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StartseiteKommentare und Themen der WocheBitte erst mal durchatmen!24.08.2020

Steigende InfektionszahlenBitte erst mal durchatmen!

Die steigenden Corona-Zahlen sorgten für eine Reihe von Missverständnissen, kommentiert Michael Watzke. Deutschland werde mit der Lage heute wesentlich besser fertig als vor einigen Monaten. Panik sei deshalb genauso fehl am Platz wie eine generelle Maskenpflicht am Arbeitsplatz.

Von Michael Watzke

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Verschiedene Masken aus Stoff hängen im Fenster einer Schneiderei. Bonn, 03.07.2020 *** Various masks made of fabric hang in the window of a tailor shop Bonn, 03 07 2020 Foto:xC.xHardtx/xFuturexImage  (imago images / Future Image)
Der Mundschutz im Alltag hat sich durchgesetzt - aber wie viele weitere Corona-Regeln brauchen wir noch? (imago images / Future Image)
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Coronavirus Aktuelle Zahlen und Entwicklungen

Einmal tief durchatmen, bitte. Das sollte man derzeit immer tun, bevor man über Corona und eine mögliche zweite Welle spricht. Also: Die Gefahr durch COVID-19 in Deutschland ist real – und wir dürfen sie nicht kleinreden. Aber wer behauptet, wir befänden uns in diesen Tagen am selben Punkt wie vor vier Monaten, zu Beginn der ersten Corona-Infektionswelle, der schürt eine Panik, die nicht gerechtfertigt ist.

Heute haben wir ein ehrlicheres Bild

Auf den ersten Blick mögen sich die Infektions-Zahlen gleichen. 25. März: 2.342 neue Corona-Fälle in Deutschland. 21. August: 2.327 Fälle. Aber diese beiden Zahlen, so besorgniserregend sie sind, lassen sich nur bedingt vergleichen: Heute testen wir viel, viel mehr als vor vier Monaten. Schätzungsweise mehr als zehnmal so viel wie im März. Das ist gut so. Es bedeutet: Heute haben wir ein genaueres und ehrlicheres Bild von der Verbreitung des Corona-Virus als zu Beginn der ersten Welle.

Grafik: Die Entwicklung in Deutschland – eine Chronik (Deutschlandradio / Andrea Kampmann) (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)Coronavirus - Aktuelle Zahlen und Entwicklungen
Im Coronavirus-Zeitalter sind wir alle zahlensüchtig: Wie viele gemeldete Coronavirusfälle gibt es in Deutschland? Beschleunigt sich die Ausbreitung des Virus, wie entwickeln sich die Fallzahlen international? Ein Überblick.

Übertriebene Forderungen

Das spiegelt sich auch in den Todeszahlen wider: Ende März starben täglich rund 150 Menschen an COVID-19. Heute sind es etwa zehn pro Tag. Jeder Todesfall ist einer zu viel. Und die aktuelle Letalitätsrate kann in den nächsten zwei Wochen zeitversetzt noch steigen. Aber aus den aktuellen Zahlen drakonische Maßnahmen wie einen neuen Lockdown abzuleiten, ist übertrieben.

Noch mal: wir dürfen die Gefahr nicht herunterspielen. Aber kleine Schritte sind jetzt angemessener als große. Eine generelle Maskenpflicht am Arbeitsplatz, wie sie CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ins Gespräch gebracht hat, wäre ein großer Schritt. Ein zu großer. Solch eine Maßnahme kann regional begrenzt sinnvoll sein – in Kommunen, die besonders stark von Corona betroffen sind und die die bundeseinheitlich gesetzten Grenzwerte überschreiten. Aber nicht deutschlandweit.

Schüler tragen Masken beim Unterricht im Musikraum (picture alliance / imagoBROKER / Rupert Oberhäuser) (picture alliance / imagoBROKER / Rupert Oberhäuser)Schulunterricht "ist natürlich ein Risikoszenario"
Natürlich gebe es ein Ansteckungsrisiko, wenn sich viele Menschen über Stunden in einem Klassenraum aufhielten, sagte die Virologin Isabella Eckerle im Dlf. Sie warnt davor, die Rolle von Kindern im Virusgeschehen zu unterschätzen.

Ein Anti-Corona-Plan aus einem Guss

Es wäre wichtig und begrüßenswert, wenn sich die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten in dieser Woche bei ihrer MP-Konferenz auf eine möglichst einheitliche Strategie einigen. Einen Anti-Corona-Plan aus einem Guss, der aber dennoch auf unterschiedliche Entwicklungen reagiert. Beispielsweise sollte es wenig betroffenen Regionen erlaubt sein, größere Menschenansammlungen zuzulassen, solange sie niedrige Fallzahlen aufweisen.

Die Bußgelder gegen Verstöße sollten dagegen in ganz Deutschland einheitlich sein. Und sie sollten steigen. Wer in Bus und Bahn keine Maske trägt, verhält sich asozial. Wenn ihm oder ihr dafür 250 Euro Strafe drohen, sorgt das vielleicht für ein Umdenken.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Wir haben es in der Hand

Wenn unser Umgang mit Corona tatsächlich dem Modell "Hammer und Tanz" ähnelt, dann ist die Tanzphase am Ende dieser Sommerferien wahrscheinlich vorbei. Aber das bedeutet nicht, dass sofort der Hammer fallen muss. Noch haben wir Bürger es wortwörtlich in der Hand, wie es weitergeht mit Corona.

Michael Watzke  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Michael Watzke, geboren 1973 in Remscheid, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Er studierte Politik und Soziologie in München und Washington DC. Nach Stationen bei SZ und BILD arbeitete er als Chefreporter für Antenne Bayern. 2003 gewann er den Axel-Springer-Preis. Danach Ausbildung an der Drehbuch-Werkstatt der HFF München. Als Autor des TV-Dramas "Das letzte Stück Himmel" (Regie: Jo Baier) erhielt er den Robert-Geisendörfer-Preis und war für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Arbeit als Regisseur und Produzent. Seit 2010 berichtet er für Deutschlandradio als Bayern-Korrespondent aus München.

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