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StartseiteHintergrundErhöhtes Suizidrisiko bei Inhaftierten29.10.2019

StrafvollzugErhöhtes Suizidrisiko bei Inhaftierten

Das Risiko eines Suizids ist bei Inhaftierten deutlich höher als bei Menschen außerhalb des Strafvollzugs. 80 Selbsttötungen gibt es im Schnitt jedes Jahr in Gefängnissen. Die wichtigste Prävention ist die persönliche Ansprache durch Psychologen - dagegen steht jedoch der massive Personalmangel.

Von Timo Stukenberg

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Blick auf die JVA Plötzensee in Berlin (www.imago-images.de)
Die Suizidrate bei Inhaftierten ist deutlich höher als außerhalb der Gefängnismauern (www.imago-images.de)
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Ein Insasse eines deutschen Gefängnisses beendet seinen Abschiedsbrief an einem Freitag im Jahr 2006 mit dem P.S.:

"Von meiner Entscheidung habe ich niemanden in Kenntnis gesetzt und niemanden eingeweiht."

Im selben Jahr beginnt die Psychologin Katharina Bennefeld-Kersten damit, beim niedersächsischen Kriminologischen Dienst eine Statistik über Suizide in Haft zu führen. Sie erfasst alle Selbsttötungen und deren Merkmale seit dem Jahr 2000: Alter und Geschlecht, Untersuchungshaft oder Strafhaft, Sicherungsverwahrung oder Jugendstrafvollzug. Dazu kommen die näheren Umstände und die Haftzeit bis zum Suizid.

Die Psychologin hat selbst ein Hochsicherheitsgefängnis, die Justizvollzugsanstalt in Celle, geleitet. Sie saß zudem in der Expertenkommission, die den Suizid von Jaber Al-Bakr, einem mutmaßlichen Attentäter, in der JVA Leipzig untersuchte. Auch in der Anstalt in Celle gab es während Bennefeld-Kerstens Dienstzeit als Direktorin zwei Suizide.

"Als ich davon gehört habe - ich glaube, das eine war am Wochenende -, da fährt man natürlich sofort in die Anstalt. Da muss der Leiter oder die Leiterin nicht unbedingt vor Ort sein, aber es macht sich trotzdem gut, auch einfach für die Bediensteten da zu sein."

Ein Sicherheitsbeamter im Gefängnis der französischen Stadt Bourg-en-Bresse (AFP / JEFF PACHOUD)Suizide von Inhaftierten sind auch eine hohe Belastung für die Beamten (AFP / JEFF PACHOUD)

Seit dem Jahr 2000 haben sich laut der Statistik der Bundesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug, die Bennefeld-Kersten gegründet hat, insgesamt 1.400 Inhaftierte umgebracht. Das sind rund 80 Gefangene jährlich. Die Zahlen schwanken stark von Jahr zu Jahr, tendenziell sinken sie. Dennoch: Die Suizidrate hinter Gittern liegt mit rund acht Suiziden pro 10.000 Inhaftierten gut siebenmal höher als außerhalb des Strafvollzugs. Ist das ein Alarmzeichen?

Einerseits lassen sich die Suizidraten drinnen und draußen nur eingeschränkt vergleichen. Für das hohe Suizidrisiko von Inhaftierten gibt es verschiedene Gründe: Nicht zuletzt sind die meisten von ihnen Männer, die auch in Freiheit ein erhöhtes Risiko haben. Gefangene sind auch häufiger von Risikofaktoren wie psychischen Krankheiten und Armut betroffen.

Staat hat Fürsorgepflicht für 63.000 Inhaftierte

Andererseits hat der deutsche Staat für jeden einzelnen Inhaftierten eine Fürsorgepflicht. Zum Stichtag Ende November 2018 saßen laut statistischem Bundesamt mehr als 63.000 Menschen in deutschen Gefängnissen. Übers Jahr verteilt hat der Staat noch wesentlich mehr Menschen die Freiheit entzogen, in vielen Fällen lediglich zur Untersuchung einer Straftat. Bedeutet das, dass jeder Suizid "eine Niederlage für den Justizvollzug" ist, wie der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt im März in einer Rechtsausschuss-Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses sagte? Katharina Bennefeld-Kersten:

"Es ist ein Stück weit auch eine Niederlage des Strafvollzugs. Wir sperren die Menschen ein und helfen ihnen zu wenig, die damit verbundenen Probleme in den Griff zu bekommen. Ja, das ist eine Niederlage. Wenn ich andere Menschen einschränke, dann muss ich auch sehen, dass die damit zurechtkommen."

