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StartseiteHintergrundDie Türkei wagt den Atomeinstieg26.05.2015

Strahlende ZukunftDie Türkei wagt den Atomeinstieg

In der Türkei steigt der Energiebedarf - allein in den letzten zwanzig Jahren um 130 Prozent. Und damit auch die Kosten für die Öl- und Gasimporte aus dem Ausland. Drei Atomkraftwerke auf türkischem Boden sollen dieses Problem lösen. Das erste entsteht zurzeit im südtürkischen Akkuyu - in einem Erdbebengebiet.

Von Luise Sammann

Der türkische Energieminister Taner Yildiz (l) Sergey Kiriyenko, Leiter der Föderalen Agentur für Atomenergie Russlands, bei der Grundsteinlegung für das erste türkische Atomkraftwerk in Akkuyu am 14. April 2015.  (picture alliance / dpa / Anil Bagriyanik / Anadolu Agency)
Im April 2015 wurde der Grundstein für das erste türkische Atomkraftwerk in Akkuyu gelegt. Ab 2023 sollen die vier Reaktoren mit einer Leistung von jeweils 1.200 Megawatt einsatzbereit sein. (picture alliance / dpa / Anil Bagriyanik / Anadolu Agency)
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Türkisches Dorf trotzt dem Bau eines Atromkraftwerks
(Deutschlandfunk, Europa heute, 27.05.2011)

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"Die Indianer sagen: Wir haben die Natur von der Vergangenheit geliehen – und wir sollten sie an die Zukunft weitergeben. Im Moment haben wir eine Regierung, die die Gefahr von Atomkraft mit der von Gaskochern vergleicht. Diese türkische Regierung wird nichts an die zukünftigen Generationen weitergeben!"

Efkan Olac sieht nicht aus wie ein Indianer. In Anzug und Krawatte steht er in einer kleinen Bucht im südtürkischen Akkuyu, kneift geblendet von der Sonne die Augen zusammen. Ein paar bunt bemalte Fischerboote schaukeln im Wasser vor ihm auf und ab; einige Meter entfernt sitzen drei alte Männer beisammen und flicken ihre Netze. Ein Idyll. Efkan Olac lässt den Blick schweifen:

"Akkuyu ist ein ruhiger, fast unberührter Ort. Er liegt an drei wunderbaren Buchten, in denen man schwimmen kann. Es ist unvergleichlich schön. Rund zwanzig Seehunde leben hier und wir haben eine Pflanzenart, die sonst nirgendwo wächst. Abends erfüllen diese Pflanzen die ganze Gegend mit ihrem Duft."

Wer Efkan Olac so schwärmen hört, der könnte meinen, er mache Werbung für eine Reiseagentur. Doch Touristen gibt es im idyllischen Akkuyu keine. Im Gegenteil: Selbst die Bewohner verlassen ihren geliebten Ort, wenn sie können. Denn ausgerechnet hier entsteht das erste Atomkraftwerk der Türkei.

"Anstatt die Schönheit dieses Ortes zu wahren oder zu nutzen, wollen sie die ganze Gegend in ein dreckspeiendes Energiemonster verwandeln. Im Sommer werden sie das dreißig Grad warme Wasser aus den Buchten nehmen, um damit 1.000 Grad heißes Uran zu kühlen und es dann zurück ins Meer zu leiten. Ich würde meine Kinder hier nicht mehr schwimmen lassen!"

Umweltorganisationen kritisieren Standort

Efkan Olac ist in Akkuyu geboren und aufgewachsen. Seit einigen Jahren aber kommt er vor allem beruflich in seinen Heimatort. Olac ist Rechtsanwalt. Immer wieder hat er versucht, gegen das geplante Atomkraftwerk vorzugehen. Weil es schlecht und intransparent geplant sei, weil es gegen den Willen der Bürger entstehe, weil es die Umwelt zerstöre und weil es mitten in einer Erdbebenregion stehe.

Doch alle Klagen blieben erfolglos. Im vergangenen Jahr winkte das AKP-geführte Umweltministerium in Ankara den nötigen Risikobericht durch und beseitigte damit die letzte Hürde für den Bau. Umweltorganisationen wie Greenpeace kritisieren, dass ihre Bedenken gegen den Standort Akkuyu dabei konsequent ignoriert wurden.

