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StartseiteWissenschaft im BrennpunktStoffwechsel am Limit06.04.2012

Stoffwechsel am Limit

Manuskript zur Sendung

Diabetes, Depressionen, Herzinfarkt, Migräne, Rheuma, Akne, Allergien, Alkoholismus und Reizdarm – die Liste der stressbedingten Erkrankungen ließe sich noch eine Weile fortführen. Studien der Krankenkassen haben ergeben, dass kein anderer Faktor so viele Krankschreibungen hervorruft wie ausgerechnet Stress.

Von Kristin Raabe

Stress und Hektik prägt das Arbeitsleben nicht nur an der Börse. (AP)
Stress und Hektik prägt das Arbeitsleben nicht nur an der Börse. (AP)

Die Burnout-Falle

Forscher warnen vor Herzinfarkt durch Stress im Job

Studenten leiden zunehmend an Burnout-Symptomen

Krank im Job: Ausgebrannt in den Ruhestand

Mehr Burnout-Fälle: Arbeitnehmer werden häufiger krank

Milliardenschäden durch Stress im Job

Erschöpft, ausgebrannt, arbeitsmüde

Die ausgebrannte Gesellschaft

Das überforderte Ich

Deutschland im Dauerstress


Keine deutsche Zeitung, keine Talkshow, kein Magazin, das sich in den letzten Monaten nicht mindestens einmal dem Thema Burnout gewidmet hätte. Vor allem Prominente drohen schnell auszubrennen: Der Fernsehkoch Tim Mälzer, die NTV-Moderatorin Miriam Meckel, der Skispringer Sven Hannawald und der Fußballtrainer Ralf Rangnick haben sich sämtlich als Burnout-Opfer geoutet. Aber was ist wirklich dran am Medienhype um den Burnout? Ist das Ganze nur eine Modediagnose oder ein echtes Krankheitsbild? Leiden wir in unserem Wohlstandsstaat tatsächlich so sehr unter zu viel Stress? Dieser Frage geht der Medizinsoziologe Johannes Siegrist von der Universität Düsseldorf schon seit vielen Jahren nach. Er und seine Mitarbeiter haben Daten von Krankenkassen analysiert, Umfragen unter Patienten gemacht und alle Befunde über einen Zeitraum von etlichen Jahren - manchmal Jahrzehnten - hinweg verfolgt. Das Ergebnis ist eindeutig:

"Die Frage, ob die Arbeitsbelastungen zugenommen haben, die kann man ganz klar bejahen. Der Rationalisierungsdruck hat zugenommen und Rationalisierung heißt Verdichtung von Arbeit. Produktivitätssteigerung indem sozusagen die Personalkosten konstant gehalten oder reduziert werden. Wir haben heute die Situation, dass etwa 30 Prozent der Beschäftigten die Frage mit 'Ja' beantworten: 'Ist in den letzten zwei Jahren, in ihrem Betrieb Personal in deutlichem Umfang abgebaut worden?' Jeder dritte Beschäftigte sagt heute 'ja er hat das erlebt'. Und dieser Personalabbau in Zusammenarbeit mit Intensivierung der Produktivität hat zu einer Zunahme der empfundenen Arbeitsbelastung geführt."

"Es wurden immer Einsparungen gemacht an Kräften. Also ich kann mich erinnern, wo ich 1985 mit der Ausbildung fertig war, da war mehr Pflegepersonal auf alle Fälle da. Auch examinierte und Pflegefachkräfte, ich glaube so ungefähr fünf Bewohner hat jeder morgens früh gehabt, das war das Höchste."

Barbara Hoffmann ist seit 27 Jahren Altenpflegerin. Die Arbeit mit den alten Menschen hat sie immer gerne gemacht.

"Das ist ein sehr dankbarer und sehr liebevoller Beruf."

Aber mit den Jahren wurde die Arbeitsbelastung immer größer. Am Ende musste sie in derselben Zeit mehr als doppelt so viele Heimbewohner versorgen wie zu Beginn ihrer Berufslaufbahn. Auf ihrer Station war sie die einzige examinierte Altenpflegerin. Alle anderen Mitarbeiter dort waren lediglich angelernte "Pflegehelfer". Auch musste Barbara Hoffmann zunehmend mehr Papierkram erledigen, Zeit für ein Gespräch mit den alten Menschen blieb da nicht.

