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StartseiteCorsoKonzeptalbum mit einer Toten28.02.2015

Steven WilsonKonzeptalbum mit einer Toten

Der Ausnahmemusiker Steven Wilson macht "Musik für Musiker", und ist dennoch erfolgreich. Ob als Mastermind der Band Porcupine Tree oder jetzt mit seinem vierten Soloalbum "Hand. Cannot. Erase.": Im Genre Progressive Rock definiert der Brite wieder einmal Standards. Auch wenn sein Werk einen Unglücksfall behandelt.

Von Tim Schauen

Der Sänger und Gitarrist der britischen Progressive-Rock-Band Porcupine Tree, Steven Wilson bei seinem Auftritt beim Hurricane-Festival in Scheeßel (Rotenburg) am 27.06.2007. (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
Der Sänger und Gitarrist Steven Wilson (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)
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(Deutschlandfunk, Corso, 02.03.2013)

Eine Frau. Ihr Name: Joyce Carol Vincent. Eine Metropole. Und ein Mysterium. Das sind die grundlegenden Komponenten des Konzeptalbums.

"Es ist eine moderne Geschichte: Eine Frau lebt mitten in der Großstadt, im Herzen von London, umgeben von Millionen Menschen, aber eines Tages verschwindet sie einfach und niemand bemerkt es. Es ist also eine Geschichte über Isolation und vor allem den Gedanken, dass wir im modernen Zeitalter glauben, wir wären durch diese sozialen Netzwerke unglaublich miteinander verbunden. Aber in Wirklichkeit sind wir zugleich auch mehr isoliert als je zuvor. Denn die echte Interaktion von Angesicht zu Angesicht wird immer seltener."

Für sein viertes Soloalbum mit dem Titel "Hand. Cannot. Erase." hat sich die aktuelle Lichtgestalt der progressiven Rockmusik, Steven Wilson, von einer Fernsehdokumentation inspirieren lassen. Eine junge, gut aussehende Frau mit normalem Umfeld, Freunden, Beruf verschwindet von Jetzt auf Gleich von der Bildfläche. Dabei liegt sie einfach tot in ihrer Wohnung: drei Jahre lang.

"Für mich ist das eine brandaktuelle Geschichte, die viel über das moderne Leben erzählt und etwas über die Ironie oder die Widersprüche sozialer Netzwerke. Man nimmt an, Tausende Freunde zu haben, aber eigentlich ist man total getrennt vom Rest der Menschen."

Kritik an Hashtaggerei

Wilson ist sich durchaus bewusst, dass man mit Kritik an der Allgegenwärtigkeit der Facebook-Twitter-Youtube-GooglePlus-Hashtaggerei etwas aus der Zeit gefallen wirkt. Aber: Wer heutzutage noch ein Konzeptalbum schreibt, ist schon per se verdächtig. Für den schnellen Konsum nebenbei jedenfalls ist das neue Epos des 47-jährigen Multiinstrumentalisten aus Kingston upon Thames eher nicht geeignet. Im Gegenteil: Wilsons Musik fordert volle Aufmerksamkeit.

Der Sänger und Gitarrist der britischen Progressive-Rock-Band Porcupine Tree, Steven Wilson, beim Hurricane-Festival 2007 in Scheeßel (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)Der Sänger und Gitarrist der britischen Progressive-Rock-Band Porcupine Tree, Steven Wilson, beim Hurricane-Festival 2007 in Scheeßel (picture alliance / dpa / Friso Gentsch)"Als Musiker im 21. Jahrhundert ist es ja total schwer, überhaupt jemanden zu erreichen, für irgendetwas zu begeistern. Jeder, der sich irgendwie mit der Musik auseinandersetzt, ist ein Erfolg. Aber natürlich muss ich den Leuten sagen: Du weißt schon, dass du nur einen Ausschnitt, nicht meine gesamte Intention mitbekommst? Denn es geht hier ja schon um eine Geschichte, die sich jemand von vorne bis hinten ausgedacht hat, die übrigens auch eine gewisse Erzählstruktur mitbringt."

Erzählen, das funktioniert bei Steven Wilson über literarische Texte, die der Deluxe-Version des Albums beiliegen, und komplexe musikalische Texturen.

Egal, ob mit seiner Band Porcupine Tree – die nach seiner Aussage derzeit auf Eis liegt -, ob mit Blackfield oder als Remixer von Legenden wie Yes, King Crimson, Jethro Tull oder XTC. Oder als Soundtüftler im audiophilen 5.1-Standard: Beinahe alles, was Steven Wilson anpackt, wird kultisch verehrt. Obwohl er im sperrigen Progressiv-Genre unterwegs ist, schafft er es dennoch, viele Alben zu verkaufen. Trotz des Erfolges sucht er immer wieder Abwechslung – nicht nur im Gitarrenspiel.

"Eine Herausforderung war für mich, das ganze Album aus weiblicher Perspektive zu schreiben. Ok, kann ich eigentlich nicht leisten, wenn man an diese These glaubt, wonach Männer vom Mars stammen und Frauen von der Venus. Aber ich habe dennoch versucht, alles aus der Sicht dieses dann später verschwundenen Mädchens heraus zu erzählen. Ob es mir überzeugend gelungen ist, wird sich jetzt herausstellen. Aber das Gefühl von Einsamkeit, Verwirrung, Zorn, Melancholie, Bedauern – alle diese Dinge sind universell."

Gefühlvolles, tiefes Album

Den Gesang – Premiere - hat Steven Wilson zum Teil der Sängerin Ninet Tayeb überlassen, doch auch er springt singend in die Rolle der Protagonistin. Ein gefühlvolles, ein tiefes Album also, mit vielen melancholischen und sentimentalen Momenten. Doch bevor es zu gefühlig wird, kommt die Band ins Spiel.

Sie schafft es, komplexe Harmonien und Rhythmen auf höchstem Niveau federleicht klingen zu lassen. Die Musik bekommt und lässt viel Luft zum Atmen.

Gegenüber dem Vorgängeralbum "The Raven That Refused To Sing" ist "Hand. Cannot. Erase." reduzierter, weniger opulent, trotz trauriger Storyline deutlich weniger düster. Und es hat zudem starke elektronische Anteile. Insgesamt angenehm anspruchsvoll. Nur für die Zufallswiedergabe im CD-Player ist ein Konzeptalbum wie dieses, das nur am Stück einen Sinn ergibt, nicht geeignet.

 

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