Seit April wird nun gebaut. Ab dem Jahr 2023, so verspricht der russische Staatskonzern Rosatom, sollen die vier Reaktoren mit einer Leistung von jeweils 1.200 Megawatt einsatzbereit sein. Was in den Augen von Efkan Olac und seinen Nachbarn das Ende bedeutet, ist für den türkischen Energieminister Taner Yildiz erst der Anfang. Der Anfang einer neuen Ära:

"Das Ziel der Türkei ist es, zu den Top-10-Wirtschaftsnationen der Welt zu gehören. Wir wachsen schneller als der internationale Durchschnitt. Wir brauchen die Nuklearenergie nicht nur einfach, um Strom zu erzeugen, sondern auch, um unser Land weiter zu industrialisieren."

Der Traum vom eigenen Atomkraftwerk

Vor gut dreißig Jahren kam in der Türkei zum ersten Mal der Traum auf, eigene Atomkraftwerke zu bauen. Doch erst mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre wurden die Pläne wirklich konkret. Denn mit ihm wuchs auch der Energiebedarf – um ganze 130 Prozent allein in den letzten zwanzig Jahren! Eine ständig wachsende Bevölkerung, immer mehr Autos und Großstädte und eine zeitweise boomende Industrie sorgten dafür, dass die Türkei inzwischen nach China den am schnellsten steigenden Energiebedarf weltweit aufweist.

Ein Zustand, der die regierende AK-Partei zugleich mit Stolz und mit Sorge erfüllt. Denn je größer der Heißhunger nach Energie, desto größer auch die Abhängigkeit vom Ausland: 72 Prozent ihrer Energie muss die Türkei zurzeit importieren. Vor allem in Form von teuren Öl- und Gaslieferungen aus dem Iran und Russland. Politische Unstimmigkeiten mit diesen Ländern führten in der Vergangenheit immer wieder zu Engpässen. Das soll es in Zukunft nicht mehr geben.

Ein selbstbewusstes Land wie die Türkei wird sich nicht mehr derart abhängig machen, verspricht die AKP-Regierung ihren Bürgern gern – und wirbt damit gleichzeitig für ihre Kernenergiepläne: Drei Atomkraftwerke auf türkischem Boden sollen das Problem in den nächsten Jahren lösen.

"Wenn unser erstes Atomkraftwerk ans Netz geht, werden wir unsere eigene Energie produzieren und den Gasimport bedeutend reduzieren. Gleichzeitig wird die Zahl der Arbeitsplätze in der Region steigen."

Recep Tayyip Erdogan ist bekannt für seine kühnen Träume. In diesem Fall aber könnte der Traum wahr werden. Denn auch über die nötigen Ressourcen verfügt die Türkei. Auf knapp 9.000 Tonnen werden die türkischen Uranreserven geschätzt. Weitere Vorkommen werden in der Landesmitte vermutet und sollen in den nächsten Jahren erschlossen werden. Gute Aussichten, findet Yilmaz Kaptan, Atomphysiker an der Istanbuler Kemerburgaz-Universität:

"Wenn man davon ausgeht, dass der Energiebedarf der Türkei jährlich um weitere sechs bis sieben Prozent wächst, dann wird unser Defizit schon bald von gut 70 auf bis zu 85 Prozent ansteigen. Und all das müssen wir durch Importe decken. Der schnellste Weg, um diese wachsende Energielücke zu schließen, ist die Atomkraft. Die Investitionskosten dafür mögen immens sein, aber die laufenden Kosten danach sind gering."

Atomkraft: Nicht nur Energiequelle, sondern auch Statussymbol

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan spricht am 10.05.2015 in einer Messehalle in Karlsruhe (Baden-Württemberg).Die türkische AKP unter Recep Tayyip Erdogan wirbt für ihre Kernenergiepläne.

