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StartseiteKommentare und Themen der WocheDurchwursteln bei der "Jahrhundertaufgabe"02.01.2021

Stockende Corona-ImpfungenDurchwursteln bei der "Jahrhundertaufgabe"

Kein bisschen beruhigt zeigt sich Dlf-Hauptstadtkorrespondent Klaus Remme angesichts des Durcheinanders eine Woche nach Start der Corona-Impfungen in Deutschland. Andere Länder hätten besser für sich gesorgt, und viele jetzt laut werdende Fragen hätte man vor Wochen stellen müssen.

Ein Kommentar von Klaus Remme

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Leere Abteile in einem Impfzentrum (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Viele Impfzentren sind inzwischen eingerichtet, wegen Impfstoffmangels aber weitgehend leer (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
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Die Krise verlange ungeheures Vertrauen und Geduld, so die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache. Sicher ist: Beides wird gerade erheblich strapaziert.

Impfzentren werden in großer Eile aufgebaut und sind bis heute gar nicht erst eröffnet oder nach wenigen Impfungen schon wieder geschlossen worden. In den Ländern wird nach einer verlässlichen Lieferung des Impfstoffs gerufen, der Bundesgesundheitsminister spricht von föderalem Durcheinander. Während zum Jahresende in einigen Bundesländern schon Zehntausende geimpft wurden, waren es in Thüringen noch nicht einmal 1.000.

Ein Mitarbeiter der Asklepios Klinik wird von einem Kollegen mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft. Zahlreiche Mitarbeiter der Klinik haben sich gegen das Coronavirus impfen lassen. (dpa) (dpa)"Impfen wird in den ersten Monaten noch keinen Unterschied machen"
Impfen sei im Kampf gegen das Coronavirus natürlich wichtig, sagte der Mediziner und Medizinjournalist Christoph Specht im Dlf. Ein deutlicher Rückgang der Infektionszahlen sei jedoch wahrscheinlich erst im Frühjahr zu erwarten. Die wesentlichen Maßnahmen - Abstand und Kontaktreduzierung - würden die Menschen weiter begleiten.

Jeder Tag zählt

Klar, dies ist auch die Stunde der Schlaumeier, die es schon immer gewusst haben. Die im Vorfeld schon für ausreichende Impfdosen des richtigen Impfstoffs gesorgt hätten, die das alles besser geregelt hätten, in den Pflegeheimen und den Krankenhäusern. Doch nicht jede Frage wird zu Unrecht gestellt.

Die Bundesregierung, die Ministerpräsidenten und auch die Verantwortlichen in Brüssel haben in den vergangenen Wochen alles dafür getan, die Erwartungen an den Beginn der Impfungen hochzutreiben. Sich jetzt hinzustellen, wie Jens Spahn vor den Feiertagen und zu empfehlen, man solle sich doch die Freude über die Entwicklung des Impfstoffs nicht verderben lassen, nur weil es momentan noch nicht ausreichend davon gebe, das ist zu wenig. Jeder Tag zählt, für die Risikogruppen sowieso, aber auch für uns alle, die wir den Impfstoff als Schlüssel zum Sieg über das Virus begreifen sollen.

Und deshalb gerät ab jetzt jeder Tag unter die Lupe. Jeder Blick auf die beeindruckenden Impfzahlen in Ländern wie Israel, Großbritannien, Dänemark und Kanada weckt Zweifel, ob wir hier wirklich so gut unterwegs sind, wie von den Verantwortlichen gerne behauptet.

Wenn ein ehemaliger Staatssekretär von Jens Spahn via Twitter über eine Impfverlosung im Altenheim seiner Mutter berichtet, dann muss das aufgeklärt werden und darf nicht diffus weiterwabern. Wenn ein Mitglied der Leopoldina den Verantwortlichen "grobes Versagen" vorwirft, dann ist das kein Zwischenruf einer Querdenkerin.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Der Verweis auf Brüssel taugt nicht

Natürlich hat man im Sommer nicht wissen können, welcher Impfstoff am Ende das Rennen machen würde, doch mit einem Champion wie Biontech im eigenen Land darf man schon fragen, warum sich die Bundesregierung nicht gerade dort massiv und rechtzeitig eingedeckt hat.

Der Verweis auf Brüssel taugt da nicht. Gesamteuropäischer Ansatz und nationale Mehrbeschaffung schließen sich nicht aus. Und darüber hinaus: Dem Gesundheitsminister ist seit Wochen klar, dass er am Anfang vor allem den Mangel verwalten muss. Warum diskutieren wir erst nach Impfbeginn, ob man fünf oder sechs Dosen aus einem Impfstoffbehälter ziehen kann und wie viel Zeit zwischen der ersten und der zweiten Impfung vergehen darf?

Und was die zentrale Beschaffung durch Brüssel angeht: Die Solidarität zwischen den EU-Partnern hat einen hohen Stellenwert. Dieser wird zu Recht auch oft beschworen. Zur Ehrlichkeit gehört: Das Verfahren über Brüssel, inklusive Mitspracherecht der Nationalstaaten, hat auch seinen Preis.

"Nicht ganz so schlank", kommentiert Ugur Sahin von Biontech im "Spiegel" höflich. Nicht ganz so schnell, soll das heißen! Andere waren schneller. In drei Tagen trifft sich die Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Seit Tagen heißt es, das Zahlenmaterial, also die Grundlage für alle Beratungen, sei aufgrund der Meldelage nicht zuverlässig.

Der Corona-Impfstoff von Biontech und Pfizer. Eine Krankenschwester im UC Davis Medical Center in Sacramento, Kalifornien, zieht die Subsatnz aus einem Gläschen in eine Spritze. Zu sehen ist nur ihre mit einem blauen Handschuh geschützte Hand. (dpa/AP/Hector Amezcua) (dpa/AP/Hector Amezcua)Was Sie über die Corona-Impfung wissen müssen
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"Jahrhundertaufgabe" bei unsicherer Datenlage

Abgesehen davon, dass man sich fragen muss, warum die Verantwortlichen nicht zum ersten Mal zusammenkommen, ohne dass die Wirkung ihrer letzten Entscheidungen datenfest überprüft werden kann, ist nicht ausreichend erklärt, warum es zehn Monate nach Ausbruch der Krise in Deutschland immer noch zu verspäteten Meldungen kommt, die durch ein Wochenende oder gar nicht erklärt werden. Wenn es sich hier, wie die Kanzlerin sagt, um eine Jahrhundertaufgabe handelt, dann sollten bestmögliche Daten selbstverständlich sein.

Was den Lockdown angeht, werden wir uns vermutlich weiter durchwursteln. Ein bisschen böllern ging, ein bisschen feiern auch. Ein bisschen Schule? Wird schon gehen, wenn nicht hier, dann woanders. Die Warn-App, auch so ein bisschen Warn-App, schimmert grün. Keine Risikobegegnungen! Kein bisschen beruhigend!

Klaus Remme  (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme (Deutschlandradio / Bettina Straub)Klaus Remme, geboren in Cloppenburg. Studium der Politischen Wissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Freiburg und Wien. Berufliche Stationen: Institute for Defense & Disarmament Studies, Boston, BBC World Service, London, Norddeutscher Rundfunk. Seit 1996 beim Deutschlandfunk. Von 2007 bis 2012 Korrespondent von Deutschlandradio in Washington. Seitdem Korrespondent im Hauptstadtstudio mit Schwerpunkt Außen- und Sicherheitspolitik. 

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