"Morgens früh bei der Grundpflege, das muss zap zap, ganz schnell gehen, Ich habe um viertel vor sieben angefangen und bis um 11 Uhr musste man elf Bewohner - in Anführungsstrichen - fertig machen. Waschen Anziehen, Spritzen, Dokumentation, Frühstück wieder abräumen, wieder jemanden waschen, Essen anreichen, Ärzte anrufen, wenn was aufgefallen war, dann zwischendurch auf die Klingel gehen."

Burnout betrifft nicht primär Prominente, Leistungssportler, Manager oder ambitionierte Akademiker. Es sind vielmehr diejenigen, die eher unbemerkt viel leisten und wenig verdienen. Siegrist:

"Je tiefer jemand in der Hierarchie steht im Betrieb, umso häufiger ist er von diesen Bedingungen betroffen. Das ist auch deswegen wichtig, weil es auch ein soziales Gefälle der wichtigsten stressbedingten Erkrankungen gibt. Depressionen sind häufiger in niedrigen Stellungen, sogenannten niedrigen sozialen Schichten, und koronare Herzkrankheiten sind schon längst keine Managerkrankheit mehr. Die sind mindestens zweimal so häufig in den wenig qualifizierten Berufsgruppen. Und wir zeigen auch in unserer Forschung, dass eben Arbeitsstress in diesen sozial benachteiligten Gruppen eine größere Rolle für das Krankheitsgeschehen spielt, als das in den höheren sozialen Schichten der Fall ist."

Stress macht krank. Auch das ist ein wichtiges Forschungsergebnis von Johannes Siegrist. Herzkreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Diabetes, Osteoporose, Migräne, Reizdarm oder Allergien können durch Stressbelastungen entstehen oder zumindest sich verschlimmern.

"Wir wissen zum Beispiel, dass jemand, der länger als drei Überstunden täglich macht ein mehr als 70 Prozent erhöhtes Risiko hat, an einem Herzinfarkt zu erkranken oder zu versterben. Also, es gibt Obergrenzen der Beanspruchung, angemessene Löhne sind wichtig. Wir haben eine wachsende Einkommensungleichheit und auch Ungerechtigkeit, wenn man die Spitzenverdiener und die Mindestlohnbewerber miteinander vergleicht."

Barbara Hoffmann: "Beim ersten Mal, das war 2000 gewesen, da war noch ein anderer Aspekt, ich war alleinerziehend und war natürlich davon abhängig, dass mein Exmann die Kinder nimmt, ich habe zu der Zeit auf einer Sozialstation gearbeitet, hatte schon immense Überstunden gehabt. Ich hatte auch den Druck, ja du musst ja auch deine Familie ernähren. Du kannst ja nicht von heute auf morgen aufhören zu arbeiten."

Damals hörte Hoffmann zum ersten Mal etwas von Burnout. Der Stress im Job zusammen mit der Belastung als alleinerziehende Mutter forderte seinen Tribut. Der ständige Ton in ihrem Ohr war nur eines der Symptome. Viel schlimmer war die innere Leere. Sie konnte sich zu nichts mehr aufraffen, saß manchmal einfach nur völlig apathisch auf dem Sofa, ohne einen Gedanken oder einen Vorsatz irgendetwas zu tun.

"Ich glaube, wenn ich meine Kinder nicht gehabt hätte und die hätten mir den Tag nicht so strukturiert - morgens früh aufstehen, dann und dann kamen die aus der Schule, Mittagessen, einkaufen gehen, bisschen Haushalt machen und abends ins Bett gehen - ich glaube, wenn die nicht da gewesen wären, ich weiß nicht, wie ich das sonst überstanden hätte. Da konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Da war nichts mehr."

Burnout ist eigentlich keine Krankheit im klassischen Sinne. Im Diagnoseschlüssel der Ärzte gilt es als Zusatzdiagnose und bezeichnet einen Zustand der totalen Erschöpfung. Die Betroffenen werden sich selbst und anderen gegenüber zunehmend gleichgültig, sie fühlen sich wertlos und leiden unter einer extremen Antriebsschwäche. Solche Symptome kennen Experten wie Johannes Siegrist auch von anderen Fällen.