Einige Bundesländer geben die Zahlen auf ihrer Website an oder veröffentlichen sie auf Anfrage von Abgeordneten. In Berliner Gefängnissen gab es laut Website seit 2012 33 Suizide. In Hamburg gab es laut Auskunft der Bürgerschaft 2017 insgesamt vier Suizide. Die bayerische Landesregierung hat auf die Anfrage eines SPD-Abgeordneten unter anderem mit einer Liste aller Suizide in bayerischen Haftanstalten geantwortet. Ein kurzer Auszug:

"Eintrittsdatum: 24. September 2014; Todesdatum: 30. Juli 2016; Eine Woche vor Entlassung.

Eintrittsdatum: 23. September 2014; Todesdatum: 7. April 2016; voraussichtliches Strafende: siebeneinhalb Jahre später."

Untersuchungsgefangene besonders gefährdet

Die Liste ist lang. Darauf stehen Gefangene mit einer Strafe von wenigen Monaten und lebenslänglich Inhaftierte, Untersuchungsgefangene und ein Abschiebehäftling - insgesamt 56 Fälle verzeichnet das bayerische Justizministerium von 2013 bis einschließlich Januar 2018.

Nicht nur in Bayern bringen sich überwiegend Untersuchungsgefangene um, also Menschen, die lediglich im Verdacht stehen, eine Straftat begangen zu haben. Oft geschehe ein Suizid schon wenige Tage nach der Inhaftierung, sagt die niedersächsische Kriminalpsychologin Katharina Bennefeld-Kersten.

"Das findet natürlich hinter verschlossener Tür statt, der Suizid. Und dann werden sie von Bediensteten aufgefunden. Meist eben am frühen Morgen, wenn der Aufschluss ist, so zwischen fünf und am Wochenende acht Uhr, und das heißt, dass sie sich dann irgendwann in der Nacht getötet haben."

Für die Mitgefangenen heißt das Einschluss, oft für mehrere Stunden. Erst muss die Polizei untersuchen, ob es sich wirklich um einen Suizid handelt. Wenn die Bestatter den Toten dann abgeholt haben, dürfen die Mitgefangenen aus ihren Zellen.

Suizid-Screening bei Haftantritt

Bei der Aufnahme ins Gefängnis gibt es in der Regel ein sogenanntes Suizid-Screening. Dabei werden Anzeichen für Suizidalität abgefragt, zum Beispiel ob der Gefangene schon einmal versucht hat, sich umzubringen. Nach dem Screening, auf der Station, in der eigenen Zelle, erleben viele Gefangene einen Haftschock.

"Sie können nicht mehr telefonieren. Sie können nicht mehr irgendwo hingehen und mit irgendwem sprechen. Und sie haben aber mit dem Delikt zu tun, und sie wissen nicht, was wird folgen."

Viele Gefangene, die sich umbringen, sind zum ersten Mal inhaftiert. Von einem Tag auf den anderen befinden sie sich in einem System, das ihnen völlig fremd ist.

"Sie leben eng zusammen mit Menschen, die sie auch nicht kennen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Oft wissen sie nicht, wie es weitergehen wird, wenn sie in Untersuchungshaft sind. Dann läuft das Verfahren noch, und sie sind unsicher und haben Angst vor dem Ausgang des Verfahrens."

Für den Kriminologischen Dienst Niedersachsen hat die Suizidforscherin Häftlinge 14 Tage nach ihrer Inhaftierung gefragt, ob sie Suizidgedanken hatten. 20 Prozent der Befragten antworteten mit Ja. Bennefeld-Kersten wollte herausfinden: Was hat sie davon abgehalten?

"Menschen, die was zu verlieren hatten, einen Angehörigen oder ähnliches, die sozusagen das noch als Grund gesehen haben, am Leben zu bleiben: Die haben dann gesagt, ja, ich wurde noch gebraucht."

Suizidgedanken werden selten geteilt

Nur selten würden Inhaftierte jedoch ihre Suizidgedanken mit dem Anstaltspersonal teilen, sagt Bennefeld-Kersten. So auch bei einem ehemaligen Insassen des deutschlandweit größten Männergefängnisses in Berlin-Tegel. Dem Deutschlandfunk berichtet er außerhalb der Gefängnismauern von seinen Suizidgedanken. Nach wenigen Monaten habe er einen Suizid ernsthaft in Erwägung gezogen.

