährlichsten Corona-Risikogebiet ungefährlicher als in jedem Kriegsgebiet.

Urlauber sollten nicht über ausgefallene Herbstreisen lamentieren

Im Sommer fiel die Rücksichtslosigkeit nur nicht ganz so sehr auf, weil die Nachtschwärmer versteckt in der Dunkelheit in den Berliner Parks feierten. Auch zwei Lehrerinnen(!) aus Nordrhein-Westfalen reisten als Party-Touristinnen nach Berlin – es geht also auch um verantwortungslose Erwachsene. Und was ist eigentlich mit den Eltern, die ihre minderjährigen Kinder in diesen Pandemie-Zeiten auf Partys ziehen lassen? Dann doch lieber zum Urlaub an die Ostsee? Auch das fällt in diesem Herbst aus. Wer nur mit ein wenig Weitsicht darüber nachgedacht hätte, dass man zum Auftakt der Erkältungszeit vielleicht besser zuhause bleibt während einer Pandemie, der müsste jetzt nicht über ausgefallene Herbstreisen lamentieren. Verkäuferinnen, Solokünstler und Taxifahrer können sich das übrigens eh nicht leisten. Die reiseverliebte Wohlstandsgesellschaft erinnert hingegen an vergangene Debatten, als alle was für den Klimaschutz tun wollten und dann den nächsten Thailand-Urlaub buchten.

Kommunen mit Kontrolle der Maßnahmen teils überfordert

Es gibt ältere und kranke Menschen, die sich seit Monaten kaum noch aus ihrer Wohnung trauen, Schulen, in denen die Angst vor einer neuen Schließung umgeht und viele Mütter, die immer noch den Löwenanteil der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen. Sie alle haben jeden Schutz und Unterstützung durch den Staat verdient, und da könnte durchaus noch viel mehr geschehen. Stattdessen müssen nun in fast allen Bundesländern unter hohem personellen und finanziellen Aufwand Sperrstunden und Maskenpflicht kontrolliert werden. Viele Kommunen sind damit komplett überfordert. Unter anderem deshalb, weil die öffentliche Daseinsvorsorge – vor allem Ordnungs-, und Gesundheitsämter – über Jahre kaputtgespart wurden. In Nordrhein-Westfalen und Berlin ist das besonders offensichtlich. Wenn nun wieder einmal Bayern vorprescht und besonders rigide Vorsichtsmaßnahmen fordert, mag das einerseits dem politischen Ehrgeiz eines Markus Söder geschuldet sein. Der Ministerpräsident und CSU-Chef fordert jetzt ein bundesweites Bußgeld von 250 Euro für jeden Maskenverweigerer. Sollte Söder ernsthaft über eine Kanzlerkandidatur nachdenken, dann muss er allmählich zeigen, dass er in der Lage ist, über die bayerischen Landesgrenzen hinaus zu denken.

Krankenhausbetten stehen in einer Messehalle auf dem Messegelände Hannover. Seit dem Frühjahr wird für den Fall hoher Infektionszahlen mit dem Coronavirus ein Behelfskrankenhaus mit über 400 Betten vorgehalten. Im Einsatz war das Notfall-Krankenhaus bisher nicht.  (dpa / Julian Stratenschulte) (dpa / Julian Stratenschulte)Epidemiologe: "Erkrankungszahlen sollten Kernfokus sein"
Personen mit Symptomen sollten vorrangig auf das Coronavirus getestet werden, sagte Epidemiologe Gérard Krause im Dlf. Denn sie trügen offenbar stärker zur Übertragung des Virus bei.

Gesundheitsminister kann nicht alle Antworten geben

Alle politischen Lager stehen jetzt, angesichts rapide steigender Infektionszahlen, erneut unter Druck. Es sind vor allem Ministerpräsidenten der CDU und CSU, die die Debatte an diesem Wochenende geprägt haben. Aus der SPD ist, abgesehen von Karl Lauterbach, wenig zu hören. Kanzlerkandidat Olaf Scholz scheint beim Thema Pandemie-Management, völlig abgetaucht zu sein. Auch von Grünen und FDP im Bund ist nicht viel zu hören.

Dabei gibt es genügend Fragen, die dringend geklärt werden müssten: Wann gehen Politik und Behörden endlich die Ursache vieler Masseninfektionen an? Im Fokus stehen nicht nur Partys und Privatfeiern, sondern auch einige –Großhochzeiten mit hunderten von Gästen. Ein anderes Problem sind die anhaltend grausigen Zustände für Tiere und viele Angestellte in den Fleischfabriken. Ein Gesundheitsminister kann nicht alle Antworten geben. Der Umgang mit Corona zwingt auch zu einer anderen Integrations- und Landwirtschaftspolitik.

Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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