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StartseiteInterviewFratzscher (DIW): "Meine Sorge gilt vielmehr den Mieten"01.10.2021

Steigende Inflationsrate Fratzscher (DIW): "Meine Sorge gilt vielmehr den Mieten"

Die Inflationsentwicklung als Ganzes bereite ihm weniger Sorgen, es seien vor allem die sehr stark steigenden Mieten, sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher im Dlf. Das treffe vor allem Menschen mit geringen Einkommen. Verantwortlich für die Entwicklungen vor allem beim Wohnen sei die Politik.

Marcel Fratzscher im Gespräch mit Sandra Schulz

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Prof. Dr. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin, in der Bundespressekonferenz (imago / Jürgen Heinrich )
Prof. Dr. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin, in der Bundespressekonferenz (imago / Jürgen Heinrich )
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Zum ersten Mal seit fast 30 Jahren übersteigt die Inflationsrate nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamts wieder die Vier-Prozent-Marke. Die Verunsicherung ist groß: Viele Menschen fragen sich, ob die Inflation bleibt?

Das klinge alles "dramatischer als es ist", sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), im Dlf. Die Preise seien auch deshalb jetzt besonders hoch, weil sie im vergangenen Jahr besonders niedrig waren. Er erwarte, dass es im kommenden Jahr wieder eine Normalisierung der Inflationsrate geben werde. Aktuell seien besonders die Energiepreise für den Anstieg der Inflationsrate verantwortlich.

Die größere Sorge für Menschen mit geringen Einkommen seien aber "gar nicht so sehr die Energiepreise, sondern eher die Mieten", sagte Fratzscher. Es gebe "nicht wenige Familien in den Städten, die 40 Prozent oder mehr ihres monatlichen Nettoeinkommens fürs Wohnen ausgeben, und dieser Trend steigt massiv in den vergangenen 20 Jahren. (...) Die Menschen geben sehr viel weniger für Energie aus als fürs Wohnen." Vernatwortlich für diese Entwicklung sei die Politik.

  (Imago / SKATA) (Imago / SKATA)Inflation - Warum steigen die Preise?
Im September 2021 wird die Inflation voraussichtlich 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat erreichen, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Damit haben die Verbraucherpreise in Deutschland den Höchststand seit 28 Jahren erreicht.


Das Interview in voller Länge:

Sandra Schulz: Dieser Anstieg auf mehr als vier Prozent, was bedeutet der?

Marcel Fratzscher: Der bedeutet, dass über die vergangenen zwölf Monate die Preise in Deutschland im Durchschnitt um diese 4,1 Prozent gestiegen sind, und das ist wichtig, denn so eine Entwicklung kann sich aus zweierlei Dingen entwickeln: einmal, weil jetzt die Preise besonders hoch sind, oder weil sie im vergangenen Jahr besonders niedrig waren. Die Antwort ist: Es ist ein bisschen was von beidem. Wir haben im vergangenen Jahr einen starken Absturz der Preise gehabt, gerade auch Energiepreise, im zweiten Halbjahr auch eine temporäre Mehrwertsteuersenkung, und das erklärt, weshalb jetzt die Preise so stark angestiegen sind im Vergleich zu vor zwölf Monaten.

"Zum Teil eine Normalisierung der Preisentwicklung"

Richtig ist natürlich auch: Teil der Geschichte ist der von Ihnen erwähnte Anstieg der Energiepreise. Aber diese 4,1 Prozent klingen dramatischer, als sie wirklich sind, weil es zum Teil eine Normalisierung der Preisentwicklung ist, durch diese Sondereffekte, die schwache Preisentwicklung im vergangenen Jahr, und deshalb muss man das ein bisschen einordnen. Es klingt dramatischer als es ist und alle erwarten eigentlich, dass wir im kommenden Jahr wieder eine Normalisierung der Inflationsrate haben werden.

Schulz: Und warum erwarten das alle, wenn doch eigentlich kaum jemand erwartet, dass die Energiepreise sich jetzt auch in Zeiten von Klimaschutz, von CO2-Bepreisung in eine andere Richtung entwickeln werden?

Fratzscher: Inflation heißt ja immer ein Preisanstieg und es kann durchaus sein, dass Energiepreise auch in den kommenden Jahren ansteigen werden. Aber es gibt ja auch viele andere Dinge, denken sie an Elektronik, denken sie an einen Flachbildschirm, der sich nicht nur von der Qualität her enorm verbessert, sondern Dinge auch immer günstiger werden. Man muss es zusammen sehen und ich würde sagen, die größere Sorge ist für Menschen mit geringen Einkommen gar nicht so sehr die Energiepreise, das ist auch ein Thema, sondern eher die Mieten.