"Ich sehe eine starke Schnittfläche zwischen Burnout und dem klinischen Krankheitsbild der Depression. Burnout ist eigentlich so eine Art kritisches Stadium einer Verausgabungskarriere im modernen Berufsleben, so muss man das sagen. Und es kann wirklich gefährliche Folgen haben, es kann zum Beispiel auch zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen. Die vitale Erschöpfung ist bei 30 Prozent der Herzinfarktpatienten ein Symptom im Vorstadium, vor dem Krankheitsausbruch. Burnout kann zu Depression führen, es kann aber auch eben nur eine Phase sein, die man mit eigenen Ressourcen, mit Selbstheilungskräften überwinden kann."


Johannes Siegrist hat auch untersucht, unter welchen Bedingungen Arbeit zum Burnout führt. Er entwickelte schließlich das Modell der sogenannten Gratifikationskrisen. Es bedeutet, dass Berufstätige nicht die Belohnung und Anerkennung erhalten, die sie für ihre Leistung eigentlich verdienten:

"Unsere Forschungen zeigen, dass Menschen die sich jahrelang verausgaben in ihrem Beruf, leisten was gefordert ist, vielleicht auch aus innerem Antrieb mehr leisten, als was objektiv gefordert ist und die dann eben nicht angemessen belohnt werden, die in eine solche kritische Bilanz zwischen Verausgabung und Belohnung hineingeraten, dass die eben auch erhöhte Risiken stressbedingter Erkrankungen aufweisen."

Inzwischen belegen etlicher Forschungsergebnisse, wie stark Gratifikationskrisen die Gesundheit gefährden. Erst im Jahr 2011 erschien beispielsweise eine Studie, die zeigte, wie durch fehlende Anerkennung und starke Verausgabung am Arbeitsplatz die Rate der Infekte stark anstieg, weil die Immunzellen weniger aktiv waren und in geringerer Konzentration im Blut vorkamen. Der Zusammenhang zwischen starker Arbeitsbelastung, niedriger Bezahlung und einer schlechten Gesundheit ist also für den Wissenschaftler bewiesen.

Barbara Hoffmann verdiente bei ihrem letzten Arbeitgeber als Altenpflegerin mit Schichtzulagen gerade einmal 1000 Euro netto. Und das obwohl sie als einzige Fachkraft auf ihrer Station die alleinige Verantwortung für 23 pflegebedürftige Heimbewohner trug. Ihre Überstunden wurden ihr nicht ausbezahlt, sondern sie hätte sie offiziell abfeiern müssen.

"Aber dazu ist es nie so wirklich gekommen. Mal ein Tag oder zwei Tage, dann war man schon zuhause und wusste eigentlich schon so, hoffentlich ruft jetzt keiner an. Auch wenn man regulär frei hatte und wenn man sich mal krank gemeldet hatte, das ging gar nicht."

Eine große Arbeitsbelastung und die Gratifikationskrise - also die fehlende Anerkennung - sind nur zwei mögliche Ursachen für stressbezogene Erkrankungen. Klaus-Helmut Schmidt vom Institut für Arbeitswissenschaften in Dortmund hat in mehreren Studien die Arbeitsbelastung von Altenpflegekräften untersucht.

"Man erwartet von Altenpflegekräften, das sie freundlich sind, hilfsbereit sind, das erwartet die Arbeitsrolle und das kann in Konflikt treten mit dem, was die Person tatsächlich empfindet. Und um diesen Konflikt zu lösen, kommt es häufig vor, dass Altenpflegekräfte ihre eigenen Emotionen unterdrücken. Und wir wissen mittlerweile aus der Grundlagenforschung, dass das Unterdrücken von Emotionen einen Beanspruchungseffekt macht."

An vielen Arbeitsplätzen ist heute Selbstkontrolle gefordert. Call-Center Mitarbeiter, oder Verkäufer und Verkäuferinnen im Einzelhandel beispielsweise müssen immer nett und freundlich sein. Dass mit dieser ständigen Freundlichkeit psychische Kosten verbunden sind, weiß kaum ein Arbeitgeber. Mehr Selbstkontrolle bedeutet auch mehr Stress. Allerdings gibt es auch Menschen, denen die Selbstkontrolle sehr leicht fällt und die dadurch weniger gestresst sind. Schmidt:

"Selbstkontrollfähigkeit kann eine Pufferfunktion gegenüber verschiedenen Belastungssituationen bei der Arbeit haben."

