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StartseiteKommentare und Themen der WocheSchuld ist nicht allein die Pandemie01.10.2020

Stellenabbau bei UnternehmenSchuld ist nicht allein die Pandemie

Viele Unternehmen kündigen in diesen Tagen Stellenstreichungen an. Doch häufig ist anders als behauptet nicht die Coronakrise der Grund dafür, sondern die Fehler der Unternehmensführung aus der Vergangenheit, kommentiert Klemens Kindermann. Politik und Gewerkschaften sollten das aufdecken.

Von Clemens Kindermann

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Das Bayer-Kreuz am Werk in Wuppertal leuchtet in der Dämmerung (picture alliance/Oliver Berg/dpa)
Bayer hat ein weiteres Sparprogramm angekündigt - auch andere Unternehmen nutzen die Coronakrise, um Stellen zu streichen (picture alliance/Oliver Berg/dpa)
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Es ist ein seltsamer Gegensatz: Die Arbeitsmarktzahlen für Deutschland sind gegenwärtig viel besser als erwartet, viel besser auch als die von anderen Industrieländern, fast, wie die "Süddeutsche Zeitung" heute titelt, eine "Sensation". Gleichzeitig hagelt es Ankündigungen von Unternehmen, die Stellen abbauen wollen, als gäbe es kein Morgen mehr. Gestern nickte der Aufsichtsrat von Conti den Abbau von 30.000 Stellen ab, am Abend kündigte Bayer an: Es gibt ein weiteres Sparprogramm. Personalkürzungen nicht ausgeschlossen.

Erleben wir jetzt also die Ruhe vor dem Sturm? Ein gegenwärtiger Arbeitsmarkt, der durch Kurzarbeitergeld gehalten wird, aber eine düstere Zukunft mit Jobverlusten auf breiter Front? Hier gilt es, den Unternehmen genau auf die Finger zu schauen. Nicht alles, wo Corona draufsteht, ist auch wirklich der Pandemie geschuldet. Bei manchen Ankündigungen ist das klar, wie beim Kraftwerksbetreiber Steag, der jetzt 1.000 Arbeitsplätze streichen will: Der Grund ist nicht Corona, sondern der Kohleausstieg.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Coronakrise als Vorwand 

Bei anderen Unternehmen ist das nicht so glasklar. Eben wie bei Bayer. Natürlich läuft die Agrarbranche schlecht wegen der Pandemie, aber hier muss man sagen: Das Management hat durch den Kauf des Saatgutherstellers Monsanto – Stichwort: Glyphosat – vor Jahren schon eine strategische Fehlentscheidung getroffen. Nicht Corona ist hier die Ursache für den Stellenabbau, sondern die Unternehmensführung. Der Vertrag des Vorstandschefs wurde übrigens soeben vorzeitig verlängert. Warum, wissen die Beschäftigten wahrscheinlich auch nicht. 

Ähnlich gemischt das Bild bei Conti: Beim Umstieg auf Elektromobilität haben nicht die Beschäftigten, sondern das Management den Anschluss verpasst, wie andere Autozulieferer und -bauer auch. Wenn jetzt die Coronakrise genutzt wird, um Personal-Überkapazitäten abzubauen, was oft gar nicht so klar erkennbar ist, dann müssen Politik und Gewerkschaften das aufdecken und anprangern. Kurzarbeitergeld hält den Unternehmen die Fachkräfte von morgen in Arbeit – dafür darf die Gesellschaft erwarten, dass die Unternehmen nicht mit Stellenabbau-Plänen um sich werfen.

Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann ist seit 2009 Abteilungsleiter Wirtschaft und Gesellschaft und seit 2012 stellvertretender Chefredakteur beim Deutschlandfunk. Von 1991 bis 1997 war er Redakteur und Korrespondent der Deutsche Presse-Agentur (dpa). Danach wechselte er 1997 zur Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", wo er als Fachredakteur, Desk-Chef im neu geschaffenen Newsroom und ab 2004 als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft & Politik tätig war.

 

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