Gesamtwirtschaftlich steigen immer einige Preise, andere Preise sinken, aber meine Sorge gilt nicht der Inflationsentwicklung als Ganzes, sondern ist eher bei bestimmten Gruppen, Menschen in den Städten mit geringen Einkommen, durch sehr stark steigende Mieten vor allem, die dort letztlich am Ende des Monats weniger Geld in der Tasche haben und den Gürtel enger schnallen müssen. Die Sorge ist da, aber das gilt nicht für alle Gruppen.

"Die Menschen geben sehr viel weniger für Energie aus als fürs Wohnen"

Schulz: Gibt es bei den Mieten denn eine sensible Reaktion auf die Inflation? Die Mieten, das sind ja oft fixe Größen, die einmal bei Einzug verhandelt werden und dann oft für viele Jahre nicht mehr.

Fratzscher: Viele Menschen haben in Deutschland eine Staffelmiete. Das sind vor allem junge Menschen, junge Familien, die vielleicht Kinder bekommen und sagen, wir müssen umziehen, wir brauchen eine größere Wohnung, mehr Platz, und dann ist es häufig so, dass da ein Riesensprung kommt, und viele können es sich gar nicht mehr leisten, im eigenen Quartier, im eigenen Kiez, wie wir in Berlin sagen, wohnen zu bleiben, und dann wird es dramatisch. Meine Sorge gilt vielmehr den Mieten, weil es gibt nicht wenige Familien in den Städten, die 40 Prozent oder mehr ihres monatlichen Nettoeinkommens fürs Wohnen ausgeben, und dieser Trend steigt massiv in den vergangenen 20 Jahren. Viele Menschen geben deutlich mehr aus und das ist wirklich das große soziale Thema.

Energiepreise – ja, das ist sicherlich auch ein Thema, aber die Menschen geben sehr viel weniger für Energie aus als fürs Wohnen. Nur wenn man übers Wohnen spricht, dann realisiert man auch, da liegt jetzt die Schuld oder Verantwortung nicht bei einer Zentralbank oder der Europäischen Zentralbank – die kann ja keine Mieten senken -, sondern da ist die Politik in der Verantwortung. Das stört mich in der Diskussion. Man schimpft über die Inflation, aber wenn man genau hinschaut, sieht man, dass eigentlich die Politik verantwortlich für die großen Entwicklungen vor allem beim Wohnen ist.

"Die kleinen Sparer zahlen den Preis dafür"

Schulz: Und da sind dann diejenigen die Glücklichen auf der Sonnenseite des Lebens, die in der Lage sind, Immobilien zu kaufen, um dort vielleicht auch einzuziehen. Schulden zu haben ist gut, wenn die Geldentwertung hoch ist, und da sind wir dann bei John Maynard Keynes, dass es manche reicht macht und andere ärmer.

Fratzscher: Ja, das ist für viele kleine Sparer, die jetzt ihr Geld auf dem Sparkonto haben, null Zinsen bekommen und eine Inflation von drei, vier Prozent haben, eine Katastrophe, weil der Wert ihres Ersparten auf dem Sparkonto damit an Wert verliert. Wir haben, man muss es sagen, aber in den letzten 40 oder 50 Jahren, seit den 60er-, 70er-Jahren ein Drittel der Zeit gehabt, wo die realen Zinsen, wo die Inflation höher war als das, was ich auf dem Sparkonto bekommen habe. Das ist jetzt auch nichts Ungewöhnliches. Aber es ist richtig: Inflation, die hoch ist, höher ist als die Zinsen, führt dazu, dass die, die verschuldet sind, profitieren, und die kleinen Sparerinnen und Sparer den Preis dafür zahlen.

Noch mal ein Wort zu den Immobilien. Das ist das große Problem. In den großen Städten hat kaum einer Eigentum. In Berlin sind es 17 Prozent, die in einem Eigenheim wohnen. 83 Prozent leben zur Miete. Wir haben in Deutschland sehr, sehr wenig Eigentum und das ist dann in Zeiten von höherer Inflation ein riesiges Problem.

"Im Großen und Ganzen wollen wir ja, dass Benzinpreise teurer werden"

Schulz: Was sich natürlich verschärft, wenn die Menschen kein Vermögen ansparen können, weil das Geld durch Geldentwertung schnell wieder flöten geht, oder es überhaupt nicht attraktiv ist, das Geld aufs Konto zu legen. – Sie haben jetzt sehr stark dieses Mieten-, dieses Immobilienthema angesprochen. Aber die Energiekosten mit im Moment ja Preiszuwächsen von ungefähr 15 Prozent, die sind aktuell auch das Thema. Frankreich hat eine Preisbremse für die Energiekosten eingezogen. Ist das eine gute Idee?