So Professor Kaptan, der sich seit Jahren mit den türkischen Nuklearplänen beschäftigt. Die große Unerfahrenheit der Türkei mit der Nuklearenergie, die durch Fukushima einmal mehr deutlich gewordenen Risiken, die ungelöste Frage nach der Entsorgung der Brennstäbe, all das hält er für nebensächlich. Auch klingt in seinen Worten durch, was viele Menschen in der Türkei denken: Atomkraft ist mehr als nur eine Energiequelle. Sie ist ein Statussymbol. Wer eigene Nuklearenergie produziert, ist ganz oben angekommen.

"Das Wichtigste ist doch der Fortschritt. Und wenn Fortschritt an Energie gekoppelt ist, dann brauchen wir die Nuklearenergie. Wir sind ein junges, aufstrebendes Land, das nach Technologie giert – und damit auch nach Energie."

"Um zu gewinnen, um stärker zu sein, um aufzusteigen", heißt es denn auch in einem Werbefilm für das Atomkraftwerk in Akkuyu, der in diesen Tagen im ganzen Land ausgestrahlt wird. Und weiter:

"Unser Land investiert die größte Summe seiner Geschichte und befreit sich so von seiner Energieabhängigkeit. Diese Ehre gebührt der Türkei. Diese Investition gehört uns allen."

In einem Land, in dem die grüne Partei auf nicht einmal ein Prozent der Stimmen kommt und in dem die Parkschützer der Gezi-Proteste vom Sommer 2013 als Terroristen beschimpft wurden, stoßen Politiker und Wissenschaftler mit solch markigen Worten auf offene Ohren. Die vergleichsweise wenigen Atomkraftgegner dagegen finden im allgemeinen Wachstumsfieber nur schwer Gehör.

Schnell muss sich als Fortschrittsverweigerer beschimpfen lassen, wer die Energiepläne der Regierung ablehnt oder gar darauf hinweist, dass die Türkei als eines der sonnigsten Länder Europas doch lieber auf Solar- oder Windenergie setzen sollte. Auch Atomphysiker Yilmaz Kaptan winkt bei solchen Argumenten nur müde ab:

"Wollen sie vielleicht die ganze Oberfläche der Türkei mit Solarpanels abdecken und darunter im Schatten leben, um genug Energie zu erzeugen? Oder wollen sie in den Bergen in Zukunft überall Windräder statt Bäume stehen haben?", fragt der Istanbuler Professor – und stellt dann klar, was auch das türkische Energieministerium immer wieder betont:

"Ich glaube nicht, dass Solar und Wind unsere Energieabhängigkeit beenden und unseren Bedarf decken können!"

Atomkraftgegner finden kein Gehör

Das sieht man bei der türkischen Anti-Nuklear-Plattform anders. Seit den 70er-Jahren – also seit den Anfängen der türkischen Nuklearpläne – versucht der Zusammenschluss aus Ingenieuren, Gewerkschaftern, Bürgerinitiativen und Privatpersonen den Bau eines Atomkraftwerks in der Türkei zu verhindern.

Mal werden Demonstrationen in Istanbul oder an den geplanten Reaktorstandorten organisiert, mal sollen die Bürger mit Diskussionsveranstaltungen über die allgemeinen Risiken der Nuklearenergie aufgeklärt werden. Risiken, die in den Reden türkischer Politiker meist nicht vorkommen. Wer sich vor Atomenergie fürchte, dürfe auch keinen Gaskocher in der Küche verwenden, verkündete Erdogan – damals noch Ministerpräsident – kurz nach der Katastrophe in Fukushima.

Auch vor Gericht zogen die Mitglieder der Anti-Nuklear-Plattform schon mehrfach – und scheiterten dabei regelmäßig. Zuletzt, weil die Regierung die Pläne für das Atomkraftwerk in Akkuyu kurzerhand in ein bilaterales Abkommen zwischen Russland und der Türkei verwandelte. Klagen jedweder Art sind seitdem ganz einfach nicht mehr möglich. Dennoch, so schnell wollen die Atomgegner nicht aufgeben.

