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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Im Prinzip befinden wir uns ständig in einem Großtest"29.01.2018

Stickoxide und die Folgen"Im Prinzip befinden wir uns ständig in einem Großtest"

Durch Emissionen aus Autos, Kohlekraftwerken oder eigenen Holzverfeuerungen sei die Luftqualität in den Städten sehr schlecht geworden, sagte Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt im Dlf. Stickstoffdioxid und Feinstaub drängen dabei weit in die Lunge und schädigten im Prinzip den gesamten Organismus.

Wolfgang Straff im Gespräch mit Jule Reimer

Zwei Kinder üben vor ihrer Einschulung das richtige Überqueren einer Straße auf ihrem künftigen Schulweg. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Stickstoffdioxid, Stickoxide, Feinstaub: Bei Kindern, Alten, Kranken und Schwangeren sieht die Empfindlichkeit schon ganz anders aus, sagt Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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Jule Reimer: Auch die Wirkung von Dieselabgasen auf Menschen ließen die Autobauer testen, und zwar in Aachen. Doch diese Tests hatten laut Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen keinerlei Verbindung mit dem Abgasskandal. Die Studie von 2013 habe sich mit dem Stickstoffdioxid-Grenzwert am Arbeitsplatz befasst, erklärte Kraus heute gegenüber der Deutschen Presseagentur. Weil der Grenzwert herabgesetzt worden sei und es keine Studie zu Menschen gegeben habe, seien 25 gesunde Menschen Belastungen ausgesetzt worden, die unterhalb der Belastung am Arbeitsplatz lägen. Allerdings: Gefördert wurde die Studie von den Autobauern.

Der Studienleiter erklärte, die Stickoxid-Konzentration sei vergleichbar mit der in der Umwelt gewesen und die Probanden seien dieser Konzentration für drei Stunden ausgesetzt worden. Gesundheitliche Effekte habe es nicht gegeben.

Wolfgang Straff ist Umweltmediziner am Umweltbundesamt. Herr Straff, wie testet man normalerweise die Wirkung von Abgasen?

Wolfgang Straff: Diese Abgase sind ja normalerweise einfach in der Umwelt vorhanden. Gerade in Städten werden die natürlich zum Problem. Und die werden getestet in großen, bevölkerungsbezogenen sogenannten epidemiologischen Studien, wo man dann einfach Erfahrungen macht. Wenn mehr Schadstoffe, mehr NO2 (Stickstoffdioxid) oder mehr Feinstaubpartikel in der Luft sind, dann kommt es eben dazu, dass Menschen häufiger in Krankenhäuser müssen, zum Beispiel, weil sie Lungenbeschwerden haben oder Herzkreislaufprobleme. Wenn solche großen Studien ausgewertet werden, dann bekommt man Rückschlüsse darauf, wie diese Schadstoffe wirken.

"Da sieht die Empfindlichkeit schon ganz anders aus"

Reimer: Die Tests in Aachen sind mit gesunden Erwachsenen gemacht worden. Sind das die richtigen Probanden?

Straff: Zum einen muss man sagen: Gesunde junge Erwachsene sind im Prinzip meistens nicht das Problem, sondern wir müssen natürlich die Umwelt in einem Zustand haben, der auch die kranken Leute, die alten Leute, Schwangere und kleine Kinder schützt, und da sieht die Empfindlichkeit schon ganz anders aus. Außerdem kommt es natürlich darauf an, dass wir die Menschen langfristig schützen müssen, und der Grenzwert für die Außenluft für eine längerfristige Belastung ist wesentlich niedriger als das, was in Aachen jetzt getestet wurde.

Reimer: Ist es böse zu sagen, es läuft ja eigentlich ein Großtest schon lange mit Kindern, weil Sie sagten ja, die sind besonders leicht belastet, auch weil die sich in der Höhe der Abgase bewegen, weil wir ja auf Jahre ohne ordentliche Abgasreinigung zurückblicken?

"Je älter das Auto, desto mehr Feinstaub wird emittiert"

Straff: Im Prinzip befinden wir uns in unserer vom Menschen veränderten Umwelt ständig in einem Großtest. Wir emittieren natürlich nicht nur durch unsere Autos Schadstoffe, sondern zum Beispiel auch durch Kohlekraftwerke oder durch unsere eigenen Holzverfeuerungen in den Häusern, die ja sehr populär geworden sind, und auch dadurch ist die Luftqualität sehr schlecht geworden in den Städten.

Reimer: Wir haben es ja beim Auto, beim Diesel vor allen Dingen, mit zwei Stoffen zu tun, nämlich Stickoxide, Stickstoffdioxid und Feinstaub. Sind die unterschiedlich gefährlich? Wie würden Sie da gewichten?

Straff: Der Feinstaub ist im Prinzip wesentlich gefährlicher, aber der betrifft jetzt nur die älteren Diesel, nicht die ganz neuen, die Euro-VI-Diesel, und er betrifft einige Benziner. Natürlich je älter das Auto, desto mehr Feinstaub wird emittiert.

Stickstoffdioxid ist ein Problem natürlich auch bei den älteren Dieseln, aber auch bei den ganz neuen, wenn …

Reimer: Und da, wo geschummelt wurde.

Straff: Genau, wenn geschummelt wurde.

Stoffe können Zellen schädigen, Entzündungen hervorrufen

Reimer: Wie wirken diese Stoffe jetzt auf unseren Körper? Sagen Sie das noch mal?

Straff: Es sind Reizwirkungen, die bei Stickstoffdioxid eine Rolle spielen und bei Feinstaub im Prinzip auch. Diese Stoffe dringen recht weit in die Lunge ein und können da Strukturen, Zellen in der Lunge, in den Alveolen, in den Lungenbläschen schädigen und Entzündungsmediatoren hervorrufen, und das schädigt im Prinzip den gesamten Organismus.

Reimer: Wenn ich das vergleiche mit dem Benziner, bin ich mit einem Benzinauto wirklich auf der besseren Seite?

Straff: Das ist eine technische Frage, die ich nicht so gut beantworten kann. Ich würde sagen, auf der besten Seite sind Sie, wenn Sie mit dem Fahrrad fahren.

Reimer: Okay. – Wolfgang Straff vom Umweltbundesamt, Umweltmediziner, über die Gefährlichkeit von Autoabgasen und wie man sie normalerweise testet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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