Fratzscher: Punktuell kann das sinnvoll sein, aber im Großen und Ganzen wollen wir ja, dass Benzinpreise teurer werden. Das muss man so ehrlich sagen. Die Bundesregierung hat einen CO2-Preis eingeführt. Auch fossile Brennstoffe werden teurer, und das ist nun mal Teil vom Klimaschutz, dass wir weniger diese fossilen Brennstoffe, sei es fürs Autofahren, sei es fürs Heizen, nutzen. Da ist jetzt die Aufgabe der Politik, diese notwendige Veränderung sozialverträglich zu machen. Die einnahmen, die der Staat durch diesen höheren CO2-Preis erzielt, sollen ja umverteilt werden. Die sollen gerade Menschen mit geringeren Einkommen zugutekommen. Wenn das richtig gemacht wird, dann heißt das, jemand mit einem geringen Einkommen gibt zwar mehr Geld jetzt für den Liter Benzin fürs Auto aus oder fürs Heizen im Winter, aber kriegt eine finanzielle Kompensation dafür vom Staat.

Das muss funktionieren und wenn man das richtig macht, ist das das bessere Instrument. Denn nochmals: Klimaschutz – da sind wir uns, glaube ich, auch alle einig -, das ist extrem wichtig, und das heißt nun mal, dass wir für unser Verhalten, Autofahren oder Reisen, was fossile Brennstoffe verbrennt und damit CO2 in die Atmosphäre abgibt, dass wir dort auch den Preis bezahlen für den Schaden, den wir mit unserem Verhalten verursachen. Da müssen wir uns ehrlich machen. Aber nochmals: Die Politik kann das sozialverträglich gestalten und das ist die Aufgabe, vor allem Menschen mit geringen und mittleren Einkommen, die sich nicht so schnell umstellen können, hier zu unterstützen, so dass die am Ende des Monats nicht weniger Geld in der Tasche haben, sondern dafür kompensiert werden.

"Systematisch werden die Preise nicht stark steigen"

Schulz: Da ist jetzt noch viel in der Schwebe, auch nach der unklaren Lage nach der Bundestagswahl. – Sagen Sie es uns noch mal genauer. Ich habe Sie so verstanden, dass Sie auch im Lager derer sind, die nicht denken, dass die Inflation jetzt gekommen ist, um zu bleiben. Aber erklären Sie uns das noch mal vor dem Hintergrund, den sie gerade ansprechen. Die Energiepreise, diese größeren Ruckeleien auch in der Weltwirtschaft, diese Handelskonflikte und auch diese Immobilienknappheit, das wird ja alles bleiben.

Fratzscher: Das wird alles bleiben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir auch in den kommenden Jahren steigende Energiepreise haben. Aber wie ich vorhin sagte: Es gibt andere Dinge, die werden günstiger, und es findet eine Verschiebung statt. Wir reden da von relativen Preisen, die verändern sich. Manche Dinge werden günstiger und teurer. Das ist jetzt erst mal nicht dramatisch. Für die Menschen ist ja wichtig, was habe ich am Ende des Monats in der Tasche, was habe ich übrig für Dinge, fürs Reisen oder fürs Ausgehen oder für den Konsum, was mir wichtig ist. Da erwarten wir nicht in den kommenden Jahren, dass die Preise besonders stark steigen werden.

Inflation, systematisch permanent steigende Preise entstehen dann, wenn eine Wirtschaft boomt, wenn die Unternehmen gar nicht nachkommen können mit der Produktion, wenn die Menschen konsumieren, als gäbe es kein Morgen, und das Geld raushauen und sagen, ich will konsumieren, ich will einkaufen, ich will reisen. Im Augenblick ist eher das umgekehrte Problem, übrigens auch in Deutschland. Viele Menschen haben Angst und Sorge um die Zukunft. Wir Deutschen sparen und legen eher mehr auf die hohe Kante als weniger, eben wegen dieser Unsicherheit, und deshalb sehe ich eine Inflation, eine länger anhaltende Inflation eher als Luxusproblem. Das entsteht dann, wenn wir wirklich einen großen Wirtschaftsboom in Deutschland haben, und ich glaube, davon sind wir sehr, sehr weit entfernt.

Deshalb sehe ich diese Inflation im Augenblick eigentlich als eine willkommene Normalisierung, weil sie temporär jetzt wieder zu einer Korrektur der viel zu schwachen Preisentwicklung der vergangenen Jahre führt, und für die kommenden Jahre sehen wir, dass es punktuell Preissteigerungen gibt wie bei der Energie, leider auch beim Wohnen. Ich befürchte, das wird das Kernthema sein. Aber systematisch werden die Preise nicht stark steigen, sondern wir werden viele Dinge haben, die günstiger werden, und das sollte uns eigentlich ein bisschen beruhigt schlafen lassen. Es gibt überhaupt gar keinen Grund zur Panik über eine erhöhte Inflation.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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