2011 untersuchte Klaus-Helmut Schmidt mit seinen Mitarbeitern gezielt die Selbstkontrollfähigkeit von Patienten mit Burnout. Das Ergebnis war eindeutig: Je stärker ausgeprägt der Burnout war, desto geringer war die Selbstkontrollfähigkeit der Testperson.

Die Arbeit mit den Alten, hat Barbara Hoffmann eigentlich nie sehr stark belastet. Eher schon die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz, im Team. Dass sie auf einen Zusammenbruch zusteuerte, wollte sie zunächst nicht wahrhaben. Sie spürte vor allem die körperlichen Symptome.

"Da wollt ich es eigentlich nicht wieder soweit kommen lassen. Aber ich bin so in dieser Maschinerie drin gewesen. Ich habe schon gemerkt, dass ich immer wieder längere Zeit richtige Infekte hatte, immer wieder, die einfach nicht weggingen."

Wie stark Stress das Immunsystem beeinflusst, hat der Psychologe Manfred Schedlowski an der Universität Essen in vielen Studien an Labortieren und betroffenen Patienten untersucht.

"Bei kurzfristigem Stress, also bei kurzfristigem Prüfungsstress kommt es zu vorübergehenden Aktivierung von Immunfunktionen, das sind insbesondere die Funktionen, die so eine erste Abwehrlinie gegen Viren, Bakterien, Pathogene bilden. Also das hat eher so eine Schutzfunktion. Dauert der Stress aber länger an, dauert der über Tage, Monate, oder noch länger an, dann wissen wir, dass unter dieser Belastung vermehrt vom Gehirn gesteuert, die Botenstoffe ausgeschüttet werden, die dann zu einer Abschwächung der Immunantwort führen und über diese abgeschwächte Immunfunktion kommt es eben zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Infektionserkrankungen beispielsweise."

In einem Laborexperiment setzte der Forscher eine Gruppe Ratten einige Stunden am Tag in eine enge Röhre, was für die Tiere Stress bedeutete. Dann infizierte er sie mit einem eigentlich harmlosen Bakterium. Eine Kontrollgruppe von Ratten, die nicht in der Röhre gesessen hatte, wurde ebenfalls mit dem Erreger infiziert. Diese Tiere wurden noch nicht einmal krank. Die gestressten Ratten dagegen starben sogar an der Infektion. Der Faktor Stress kann also den Unterschied zwischen Tod und Leben ausmachen. Das liegt daran, dass das Immunsystem und das Gehirn über verschiedene Botenstoffe miteinander kommunizieren. Das Gehirn nimmt den Stress wahr, dort wird dann die Freisetzung von Botenstoffen veranlasst, die sich auf Bindungsstellen von Immunzellen setzen und diese beispielsweise deaktivieren können oder einfach ihren Weg im Körper verändern. Schedlowski:

"Die haben im Körper ihren eigenen Weg, beispielsweise sind mehr T-Zellen in der Milz vorhanden als B-Zellen beispielsweise. Und wenn dieses Verteilungssystem - das ist ein ganz fein abgestimmtes Verteilungssystem - durch diese Stresshormone aus dem Gleichgewicht kommt, funktioniert auch die Immunabwehr nicht mehr so gut. Das heißt diese Zellen verändern ihren Weg durch den Körper, die gehen dann von der Milz in die Lymphe und wieder zurück in die Blutbahn und von der Blutbahn wieder zurück in die Lunge. Und wenn dieser Weg nicht mehr funktioniert und gut aufrechterhalten wird, kommt es zur Störungen der Abwehr."

Barbara Hoffmann: "Ich denke schon, das ich auch ein Mensch bin, der unheimlich hektisch sein kann und ich bin auch jemand der gerne macht. Ich merke auch, dass ich mir manchmal Stresssituationen aussuche. Und wenn die dann vorbei sind, bin ich auch wieder richtig erschöpft."

