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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs bleibt eine Lücke08.09.2021

Stockende Impf-KampagneEs bleibt eine Lücke

Die Impf-Kampagne in Deutschland dümpelt dahin. Aber auch Panik-Argumente wie eine erneut mögliche Überforderung des Gesundheitswesens helfen nicht weiter, kommentiert Volker Finthammer. Es bleibe die Hoffnung auf die späte Einsicht bei bisher Ungeimpften.

Ein Kommentar von Volker Finthammer

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Eine Impfärztin steht im Impfzentrum Sachsen vor einer leeren Impfkabine. Die sächsischen Impfzentren haben vor der Schließung zum Endspurt aufgerufen. (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert)
Eher überschaubarer Andrang in einem Impfzentrum in Sachsen (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert)
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Noch mindestens über fünf Millionen Erwachsene müssten sich nach den Worten von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) impfen lassen, um einer vierten Corona-Welle in Herbst und Winter und einer möglichen Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen trotzen zu können. Das hört sich überschaubar an.

Ein Labormitarbeiter bereitet im Functional Genomics Center (FGCZ) der Universitaet und ETH Zürich SARS-CoV2-Proben zur Genomsequenzierung vor (picture alliance / dpa / KEYSTONE - CHRISTIAN BEUTLER) (picture alliance / dpa / KEYSTONE - CHRISTIAN BEUTLER)Coronavirus-Mutationen - Was über die Varianten My und C.1.2. bekannt ist
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Aber schaut man auf die Zahl der täglichen Impfungen, die bereits seit Mitte Juni rückläufig ist, dann nehmen derzeit durchschnittlich nicht mehr als 120.000 Bürger pro Tag eine Impfung wahr. Die nötige Zweitimpfung mit den entsprechenden zeitlichen Abständen eingerechnet, reicht der Oktober nicht aus, um diese Zahl für einen sicheren Herbst und Winter erreichen zu können.

Minister will von Impfpflicht nichts wissen

Es gibt also allen Grund, auf die Tube zu drücken. Auf der anderen Seite bleiben viele Fragen offen. So gibt es nur Vermutungen und nur wenige Studien über die Menschen, die sich bislang nicht impfen lassen wollen. Die Unsicherheiten über die Impfstoffe spielen eine Rolle. Die schnelle Entwicklung vor allem der medizinisch neuen MRNA Impfstoffe, lassen nach wie vor viele Menschen zweifeln. Dazu kommen die Impfverweigerer, die auch ohne Corona dem medizinischen Fortschritt grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen und oftmals auf die Selbstheilungskräfte des Körpers vertrauen, auch wenn die bei Corona nachweislich keine große Rolle spielen.

Der Gesundheitsminister will auch weiterhin von einer Impfpflicht nichts wissen, wohl wissend dass dies den Untergang der Union in den letzten Wochen vor der Bundestagswahl bedeuten könnte. Das gestern vom Bundestag verabschiedete Fragerecht für Arbeitgeber in kontaktintensiven Bereichen, wie etwa Schulen, Kitas oder Pflegeheimen reicht Spahn. Obwohl er diese Auskunftspflicht auch gerne auf alle Bereichen der Wirtschaft ausgedehnt hätte, um darüber auch den Druck auf Ungeimpfte zu erhöhen.

Trägheit und Skepsis

Was bleibt, ist eine schwierige Gemengelage, in der es fraglich bleibt, ob die neue Impfkampagne zum Durchbruch verhelfen kann. In Teilbereichen vermutlich schon. Denn viele Bürger haben sich schlicht nicht um Impftermine bemüht, aus Trägheit oder auch einer abwartenden Vorsicht. Nicht einmal aus einer grundsätzlichen Skepsis.

Ja selbst viele Risikopatienten haben lange und oftmals auch vergeblich auf eine Einladung gewartet, anstatt sich selbst aktiv zu mühen. Viele dieser Menschen wird man durch die niedrigschwelligen Angebote etwa vor Einkaufszentren und anderen attraktiven Orten erreichen können. Und dennoch bleibt eine Lücke, die nicht nur den Kern der Impfverweigerer umfasst. Aber das werden wir ohne eine Pflicht zur Impfung wohl auch aushalten müssen. Und da helfen auch Panik-Argumente wie eine erneut mögliche Überforderung des Gesundheitswesens nicht weiter. Da können wir nur auf eine späte Einsicht hoffen.

Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Volker Finthammer, Jahrgang 1963, studierte Politik in Marburg und in Berlin. Nach der Wende erste Radioerfahrungen beim Deutschlandsender Kultur in Ostberlin. Seit 1994 beim Deutschlandradio. Redakteur im Ressort Politik und Hintergrund. Korrespondent im Hauptstadtstudio in Berlin und in Brüssel. CvD in der Chefredaktion von Deutschlandradio Kultur. Seit September 2016 wieder im Hauptstadtstudio in Berlin mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialpolitik.

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