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StartseiteKultur heuteStolpern durch die Münchener Mythenwelt16.04.2011

Stolpern durch die Münchener Mythenwelt

Sebastian Nübling inszeniert "Alpsegen" an den Münchner Kammerspielen

In Sebastian Nübings Inszenierung von "Alpsegen" erobern sich die Mythen die Münchener Stadt zurück. Nübling hat den Text von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel nicht bebildert, sondern hebt sein Theater auf ihn.

Von Sven Ricklefs

Vorhang frei für "Alpsegen"  (Stock.XCHNG)
Vorhang frei für "Alpsegen" (Stock.XCHNG)

Dass dieser Alpsegen ganz nah ist am Alpdruck und am Alptraum das ist vom ersten Moment an klar. Und dass dieser Alptraum wohl noch dazu im Fieber geträumt sein muss: im Fönfieber wohl, das den Kopf wirr macht und heiß und schmerzend, im Fönfieber, das groteske Figuren freisetzt und Fantasien. Von dort ist es nicht mehr weit zur Ekstase, die die Knie wund scheuert und die stürzen lässt. Und so quillt von hinten in den Bühnennebel ein Strom bizarrer Gestalten hervor, in voller Entrückung betend, die Tuba gibt den Takt, die Hose sackt, das Dirndl quillt, so kommen sie stolpernd und fallend oder auf Knien daher, stürzen vorn vom Bühnenrand, krabbeln und rutschen in die Seitenlogen, verschwinden dann, nur um gleich wieder dort hinten aufzutauchen. So geht das eine Weile, bis man weiß, dahinter, hinter dieses Bild, kann und will dieser Theaterabend nicht zurück.

Regisseur Sebastian Nübling hat sich sichtbar eingefühlt in die Atmosphäre des Textes, den er da uraufführen sollte, seinen Rhythmus, seine Melodie. Im Untertitel nennt sich Alpsegen "Ein Erzählstück für die Bühne", weist eine ganze Menge Figuren auf und mäandert dann aber in neun Bildern mehr erzählend als theatral-dialogisch so wild vor sich hin, dass einem ganz bang wird.

"Und sie stellt sich vor als Cäcilia, das selige Fräulein Cäcilia, die Maid mit den dünnen Lippen, der es gefällt, Teller mit Nüssen, mit Mandeln mild, mit Sägespänen auf das Dach zu stellen, dass die Geister im Nachthimmel beruhigt sind. Die wären gekränkt, wenn man sie nicht prüfte, wenn man glaubte, die Geister dürfe man nicht bescherzen, bewirten ja, bescherzen nein, das sei ein Irrglaube.

Wahrscheinlich soll einem genau das auch werden, bang, schließlich gibt es da Figuren, die heißen Der fahle Gimpel, das verwunschene Fräulein aus dem Seegrund oder Die Wildfrau. Sie alle sind, so scheint es, Feridun Zaimoglu und seinem Co-Autor Günther Senkel begegnet, als sie sich aufmachten den Auftrag der Münchner Kammerspiele zu erfüllen, ein Stück zu schreiben zur Stadt München. Dass sie alle von draußen, vom Walde her kommen, dort wo der Fön die Berge blank putzt, ist klar. Da ist nichts von Schickimicki oder Touristenflair, für das das München von heute eigentlich steht. Hier erobern die Mythen sich die Stadt zurück, hier wabert es katholisch auf und sexuell gleich mit, da wird der Blick dann frei auf den heidnischen Urgrund, der unter allem liegt. Und selbst noch der einzige Handlungsfaden, der sich wirklich identifizieren lässt, stammt eigentlich aus der Provinz. Da sitzt ein Familienvater auf dem Bett in einem Münchner Hotelzimmer und auf dem anderen sitzt der italienische Eisverkäufer, in den er sich verliebt hat, und doch wird es zu nichts kommen.

"Das, was wir hier vorhaben, das ist Unzucht, da drücken sie kein Auge zu."

"Wen meinst Du jetzt mit sie?"

"Komm lass es, lass es."

Immer wieder scheint dieses Paar auf, während der Sohn draußen durch die Münchner Mythenwelt stolpert, die Mutter hat ihn geschickt, den Vater zu suchen. Doch der Sohn wird schließlich in den Kanal gehen. Immerhin er kann sich befreien.

Eine Wirtin gibt es noch, die deckt jeden Abend den Tisch für ihren Verstorbenen und für den Heiland. Und doch bevölkern nur immer wieder die anderen Figuren ihren leeren Gasthaussaal mit der Fledermaustapete an der Wand.

Man muss sich einlassen auf diese Föngeburt, die Feridun Zaimoglu und Günter Senkel da geschrieben haben und Regisseur Sebastian Nübling hat dies getan. Dabei hat er den Text nicht bebildert, sondern er hebt sein Theater auf ihn, lässt Bilder entstehen, schafft Typen, setzt Motive, ästhetisch oder akustisch, vervielfacht Figuren. Da taucht etwa die fahle Frau mit ihrem blass blonden Haar, in die sich der Sohn verliebt, nicht nur einmal sondern mehrmals auf, ist groß und dürr und kugeldick oder kindischklein gleichzeitig.

Alpsegen: Das ist ein Bildballett und Panoptikum in einem, kaum, dass man sich sattsieht und satt gruselt, nur eins, eins möchte man sich nicht vorstellen, dieses Stück woanders zu sehen, woanders als in den Münchner Kammerspielen mit seinem wunderbaren Ensemble. Aber hier und nur hier gehört es Gott sei Dank ja auch hin.

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