Menschen unterscheiden sich in ihrer Stressempfindlichkeit stark voneinander. Was den einen in den Burnout treibt, wird einem anderen als interessante Herausforderung erscheinen. Wie jemand Stress erlebt hat mit seinen Genen, seiner Persönlichkeit und mit seinen Erfahrungen zu tun. Oft werden die Weichen für eine erhöhte Stressempfindlichkeit bereits im Mutterleib gestellt. Steht eine Schwangere unter Stress, während das Gehirn ihres Kindes heranreift, kann sich das beim Nachwuchs auch noch Jahrzehnte später bemerkbar machen. Der Psychologe und Stressforscher Dirk Hellhammer von Universität Trier hat in vielen Studien in einem speziellen Fragebogen nach der Stressbelastung der Mutter während der Schwangerschaft gefragt.

"Das hat uns wirklich überrascht, wir überschauen mittlerweile weit über 1000 von diesen Patienten, dass über 85 Prozent aller Patienten mit stressbezogenen Gesundheitsstörungen, solche deutlichen Hinweise zeigen, dass in der Reifungsphase des Gehirns offensichtlich die Stressvulnerabilität gesteigert wurde."

Eine Studie der Universität Konstanz, die 2011 veröffentlicht wurde, hat das genauer untersucht. Die Forscher konnten nachweisen, dass Stress während der Schwangerschaft, dazu führt, dass die Kinder überempfindliche Bindungsstellen für Stresshormone haben. Der genetische Code eines jeden Menschen enthält den Bauplan für mehrere Varianten für diese Bindungsstellen. Und von insgesamt drei Stresssystemen hängt ab, wie unser Körper mit Stress umgeht. Verschiedene Hormone und Botenstoffe steuern die unterschiedlichsten Körperreaktionen. Das erste Stresssystem ist das Energieversorgungssystem. Bei diesem System bringen Nervenbündel im Gehirn eine Kaskade in Gang, die darin endet, dass die Nebennierenrinde das Stresshormon Cortisol freisetzt.

"Dieses Cortisol bewirkt im Wesentlichen, dass Energiereserven mobilisiert werden. Wenn wir uns jetzt hier unterhalten, verbraucht unser Gehirn etwa 15 Prozent der Glucose. Wenn wir unter Stressbelastung stehen, kann sich das ändern, dann verbrauchen wir bis zu 80 Prozent der Glucose. Das Gehirn hat aber keine Energiespeicher also ist die Frage, wie kommt es an die Glucose ran. Und da kommt das Cortisol ins Spiel. Das Cortisol geht dann an die Leber und mobilisiert da Glucose und sorgt dort gleichzeitig dafür, dass die stets Glucose-hungrige Muskulatur, ihr die Glucose nicht wegschnappt, so dass das Gehirn sich mehr oder weniger selbstsüchtig selber mit Energie versorgen kann."

Dirk Hellhammer untersucht an der Universität Trier schon seit etlichen Jahren die Wirkungsweise von Cortisol. Eines seiner wichtigsten Forschungsergebnisse: Nur bestimmte Arten von Stress bewirken eine Cortisolfreisetzung. Es muss etwas unkontrollierbares und unvorhersehbares sein, das einem persönlich viel bedeutet. Ein typisches Beispiel wäre ein Hausbau.

"In solchen Situationen kommen dann oft so Magen-Darm-Symptome, so im Sinne von einem Reizdarm. Zwicken im Verdauungstrakt, Veränderungen vom Stuhlgang, von der weichen zur harten Form oder nur weich oder nur hart, das sind so die ersten Zeichen oft. Durchschlafstörungen ist dann das nächste. Wir sprechen da auch von unterschwelligen Gesundheitsstörungen. Wenn das dann aber lange anhält oder mit anderen Worten, wenn Cortisol lange auf den Organismus einwirkt, entstehen weitere Folgen, zum Beispiel die Knochen werden betroffen, die Osteoporose ist deutlich durch Cortisol beeinflussbar."

Weil Cortisol den Blutzuckerspiegel ansteigen lässt, kann es langfristig auch zur Entstehung von Diabetes beitragen. Und auch bei Depressiven finden sich im Blut erhöhte Cortisolwerte. Wenn die Stressbelastung allerdings sehr extrem ist und sehr lange anhält, kann es sein, dass die Nebennieren so erschöpft sind, dass sie irgendwann gar kein Cortisol mehr produzieren können. Die Folge ist dann eine totale Erschöpfung und extreme Reizbarkeit. Hellhammer:

"Als man nach dem Ceausescu-Regime diese Kinder aus dem Waisenheimen befreit hatte, die unter nahezu unmenschlichen Bedingungen da 'gehalten' wurden, muss man wohl sagen, da hat man festgestellt, dass die Cortisolwerte von denen also ganz platt waren. Die haben also so gelitten unter dieser Situation, dass die Cortisolproduktion quasi eingestellt war und dann hat man die in Pflegefamilien gebracht und hat mit den Pflegefamilien ein Eltern-Kind-Training gemacht über sechs Monate hat sich langsam der Cortisolspiegel wieder normalisiert."