"Als Elektroingenieur bin ich natürlich nicht allgemein gegen Nukleartechnologie. Sie ist wichtig für die moderne Medizin, für die Forschung und auch für die Industrie", gesteht Erhan Karacay, jahrelanger Vorsitzender der türkischen Elektroingenieurskammer und Mitglied der Anti-Nuklear-Plattform:

"Aber wir können mit Sicherheit sagen, dass die Türkei keine Nuklearenergie braucht! Wenn es nur ordentlich geplant würde, könnten wir allein mit den natürlichen Ressourcen unseres Landes mehr Energie erzeugen, als die Atomkraft sie in Zukunft liefern soll! Allein mit Sonnenenergie könnten wir eineinhalb Mal so viel Strom produzieren, wie wir im Jahr 2014 insgesamt verbraucht haben."

Erneuerbare Energien oder Atomkraft?

Wer hat recht? Lässt sich der rasant wachsende Strombedarf der Türkei allein mit erneuerbaren Energien decken oder nicht? Ja, sagen die Atomkraftgegner. Nein, sagen ihre Befürworter. Es ist die gleiche Debatte, wie sie in Deutschland und vielen anderen Ländern seit Jahren geführt wird. Studien und Statistiken, die das eine oder das andere belegen, können auch in der Türkei beide Seiten vorweisen. Es steht Aussage gegen Aussage.

Doch Solar hin oder her. Bei den Treffen der Anti-Nuklear-Plattform bestimmen längst andere Themen die Diskussion. In dem Sitzungsraum im Zentrum Istanbuls, in dem sich an diesem Mittwochabend zehn Männer und Frauen versammelt haben, um eine anstehende Demonstration zu planen, wird heute vor allem über die marode Infrastruktur diskutiert.

Hier sollte man die 20 Milliarden investieren – nicht in russische Nukleartechnik, so die versammelten Ingenieure. Bis zu 25 Prozent Energie ließe sich allein durch die Modernisierung der maroden türkischen Verteilungsnetze einsparen. Drei Mal mehr als das geplante Kraftwerk in Akkuyu einbringen soll. Und nicht nur das. Erhan Karacay:

"Unabhängig von allem anderen ist die günstigste Energie heutzutage die gesparte Energie. Und damit meinen wir nicht, dass man nun jede dritte Glühbirne ausschaltet. Nein. Aber durch eine verfehlte Importpolitik ist die Türkei zur Müllhalde Europas geworden! Alle dreckigen Technologien werden von dort in aufstrebende Länder wie unseres verlagert. Und genau da wird dann die meiste Energie verbraucht."

Wohin mit dem Atommüll?

Tatsächlich: Um sich selbst eine bessere Klimabilanz zu bescheren, lagern Länder wie zum Beispiel auch Deutschland ihre umweltschädlichsten Industriezweige an den Bosporus aus – wo sie den Aufschwung ankurbeln und damit dankbar angenommen werden. Umweltfragen werden dabei konsequent ignoriert. Eine Tatsache, die Erhan Karacay und vielen anderen als denkbar schlechtes Omen für den nun anstehenden Atomeinstieg gelten:

"In der ganzen Diskussion gibt es keine Aussagen dazu, was mit den atomaren Abfällen passieren soll. Auch in der Türkei gibt es kein sicheres Endlager dafür. Aber wir wissen, dass eines der gefährlichsten und zugleich lukrativsten Geschäfte der Welt der Handel damit ist. Reiche Nationen versuchen ihre Abfälle in weniger entwickelte Länder zu überführen."

Wohin mit dem Atommüll? Atomphysiker Yilmaz Kaptan von der Istanbuler Kemerburgaz-Universität hält diese Frage für nebensächlich:

"Natürlich ist die Frage nach der Entsorgung von Atommüll ein Problem. Aber die Abfälle eines Reaktors in einem ganzen Jahr würden nicht mehr als einen fünf Quadratmeter-Raum füllen. Man könnte sie in der direkten Umgebung des Kraftwerks lagern. Wenn ich die Regierung wäre, ich würde ganz einfach ein Referendum durchführen. Wenn es positiv ausfällt, würde ich bauen. Wenn nicht, würde ich den Leuten sagen: Ok, dann habt ihr eben in Zukunft nur noch Strom bis 22.00 Uhr."