"Das Ding ist: Da drinnen rennt ja nicht die Zeit so wie hier draußen. Wenn du draußen bist, geht jeder Tag schnell vorbei. Aber da drinnen zieht sich das so wie Kaugummi. Du hast dann da den Flur, wo du hin und her laufen kannst, und deine Zelle. Da kannst du dann sein. Da habe ich gesagt, über Jahre gebe ich mir das auf jeden Fall nicht."

Während seiner Haftzeit habe er sich lediglich zwei Mitgefangenen anvertraut, sagt er. Dabei waren seine Überlegungen bereits sehr konkret.

"Man hat sich ja überlegt, wie macht man das am schnellsten und nicht so qualvoll. Man will ja schon schnell und zack und gut. So waren die Überlegungen, aber irgendwie hat man sich doch immer durchgekämpft und hat gesagt: Ach warte doch erstmal ab. Bis jetzt ist ja nichts entschieden. Und dann ist es ja doch alles gut gelaufen."

Er hat sich nicht umgebracht. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm erlaubt, eine Drogentherapie in einer Entzugs-Einrichtung in Freiheit zu absolvieren, anstatt weiter im Gefängnis zu sitzen. Mittlerweile hat er seine Therapie abgeschlossen.

Angst vor dem "Bunker"

Es gibt zahlreiche Gründe, warum Menschen nicht über ihre Suizidgedanken sprechen, drinnen wie draußen. In Haft reicht oftmals das Vertrauen zwischen den Gefangenen und erst recht gegenüber Bediensteten nicht aus, sagt Bennefeld-Kersten.

"Die kommen jetzt nicht zu Ihnen als Bediensteten und sagen: oh Mensch, das lässt mich nicht los und ich muss immer drüber nachdenken, ob der Balken ausreicht, wenn ich mich da dran aufhänge, oder am Bett oder ähnliches. Das machen die bei uns nicht, und das machen sie in der Psychiatrie auch nicht, weil sie wissen, es kann nur ungut enden. Und ungut enden heißt letztlich im bgH."

"BgH" steht für "besonders gesicherter Haftraum". Es ist die sicherste Maßnahme und gleichzeitig der drastischste Eingriff in die Selbstbestimmung der Gefangenen. Im Gefängnis-Jargon heißen diese Zellen "Bunker".

In der relativ neu gebauten Untersuchungshaftanstalt in Frankfurt am Main zum Beispiel beinhaltet diese Zelle eine in den Boden eingelassene Toilette und eine Matratze, zwei Türen, die man so weit voneinander entfernt in die Wand eingelassen hat, dass man sie nicht gleichzeitig blockieren kann, und Videoüberwachung. Der Raum hat keine Kanten, und die Gefangenen tragen nur Papierkleidung, die reißt, wenn sie versuchen, sich damit zu strangulieren. Diese Zelle soll sowohl Selbstverletzung als auch Angriffe auf Mitgefangene und Bedienstete verhindern.

Wird jemand bei der Aufnahme ins Gefängnis als akut suizidal eingestuft, müssen die Bediensteten davon ausgehen, dass sich der Inhaftierte möglicherweise bei nächster Gelegenheit umbringt. Das gilt es natürlich zu verhindern. Ist allerdings nicht genügend Personal da - zum Beispiel, wenn der Gefangene kurz vor dem Wochenende eingeliefert wird -, bleibt in der Praxis oft nur der "bgH", sagt Bennefeld-Kersten. Der sogenannte "Bunker" rette oft genug jedoch lediglich übers Wochenende.

"Die alten Hafträume, die alten bgHs, die ich kenne, sind schlichtweg gruselig. Spätestens dann wäre ich suizidal, wenn man mich da unterbringt."

Blick in einen besonders gesicherten Haftraum in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Berlin-Pankow (dpa / Monika Skolimowska)Besonders gesicherter Haftraum in der JVA Berlin-Pankow: "Schlichtweg gruselig" (dpa / Monika Skolimowska)

Doch selbst in solchen Hochsicherheitsräumen haben sich seit der Zählung der Bundesarbeitsgruppe fünf Menschen umgebracht.

Bennefeld-Kerstens Nachfolgerin als Leiterin der Bundesarbeitsgruppe für Suizidprävention ist Maja Meischner-Al-Mousawi. Sie arbeitet beim Kriminologischen Dienst in Sachsen. Ihr Büro hat sie auf dem Gelände der JVA Leipzig, einem Männergefängnis mit rund 400 Plätzen. Hier hatte sich 2016 der mutmaßliche islamistische Terrorist Jaber Al-Bakr umgebracht.