Cortisol ist bei Stress das wichtigste Hormon des Energieversorgungssystems. Aber es gibt auch noch ein Arbeitssystem, das bei Stress aktiv ist. Wieder sind es Nervenbündel im Gehirn die über Botenstoffe die Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin in der Nebenniere und im Gehirn selbst bewirken. Die Wirkung zeigt sich dann meist sofort. Die Atmung geht schneller, der Herzschlag beschleunigt sich und die Muskelspannung steigt. Der ganze Körper wird in Alarmzustand versetzt. Typisch ist das bei Managern, die den ganzen Tag unter Strom stehen. Kommen sie abends nach Hause sind ihre Adrenalin und Noradrenalinspeicher völlig leer. Sie schlafen nach fünf Minuten vor dem Fernseher ein, bekommen am Wochenende eine Migräne und leiden unter Infekten.

Als Gegengewicht zum Arbeitssystem fungiert das Erholungssystem mit dem Botenstoff Serotonin, der in verschiedenen Hirnzentren beispielsweise auch für einen entspannten Schlaf sorgt. Alle drei Stresssysteme sind voneinander abhängig und beeinflussen sich gegenseitig. Nur wenn sie im Gleichgewicht sind, kann ein Mensch eine Stresssituation bewältigen. Ist eines der Systeme überlastet oder erschöpft sind auch die anderen in Mitleidenschaft gezogen. Dann wird ein Mensch durch Stress krank.

Erst nachdem ihr Altenheim zugemacht hat spürt Barbara Hoffmann welche Folgen die jahrelange Stressbelastung hatte. Schon Kleinigkeiten setzten sie jetzt unter Strom. Es ist als hätte ihr Gehirn verlernt, zu entspannen.

"Irgendwann ist das auch gekippt, wo ich dann nicht mehr abschalten konnte, aber da war es dann schon zu spät, da habe ich den Schalter nicht mehr rum gekriegt."

All das Wissen, das Forscher wie Dirk Hellhammer in jahrzehntelanger Forschungsarbeit angesammelt haben, nützt den vielen Patienten mit stressbezogenen Erkrankungen bislang noch nichts. Das wollte der Trierer Psychologe aber ändern. Er entwickelte ein Testsystem, dass es jedem Hausarzt ermöglichen soll, solche Erkrankungen und das damit verbundene Ungleichgewicht im Körper genau zu charakterisieren.

"Das läuft so ab, dass der Arzt und Patient sich treffen, wenn der Verdacht besteht, das Stress eine Rolle spielt. Der Arzt füllt den Anamnesebogen aus, das geht in wenigen Minuten, er trägt die Blutdruckwerte ein und die aktuelle Medikation des Patienten und das Körpergewicht und dann geht der Patient nach Hause. Denn er kann in der Arztpraxis nicht länger bleiben, da ist das Wartezimmer voll. Zuhause legt er sich selbst ein Mini-EKG-Gerät an. Er macht eine Übernachtmessung. Er sammelt über drei Tage Speichelproben und er füllt Fragebögen aus, entweder über das Internet oder in Papierform und schickt dann diese ganzen Informationen zu uns, ins Labor."