Warnung vor Erdbeben und Tsunami

Die Bucht von Büyükeceli. (Steffen Wurzel)In der Nähe des Ortes Büyükeceli soll das erste türkische Kernkraftwerk entstehen. (Steffen Wurzel) Im südtürkischen Akkuyu hat es ein solches Referendum gegeben. Vor 15 Jahren zwar, doch das Resultat wäre wohl heute das gleiche. 85 Prozent stimmten damals gegen die Pläne, zwei Kilometer entfernt von ihrem Ort ein Atomkraftwerk zu errichten. Tatsächlich wurde das Projekt daraufhin gestoppt und erst im Jahr 2006 – jetzt von der AKP-Regierung – wieder aus der Schublade geholt. Neue Arbeitsplätze und ein regionaler Entwicklungsplan sollten den Anwohnern das Vorhaben schmackhaft machen. Doch nur wenige ließen sich überzeugen.

Die gut eintausend Demonstranten, die sich an einem sonnigen Nachmittag im nahegelegenen Städtchen Mersin versammelt haben, sind wütend – und sie haben Angst! "Wir wollen hier kein zweites Fukushima", schreien sie, während sie durch das Stadtzentrum marschieren und selbstgemalte Plakate schwenken. Viele der Händler, die links und rechts aus ihren Läden treten, rufen den Vorbeiziehenden unterstützende Worte zu. So klein der Widerstand gegen die Atomenergie in der Türkei allgemein sein mag, hier, eine knappe Autostunde vom Reaktorstandort Akkuyu entfernt, ist er groß.

Und das hat vor allem einen Grund: Nur 25 Kilometer liegen zwischen Akkuyu und dem Ecemis-Graben, einer seismisch aktiven Zone, in der es jederzeit zu einem Erdbeben kommen kann. Bei einer Laufzeit von vierzig Jahren trifft das erste türkische Kraftwerk zu 50 Prozent ein Beben, warnen kanadische Forscher. Auch vor der Möglichkeit einer Tsunamiwelle wie im japanischen Fukushima warnen Experten. Solche Risiken seien miteinberechnet, beschwichtigt die türkische Regierung. Die geplanten Reaktoren könnten einem Beben der Stärke acht standhalten. Die Demonstranten beruhigt das wenig:

"Niemand kann die Stärke eines Bebens genau voraussagen. Deswegen wollen wir ganz einfach kein Atomkraftwerk in einem Erdbebengebiet!", schimpft eine Frau. Und ein Mann meint:

"Die Katastrophe von Fukushima hat uns eindeutig gezeigt: Die Schäden durch Atomkraft sind größer als ihr Nutzen. Es ist nichts als Analphabetismus, in einem Land wie der Türkei auf Kernenergie zu beharren."

Ziel: Sieben Milliarden Dollar bei Gasimporten einsparen

An einer ruhigen Straßenkreuzung sammeln sich die Demonstranten. Eine blonde Mittvierzigerin schnappt sich ein Mikrofon und verliest eine Erklärung in die Kameras der wenigen türkischen Lokalreporter, die sich dem Thema überhaupt annehmen:

"Seit 35 Jahren haben wir immer wieder die Risiken angesprochen. Länder, die Atomenergie nutzen, überprüfen ihre Energiepolitik. Warum lernt nur bei uns niemand seine Lektion?"

Die Antwort auf diese Frage gibt der türkische Präsident Erdogan gern höchstpersönlich: Um mehr als sieben Milliarden Dollar sollen die Kosten für türkische Gasimporte fallen, wenn die eigenen Reaktoren erst einmal laufen. Und nicht nur das: Über kurz oder lang werde man sogar zum Energieexporteur aufsteigen. Zahlen und Ziele, mit denen man hier wie anderswo eher Wahlen gewinnt, als mit Umweltfragen und langfristigen Investitionsplänen in Solar- oder Windenergie.

"Diejenigen, die nicht wollen, dass die Türkei sich entwickelt und wächst, führen eine Kampagne, mit der sie die Wahrheit vertuschen. Bis heute hat es nur drei Nuklearunfälle auf der Welt gegeben und es wurden die nötigen Lehren daraus gezogen. Wenn man Sicherheitsvorkehrungen trifft, birgt die Atomenergie keinerlei Gefahr. Sogar, wenn sie ein Jahr lang vor der Tür eines Reaktors ausharren, bekommen sie dabei nicht mehr Strahlung ab als in einem Flugzeug."

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