Als sich der Syrer Al-Bakr in diesem Gefängnis umbrachte, wurde gerade auf der Station 2 eine neue Zelle gebaut: ein Suizidpräventionsraum. Das Ziel: einen Suizid verhindern - aber möglichst schonend. Zum Beispiel ohne Gitterstäbe vor den Fenstern.

"Ich hab halt die Erfahrung gemacht, dass wenn ich mit Menschen in Krisen gearbeitet habe, dass es manchmal ganz hilfreich ist, wenn die was anderes sehen als ein Gitter. Das macht ja auch was mit einem. Zeigt ja auch die Begrenztheit."

Rosa Zellwände und Videoüberwachung

Die Zelle ist klein und langgezogen. Durch eine schmale Wand ist der Toilettenbereich abgetrennt. Der Schreibtisch ist aus Holz, der Hocker ein weicher Sitzwürfel. An der Wand über dem Bett hängt ein Seerosenbild. Im Nachbarraum wacht eine Bedienstete oder ein Bediensteter.

"Deshalb gibt es hier halt auch die große Scheibe an der Seite. Die wirkt jetzt erstmal sehr groß. Aber die Idee ist gewesen, dass ein Bediensteter, der den Gefangenen beobachten soll, wirklich aus jeder Perspektive reingucken kann."

Es gibt in deutschen Gefängnissen verschiedene Typen von Hafträumen mit unterschiedlich drastischen Sicherungsmaßnahmen. In manchen Zellen sind lediglich die Möbel am Boden und an der Wand verschraubt. In manchen gibt es Videoüberwachung. All das ersetzt nicht die Zuwendung durch einen anderen Menschen, gar ein intensives Gespräch mit psychologisch geschultem Personal. Maja Meischner-Al-Mousawi:

"In Zeiten von Personalknappheit ist jede Maßnahme, die personalintensiv ist, nicht gerade auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Das ist normal."

Blick in eine "rosa Zelle" in der Justizvollzugsanstalt Attendorn. In dem besonders gesicherten Haftraum ohne Mobiliar und andere gefährdende Gegenstände werden Gefangene isoliert, wenn sie sich selber oder andere verletzen könnten, die Farbe soll beruhigend auf die Häftlinge wirken (dpa / Jörg Taron)"Rosa Zelle" in der JVA Attendorn - kein Ersatz für psychologisch geschultes Personal (dpa / Jörg Taron)

Der längste Aufenthalt im Suizidpräventionsraum habe etwa zwei Wochen gedauert, sagt Meischner-Al-Mousawi. Wenn auf 100 oder mehr Gefangene wie üblich ein bis zwei Vollzugsbedienstete kämen, dazu eine Psychologin und eine Sozialarbeiterin, sei jede Unterbringung im Suizidpräventionsraum eine Herausforderung im Stationsalltag.

Bessere Suizidprävention scheitert am Personal

Denn die Justizbediensteten in Deutschland schieben ohnehin schon Hunderttausende Überstunden vor sich her. Laut der Gewerkschaft der Strafvollzugsbediensteten im Deutschen Beamtenbund fehlen rund 2.000 Bedienstete. Der Vorsitzende der Gewerkschaft, René Müller, sagt, nicht nur die Suizidprävention, sondern auch die Resozialisierung bleibe deswegen auf der Strecke. Dabei ist die Resozialisierung das oberste Ziel des Strafvollzugs - die Wiedereingliederung Straffälliger in die Gesellschaft.

Unter diesen Bedingungen einen einzelnen Gefangenen mit Suizidgedanken zu identifizieren und ihm Hilfe anzubieten - dafür fehlt im Alltag oft das Personal, erklärt Meischner-Al-Mousawi hinterm Steuer auf dem Weg zu einem anderen Gefängnis.

"Das ist nicht viel - und da kann man niemals alle Gefangenen im Blick haben. Das ist einfach menschlich nicht möglich, sodass wir halt einfach auch drauf angewiesen sind, dass man uns informiert. Also zum Beispiel Angehörige, aber auch Mitgefangene."

Ist der Gefangene in letzter Zeit besonders auffällig? Oder zieht er sich zurück? In Bayern erklären sich manche Gefangene im Rahmen des sogenannten Listener-, also Zuhörer-Projekts dazu bereit, mit den Neuen vorübergehend auf eine Zelle zu gehen. Sie sollen den Haftschock abmildern.

Den Weg über Autobahn und Landstraßen zu allen zehn Justizvollzugsanstalten Sachsens kennt Maja Meischner-Al-Mousawi auswendig. Bringt sich jemand in einem sächsischen Gefängnis um, beruft die Anstalt eine Suizidkonferenz ein. Die Psychologin ist dann immer dabei.

