Kommentare und Themen der Woche 27.01.2020

Steinmeier gedenkt der Schoah-OpferSchweigen und ZuhörenVon Sebastian Engelbrecht

Beitrag hören 09.08.2018, Polen, Oswiecim: Besucher gehen vor dem historischen Tor (Innenseite) durch das frühere Vernichtungsslager Auschwitz-Birkenau. Von 1940 bis 1945 betrieb die SS den Komplex Auschwitz mit zahlreichen Außenlagern als Vernichtungs- und Konzentrationslager. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit ( picture alliance | Monika Skolimowska | dpa-Zentralbild | dpa )Das frühere Vernichtungsslager Auschwitz-Birkenau: Von 1940 bis 1945 betrieb die SS den Komplex Auschwitz mit zahlreichen Außenlagern als Vernichtungs- und Konzentrationslager. ( picture alliance | Monika Skolimowska | dpa-Zentralbild | dpa )

Dass Bundespräsident Steinmeier bei der heutigen Gedenkfeier zur Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz keine große politische Rede gehalten hat war richtig, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Damit zeige er Empathie mit den Überlebenden des Holocaust.

Schweigen und Zuhören sind heute gefragt, am 75. Gedenktag der Befreiung von Auschwitz. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist nach Auschwitz gereist und hat dort keine große Rede gehalten. Er fand andere Zeichen. Der Bundespräsident traf sich mit drei Überlebenden des Holocaust und flog mit ihnen zusammen nach Polen. Steinmeier kommt als Hörender nach Auschwitz. So soll es sein.

Schon seinen Besuch in der vergangenen Woche in Jerusalem hatte Steinmeier als Hörender begonnen. Bei der Selbsthilfeorganisation "Amcha" hatte er Überlebende besucht und ihnen zugehört. Bei der Feier in in Yad Vashem sprach er kurz und demütig, auf Hebräisch und Englisch. Er bekannte sich zur deutschen Schuld, benannte die Rückkehr des Judenhasses heute in Deutschland. Er dankte, dass er Deutschland an diesem Ort vertreten dürfe.

Schweigen und zuzuhören - Steinmeier kann das

Wichtiger noch als seine einfühlsame Rede ist, dass das deutsche Staatsoberhaupt in der Öffentlichkeit in der Lage ist zu schweigen und zuzuhören. Steinmeier kann das. Er tut es von Herzen und aus politischer Überzeugung. Er tut es mit einem Feingefühl, das nicht viele in seiner Zunft haben.

Steinmeier kann auch deshalb so auftreten, weil das Grundgesetz dem Bundespräsidenten so wenig Macht gibt. Ein ziemlich machtloser Präsident vertritt Deutschland in der Welt. Wie heilsam das ist, zeigt sich in diesen Tagen des Gedenkens. Die Regierungen Russlands und Polens weisen sich gegenseitig eine Mitschuld am Holocaust zu. Sie übertreffen sich gegenseitig in der Nationalisierung des Gedenkens. Sie nutzen das Gedenken für ihre politische Agenda. Das ist bedauerlich, aber es kann vielleicht auch nicht anders sein, weil beide Präsidenten durch die Verfassungen ihrer Länder mit großer Macht ausgestattet sind – anders als der deutsche Bundespräsident.

Steinmeier muss schweigen und zuhören, weil es der deutschen Schuld an der Shoah entspricht. Steinmeier kann schweigen und zuhören, weil die Verfassung ihm diese demütige Rolle erlaubt.

Empathie mit den Überlebenden

Wer schweigen und zuhören kann, der zeigt Empathie. Empathie mit den Überlebenden des Holocaust, die bis heute an der Gewalt leiden, die ihnen zugefügt wurde. Empathie mit den Familien der Opfer, die bis heute mitleiden unter den seelischen Verletzungen durch die Shoah. Empathie mit dem jüdischen Volk als Ganzem, dessen kollektive Ängste nach dem Holocaust immer wieder sichtbar werden. Empathie mit Israel, das im Frieden mit seinen Nachbarn leben will.

Ob es den Deutschen auch künftig gelingen wird, empathisch aufzutreten wie ihr Präsident es dieser Tage tut? Das hängt nicht davon ab, wie lange noch Überlebende als Zeugen auftreten können. Ergreifende Dokumente über die Shoah gibt es genügend. Es hängt davon ab, ob es in Deutschland gelingt, eine Kommunikationskultur der gegenseitigen Achtung zu bewahren: in Familien, in Schulen, im Internet. Schweigen und Zuhören will gelernt sein. 

Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.

  

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