Im Speichel lässt sich das Stresshormon Cortisol nachweisen und damit können Experten wie Dirk Hellhammer eine Aussage über das Energieversorgungssystem treffen. Der vom EKG-Gerät gemessene Herzschlag gibt Aufschluss, über den Zustand von Adrenalin und Noradrenalin, die für das Arbeitssystem zuständig sind. Fast noch wichtiger sind aber die Fragebögen, in denen die Patienten detailliert über jedes ihrer Symptome Auskunft geben. In all diesen Daten erkennen die Trierer Forscher dann Muster, die ihnen sagen, in welchem Zustand sich die drei Stresssysteme bei einem Patienten gerade befinden. Neuropattern hat Dirk Hellhammer sein Testsystem genannt:

"Wir haben das untersucht in einer größeren Stichprobe von Patienten, die die Fragebogenkriterien von Burnout erfüllt haben. Die qualifizierten sich für sechs unterschiedliche Formen von Burnout, das heißt es gab sechs unterschiedliche Mechanismen, die die Erschöpfungszustände bei diesen Patienten verursacht haben. Bei dem einen Patienten gab es Hinweise auf Noradrenalinmangel, das heißt, die Arbeitssysteme im Gehirn sind sozusagen in die Knie gegangen. Bei den anderen gab es Hinweise auf Cortisolmangel und das sind zwei Beispiele, von diesen sechs Beispielen, die eine völlig andere Therapie auch erfordern, sowohl von der psychologischen Seite als auch von der medikamentösen Seite. Deswegen ist es so wichtig, dass man die Therapie personalisiert, aber das geht natürlich nur, wenn man die richtige diagnostische Möglichkeit hat. Wenn man die diagnostisch charakterisieren kann diese Subgruppen."

Jeder Arzt, der für seine Patienten die Neuropatterndaten nach Trier schickt, erhält eine ausführliche Auswertung der Befunde. Noch wichtiger aber sind die Therapieempfehlungen, die genau auf seinen Patienten zugeschnitten sind. Außerdem können die Patienten sich in ein Online-Selbsthilfemodul einloggen und dort ein Entspannungstraining oder eine Schlafschule absolvieren. Patienten mit einem Noradrenalinmangel würden die Trierer Psychologen beispielsweise eine Behandlung mit der Aminosäure Tyrosin empfehlen, denn mit ihr kann der Körper wieder mehr Noradrenalin herstellen. In einer Verhaltenstherapie müsste so jemand dann ein Pausenmanagement erlernen. Bei einem Cortisolmangel würde Dirk Hellhammer eventuell vorübergehend ein Antidepressivum einsetzen und den Patienten dann intensiv psychotherapeutisch behandeln. Mehrere Hundert Hausarztpraxen testen im Moment das Neuropatternsystem. Dass es tatsächlich Stresspatienten helfen kann, konnte der Psychologe in ersten Studien bereits nachweisen.

Barbara Hoffmann ist schon seit 2009 nicht mehr arbeitsfähig. Gestresst ist sie aber immer noch. Schon Kleinigkeiten setzen sie unter Strom. Sie kann einfach nicht mehr abschalten. Medikamente sollen ihr helfen, sich zu entspannen.

"Seit letzter Woche habe ich für 50 Prozent einen Schwerbehindertenausweis. Psyche, die genaue Diagnose habe ich jetzt nicht so im Kopf. Also Depression, also Burnout ist ja auch mit Depression verbunden."

Die Ergebnisse aus der Wissenschaft sind eindeutig und lassen sich nicht mehr verleugnen: Die Stressbelastung hat in vielen Arbeitsbereichen in den letzten Jahren enorm zugenommen. Dadurch werden auch immer mehr Menschen krank und im Extremfall sogar arbeitsunfähig. Das kostet Versicherungen, Staat und Arbeitgeber viel Geld. Der Ausweg aus diesem Kreisverkehr führt über geänderte Arbeitsabläufe und Strukturen. Arbeitnehmer brauchen mehr Selbstkontrolle und Freiheit bei ihren Tätigkeiten. Und die Entlohnung sollte der Verantwortung und der Leistung entsprechen.

Barbara Hoffmann: "Ich bin jetzt mittlerweile ARGE-Empfängerin und habe die Auflage auch mir Arbeit zu suchen. Habe aber bis jetzt auch noch nichts gefunden. Mein erster Beruf ist ja Arzthelferin, da könnte ich mir vorstellen zu arbeiten. Da habe ich mich ein oder zweimal wieder bei einem Arzt vorgestellt und auch Probe gearbeitet. Also es ist schon interessant, aber ich glaube, es würde auch länger dauern bis ich mich da eingearbeitet habe. Natürlich habe ich auch Angst. Was ich auch gemerkt habe: Es ist alles so schnell. Das geht bei mir nicht mehr, dieses schnelle, geht irgendwie nicht mehr so."

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