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Sterbende Monarchen

"Alceste" und "Rossignol" beim Festival d'Art Lyrique in Aix-en-Provence

In Glucks Oper "Alceste" geht es ums Menschenopfer: Da soll der König sterben, wenn nicht ein anderer an seine Stelle trete. Schließlich erklärt sich seine Ehefrau dazu bereit. Auch in Strawinskys "Rossignol" geht es ums Sterben: Eine Nachtigall bewahrt den Kaiser von China vorm Dahinscheiden.

Von Frieder Reininghaus

Strawinskys "Le Rossignol" geriet  in Aix-en-Provence besonders opulent. (AP)
Strawinskys "Le Rossignol" geriet in Aix-en-Provence besonders opulent. (AP)
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Festival d'Art Lyrique in Aix-en-Provence

Eine farbenfrohe und durchs laue Wasser plätschernde Strawinsky-Produktion und eine ungebrochene Orgie der Nächstenliebe mit Willibald Glucks Musik dehnten sich in die mediterranen Nächte von Aix-en-Provence. Aufs Neue ersteht Admetes, der todgeweihte König, in wundersamer Weise vom Sterbebett: Seine Gattin will und wird sich für ihn opfern. Sinnvollerweise wurde von Christof Loy die Handlung aus dem vorklassischen Altertum des Balkans historisch und geografisch nähergerückt. Dirk Becker, der Bühnenbildner, erfreute die Augen mit einer weißen Wand – quer über die flache breite Bühne: links ein großes blindes Fenster, schräg in der Mitte ein Scheunen- oder Garagentor, das nur selten einen Blick in das dahin liegende Schlaf- beziehungsweise Sterbezimmer freigibt.

Gesungen wird von den beiden Protagonisten in der kargen Möblierung exzellent: Joseph Kaiser, der König, tritt mit kräftigem, ungepresst gradlinigem Tenor hervor und mit warmer Emphase für die innig geliebte Gattin. Deren Partie ist bei Véronique Gens bestens aufgehoben. Die Sopranistin, die uns zuletzt als Gluck'sche Iphigenie in Brüssel delektierte, interpretiert nun auch die Alceste schnörkellos und mit perfekt geführter Stimme. Vor allem aber ist es das darmsaitenmatte Leiden, das anrührt.

Glucks Instrumentalpart wurde - wie am Abend zuvor der von Mozarts "Don Giovanni" - vom aufgerüsteten Freiburger Barockorchester bestritten. Das Brio, für das Louis Langrée mit Mozart "Oper aller Opern" erreichte, will sich unter den Händen von Ivor Bolten nicht recht einstellen.

Die interpretatorische Leistung des Regisseurs Christoph Loy lag darin, dass er die altthessalische beziehungsweise spätfeudalistisch habsburgisch-bourbonische Königshäuslichkeit ins wilhelminische Deutschland verpflanzte. Möglicherweise war er dabei von Michael Hanekes Film "Das weiße Band" inspiriert: Die Königskinder wie die Landeskinder erschienen als eine große Klasse, gekleidet wie um 1910 – manchmal mit Kuscheltieren und Lieblingsspielzeug, manchmal ohne, aber stets in unterschiedlichen Graden der Verklemmung, der Betroffenheit und Bewegtheit.

Der Priester Apolls mutierte zu einem leicht sadistisch veranlagten protestantischen Pfarrer. Im dritten Akt geht die Tür noch einmal auf und der Blick in eine Rumpelkammer, aus der Kostüme und Rüstungen wie für ein Bild der Ära Calzibigis bezogen werden. Am Ende gähnt der Raum einfach leer, erweist sich als letzte Leerstelle für das hartnäckig nicht inszenierte Ballett. So profiliert sich Christof Loy neuerlich als theatrales Mittelstreckentalent, das mit Routine ein Mittelfeld des Theateralltags preisgünstig abdeckt.

In scharfem Kontrast dazu bebilderte der Regisseur Robert Lepage acht kleine Strawinsky-Stücke aus dem zweiten und dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts überbordend und farbenprächtig. Er und sein kanadisches Team setzten unterschiedliche Formen der Ballettpantomime in Bewegung. Die Projektionen der Handarbeit zum Füchschen, das sich als Nonne verkleidet, gerieten besonders apart. Was die Fingerchen und Knöchelchen alles suggerieren können! Jedenfalls den Zusammenprall tierischer Interessen hinter einer Mattscheibe. Besonders opulent geriet "Le Rossignol" – als wahre Wassermusik in einem bis zu den Hüften der Sänger gefüllten Bassin vorm Orchester. Kazushi Ono ließ die kammermusikalischen Schärfen wie die neoreligiösen Blütenträume Strawinskys herausprozessieren. Olga Peretyatko erhob sich mit ihrem Nachtigallen-Sopran wie schwerelos in höchste Höhen. Es war sehr schön und genau so, wie Kurt Tucholsky kurz nach der Uraufführung anmerkte: "Sie wollen nur noch Märchen seh'n/ Und neben der Epoche steh'n/ Das Bürgertum erliegt der Wucht/ Flucht, Flucht, Flucht".

Informationen:

Festival d'Art Lyrique in Aix-en-Provence

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