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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Belegschaft zahlt für den Abgasbetrug13.03.2019

Stellenstreichungen bei VWDie Belegschaft zahlt für den Abgasbetrug

Volkswagen muss mit der Zeit gehen, das ist klar. Die Elektromobilität der Zukunft braucht weniger Arbeitskräfte. Und doch wäre der Neustart glaubwürdiger, wenn sich der Vorstand auch mit seiner Vergangenheit beschäftigen würde, kommentiert Alexander Budde.

Von Alexander Budde

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Das VW-Hochhaus in Wolfsburg (imago stock&people / Michael Gottschalke)
Das VW-Hochhaus in Wolfsburg (imago stock&people / Michael Gottschalke)

Der Vorstand hat gerechnet - und will über die bisherigen Vereinbarungen zum Personallabbau hinaus weitere 7.000 Verwaltungsstellen am Konzernsitz Wolfsburg einsparen. Immerhin hat VW den Riesenbatzen von viereinhalb Milliarden Euro für die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen locker gemacht – klar, dass damit auch die Hoffnung einhergeht, die Aufgabenlast hier und da ein wenig zu verdichten. Mit den Arbeitsplätzen lassen sich nämlich gleich auch die Kosten einsparen.

Doch Volkswagen ist nicht Tesla! Im Vergleich mit dem agilen Start-Up aus den USA wirkt der in widerstrebende Interessenssphären verschachtelte Volkswagen-Kosmos mit seinen fein nach Standort-Proporz austarierten Fünfjahresplänen so behäbig wie der Chinesische Volkskongress.

Der so genannte "Zukunftspakt", den Arbeitgeber und Arbeitnehmer 2016 vereinbart haben, sieht bereits vor, dass allein in Deutschland unterm Strich 14.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Weil das Land Niedersachsen als Großaktionär beteiligt ist, blieb die Zentrale bislang von schmerzhaften personellen Einschnitten verschont. Aber Elektroautos haben nun einmal weniger Teile, die Arbeit machen und neue disruptive Wettbewerber machen das Rennen um die Mobilität der Zukunft härter - zumal die Kernmarke seit geraumer Zeit schon ihren Renditezielen hinterherfährt.

Betriebsrat hält still

Noch in diesem Jahr sollen die ersten alltagstauglichen Elektroautos zum erschwinglichen Preis in großer Stückzahl vom Band rollen. Das neue Versprechen - CO2-frei von der Fertigung bis zur Wiederverwertung - soll den schändlichen Abgas-Betrug vergessen machen. Allen Beteiligten ist klar, dass dieser Kraftakt in kürzester Zeit, bei laufendem Betrieb und mit weniger Leuten gelingen muss. Für seine Verhältnisse handzahm gibt sich daher auch Betriebsratsboss Osterloh, wenn er fordert, die attraktiven Altersteilzeitverträge nicht nur den Verwaltungsfachkräften sondern auch den Bandarbeitern in der Produktion anzubieten.

Doch der Neustart wäre glaubwürdiger, wenn sich der Vorstand um VW-Lenker Herbert Diess auch einmal mit dem eigenen Versagen beschäftigen würde, statt immer nur den Preis der heimischen Fertigung zu beklagen und die organisierte Belegschaft als Bremser zu schmähen. Schon in Kürze dürften strafrechtliche Klagen gegen Vorstände – darunter womöglich auch Diess selbst - für neue Zweifel sorgen, ob die Wette auf die Zukunft mit so belasteten Führungsfiguren einzulösen ist. Das Management ist auch dafür verantwortlich, dass die lange vorher schon absehbare europaweite Einführung des neuen Verbrauchstestverfahren WLTP bei VW zu Chaos-Wochen geriet. Das Desaster hat VW Milliarden gekostet und die Effekte des laufenden Sparprogramms zunichte gemacht.

Alexander Budde –  (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Alexander Budde – (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Alexander Budde wurde 1971 in Kerpen geboren. Er studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Völkerrecht in Köln und Berlin. Parallel zu seinem Studium war er als freier Journalist u.a. für die Westdeutsche Zeitung, dpa und RTL-Aktuell tätig. 2001 wechselte er als Redakteur zum deutschen Programm von Sveriges Radio (Schweden) und arbeitete ab 2004 als Korrespondent für die ARD-Hörfunkprogramme sowie für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Seit 2013 ist er Landeskorrespondent in Niedersachsen.

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