"Einen Suizidenten zu finden, ist immer ein Schockerlebnis, das ist auch nichts, was ein Kollege so schnell verdaut. Was man so wegpackt. Manche Kollegen, die berichten Jahre später noch, dass die das immer noch sehen und die Bilder vor Augen haben oder sich an bestimmte Elemente erinnern."

Neue Ausbildungskonzepte für Bedienstete

Nahezu alle Bundesländer bilden wieder verstärkt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus, um das Loch zu stopfen, das Sparmaßnahmen und vernachlässigte Ausbildung in die Personalstruktur gerissen haben. Auf dem Ausbildungsplan für Sachsen steht auch das Thema Suizid.

Zum Beispiel mit einer Ausstellung in der JVA Waldheim. Die Anstalt ist das älteste Gefängnis in Deutschland, das noch genutzt wird. Hier können alle Anwärterinnen und Anwärter für den Dienst im sächsischen Justizvollzug Abschiedsbriefe, Erinnerungen von Ärztinnen, Vollzugsbediensteten, Sozialarbeitern nachlesen. In der Mitte der Ausstellung zieht Maja Meischner-Al-Mousawi einen schwarzen Vorhang zur Seite.

"Jetzt gehen wir in den Tunnel. Das ist sozusagen der Suizidtunnel, um das für den Besucher fühlbar zu machen. Das ist nur ein Versuch, ist sicherlich nicht perfekt."

Drinnen ist es dunkel. In einer angeleuchteten Vitrine sind sogenannte Suizidmittel ausgestellt: Reißnägel, Stricke, Tabletten, Rasierklingen.

"Eine gängige Idee, um Suizide zu verhindern, ist ja der Entzug von Suizidmitteln. Man kann aber den Gefangenen nicht ihre Kleidung wegnehmen - und aus denen werden halt gerne Suizidmittel gebaut."

Blick durch ein vergittertes Fenster auf ein altes Hafthaus in der JVA Waldheim. (dpa-Zentralbild / Jan Woitas )JVA Waldheim, das älteste Gefängnis Deutschlands (dpa-Zentralbild / Jan Woitas )

Bevor man den kurzen Tunnel durch einen weiteren Vorhang verlässt, werden die Anwärterinnen und Anwärter auf den Moment vorbereitet, der vielen Bediensteten besonders im Gedächtnis bleibt. Ein Waschbecken voll roter Farbe und auf dem Boden davor ein großer roter Fleck.

"Also dieses Gefühl, durch eine Blutlache zu laufen. Weil das ist dann einfach so. Den Geruch, das Geräusch zu hören, das ist etwas, das sich sehr in die Köpfe eingebrannt hat. Und deshalb haben wir uns dafür entschieden, das hier so zu illustrieren."

All das gehört in Sachsen zum Suizidpräventionskonzept.

Weil jedes Bundesland für seinen Strafvollzug selbst verantwortlich ist, gibt es kein einheitliches Konzept, sagt die Leiterin der Bundesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug, Maja Meischner-Al-Mousawi.

Als Niederlage oder Versagen des Justizvollzugs begreift sie einen Suizid in Haft nicht, sagt sie. Die Anstalten tun, was sie mit knappen Ressourcen können, meint sie.

"Aber ob das jetzt eins zu eins jeden Suizid verhindern kann, glaube ich nicht. Es gibt immer eine Restmenge, die übrig bleibt. Und ich glaube, das ist auch etwas völlig Normales. Das ist Leben."

Suizidforscherin Katharina Bennefeld-Kersten sieht immerhin einen Mentalitätswandel im Strafvollzug.

"Als ich angefangen habe im Vollzug, das war 1977, da war noch sozusagen Härte angesagt. Da haben mir die älteren männlichen Bediensteten gesagt, man soll sich nicht so anstellen. Wenn da einer hängt, dann esse ich erstmal mein Butterbrot auf. Also sowas wäre heute undenkbar."

Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie vermuten, dass ein Inhaftierter oder eine Inhaftierte aus Ihrem Bekannten- oder Familienkreis Suizidgedanken hat, wenden Sie sich bitte an die entsprechende Anstalt. 
Wenn Sie sich selbst in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen. Hilfe bietet unter anderem die Telefonseelsorge in Deutschland unter 0800-1110111 (kostenfrei) und 0800-1110222 (kostenfrei) oder online unter https://www.telefonseelsorge.de. 
Eine Liste mit bundesweiten Beratungsstellen finden Sie hier: https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/adressen. 

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