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StartseiteKultur heuteSterile Beispielhaftigkeit des historischen Theaters23.09.2012

Sterile Beispielhaftigkeit des historischen Theaters

Am Brandenburger Theater wurde Rolf Hochhuths neues Stück "Molières Tartuffe" uraufgeführt

Mit "Molières Tartuffe" hat der Dramatiker Rolf Hochhuth einen Klassiker aktualisiert, der erst in der dritten Fassung der Zensur entkam. Doch Hochhuths Stück, jetzt am Brandenburger Theater uraufgeführt, enthält sich jeglicher zeitgenössischer Verweise aus der Überfülle aktueller Problemstellungen im Spannungsfeld von Macht, Glaube und Kunst.

Von Eberhard Spreng

Der Dramatiker Rolf Hochhuth (AP)
Der Dramatiker Rolf Hochhuth (AP)
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Im kommenden März jährt sich die Uraufführung von Hochhuths berühmten "Stellvertreter" zum 50. Mal. Und kurz vor diesem Datum beweist der eiserne Politdramatiker, dass sich sein Lieblingsgegner, die katholische Kirche und ihre Würdeträger, nicht geändert haben. Sein neues Stück prangert wiederum einen Katholizismus an, der sich allerdings nicht, wie im Stellvertreter, aus kontinentalem Machtkalkül den Nazis andient. Hier geht es um die Verfolgung von Künstlern, um den Konflikt der Kirche mit den Libertins der Molière-Zeit. Molières "Tartuffe", mehrfach verboten, machte sich mit der titelgebenden Hauptfigur die forcierte pietistische Heuchelei zum Thema, die die französische Gesellschaft zu Zeiten des Sonnenkönigs heimsuchte. Natürlich könnte man die Fundamentalisten der damaligen "Société du Saint Sacrement", mit denen sich der Klassiker in seinem Stück anlegte, mit dem obskuren zeitgenössischen "Institut Civitas" vergleichen, das vor Monaten aktiv die Störung von Aufführungen von zwei zeitgenössischen Theaterstücken in Paris und Toulouse organisierte, in denen es die Christusgestalt diffamiert sah. Und naheliegend war auch die Entscheidung der großen Ariane Mnouchkine vor Jahren, den Stückkonflikt ins islamistische Umfeld zu verlegen und Tartüffe so zu einem Fundamentalisten zu machen, der eine brave morgenländische Familie heimsucht. Aber Hochhuths "Molières Tartuffe" enthält sich jeglicher zeitgenössischer Verweise. Nicht einmal ein Hauch von der gegenwärtigen Mediendebatte ist zu ahnen, in der es unter anderem um die Frage des Aufführungsverbotes des schauerlichen Machwerks "The Innocence of Muslims" geht. Nein, dieses Stück entführt, kurios genug, aus der Überfülle aktueller Problemstellungen im Spannungsfeld von Macht, Glaube und Kunst in die sterile Beispielhaftigkeit des historischen Theaters.

"Du lebst kein Jahr mehr, wenn der Kardinal allein Paris regiert, wie schon jetzt, weil der König andauernd im Krieg ist! Hat verlauten lassen, der Kardinal, dass er künftig sogar die exkommuniziert, die in einem Privathause eine Lesung deines Tartuffe auch nur anhören."

In weiß gelacktem halb abstraktem Dekor, in dessen Nischen und verborgenen Regalen die inkriminierten Manuskripte des Autors lagern, warnt Freund Chapelle den Dichter vor der Gefahr auf dem Scheiterhaufen zu enden. Hochhuth verbindet die nervenaufreibenden Kämpfe um den Tartuffe in den drei Akten seines neuen Stückes mit dem dramatischen Tod des Autors, Schauspielers und Theaterchefs. So erleidet sein Molière im zweiten Akt während einer Aufführung des eingebildeten Kranken einen Blutsturz. Im letzten Akt ersucht Frau Armande bei König und einem unerbittlichen Kardinal um eine würdevolle Beisetzung ihres verstorbenen Mannes.

Geradezu rührend hält das Brandenburger Theater mit dieser neuerlichen Uraufführung einem Autor die Treue, der, wohl ohne es so recht zu wissen, das Gefühl für die gesellschaftliche Bedeutung seiner Kunst längst verloren hat. Was seinen "Stellvertreter" damals zu einem Welterfolg machte, war ja nicht eine umwerfende dramaturgische Finesse, sondern die politische Notwendigkeit einer öffentlichen Debatte über die Thematik des Stücks. Wenn er heute in seinem "Molières Tartuffe" sagen lässt "Wer schreibt, ist stets verdächtig. Jedenfalls, wenn er seine Gegenwart beschreibt", dann verhallt das quasi ungehört, weil so gar nichts in Hochuths neuem Stück mit gegenwärtigen Problemstellungen zu tun hat.

Was zur Molière-Zeit noch ein innergesellschaftlicher Wertekonflikt war, also wirklich ein Streit um die Richtlinienkompetenz zwischen Kunst und Kirche um die Frage, was gesagt werden darf, ist heute längst zu einem globalen medialen Erregungsritual verkümmert, das sich vor allem in der Welt der Bilder abspielt und in dieser Welt als Kampf der Kulturen interpretiert werden soll. Im Übermaß der Kommunikationskanäle hat Verständigung gegen die Flut der Blödheit keine Chance mehr. Man ahnt, dass hinter der neu zu stellenden Frage von Zensur und Aufführungsverboten, die jetzt auch die Politik erreicht hat, eine neue Situation steckt und dass Hochhuths Stück über Molière und die Zensur, die Macht und die Religion uns dabei nicht weiterhilft.

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