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StartseiteForschung aktuellStrahlung aus der Tiefe25.01.2010

Strahlung aus der Tiefe

Radioaktive Belastung von Öl und Gas

Umwelt.- Um Kohle und Erz, Erdgas oder Trinkwasser zu gewinnen, befördert der Mensch viel Material aus der Tiefe der Erde an die Oberfläche. Huckepack gelangt dabei auch radioaktives Material in den Lebensraum der Bevölkerung.

Von Dagmar Röhrlich

Fördert nicht nur Öl, sondern auch Radtioaktivität. (AP)
Fördert nicht nur Öl, sondern auch Radtioaktivität. (AP)
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NORM - das steht für natürlich auftretendes radioaktives Material, das der Mensch aus der Erde geholt hat. Etwa bei der Öl- und Gasförderung:

"Es geht darum, dass bei der Förderung von Erdgas und Erdöl radioaktive Stoffe, die sich in den Gesteinen und in den Wässern befinden, die tief in der Erde sind, mit den Förderprodukten auch an die Oberfläche gelangen."

Harald Thielen, Strahlenschützer bei der Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit GRS. Seit den 70er-Jahren ist bekannt, dass diese Radionuklide in Förder- und Verarbeitungsanlagen feste Beläge bilden, die Scales. Außerdem bleiben in Filtern und Abscheidern, die Öl und Gas von Wasser und festen Rückständen trennen, radioaktiv belastete Schlämme zurück. Und NORM-Rückstände entstehen nicht nur bei der Ölförderung:

"Wir haben ja auch radioaktive Abfälle an vielen Stellen, beispielsweise bei der Trinkwassergewinnung, auch bei der Mineralwassergewinnung."

Der Kohle- oder Erzgewinnung, in der Metall verarbeitenden Industrie, der Geothermie, der Rauchgasreinigung. Insgesamt kommen in Deutschland pro Jahr 100.000 Tonnen zusammen. Die NORM-Rückstände aus der Öl- und Gasförderung machen davon ein bis fünf Promille aus, also etwa 100 bis 500 Tonnen. Seit 2001 fallen diese Rückstände unter die Strahlenschutzverordnung: Ab einem Becquerel Radium pro Gramm dürfen sie nicht mehr einfach entsorgt werden:

"Es ist kein Grenzwert, sondern das ist ein Wert, der die Aufsichtsbehörden hellhörig machen soll. Es sind jetzt nicht diese strengen Auflagen wie für die radioaktiven Abfälle, die nur in Zwischenlagern oder Endlagern gelagert werden dürfen und nicht einfach in ein Bergwerk gebracht werden dürfen."

Wolfgang-Ulrich Müller, Strahlenbiologe vom Universitätsklinikum Essen. Wie stark die NORM-Rückstände aus der Öl- und Gasförderung strahlen, hängt davon ab, wie viele Uranminerale im Untergrund stecken. Je nach Belastung dürfen die Rückstände in normale Unter-Tage-Deponien gebracht oder in Geopolymere eingebettet werden, also in eine Art Spezialbeton. Das belastete Schlamm- und Wassergemisch kann auch mit viel Druck zurück ins Bohrloch gepresst werden - wo es herkam. Diese Praxis ist in vielen Förderländern gebräuchlich. Am schlechtesten ist es, wenn es auf Brachflächen landet. Wolfgang Ulrich Müller:

"In den USA scheint es wirklich ein großes Problem zu gehen. Dort hat man nicht so sehr darauf geachtet und hat man jahrelang wirklich große Mengen auf Brachflächen und anderen Böden einfach abgekippt und sich keine großen Gedanken gemacht. In Russland ein großes Problem. Dort gibt es Gegenden, da ist durch den Erdölschlamm die Strahlenexposition höher als durch die oberirdischen Atomwaffenversuche."

In Deutschland bereiten die Schlämme am ehesten Probleme, wenn daraus Rohstoffe gewonnen werden sollen. So behandelte eine Essener Recyclingfirma belastete Schlämme aus der niederländischen Erdölförderung, holte das Quecksilber heraus:

"Das Ganze wird kräftig erhitzt, Quecksilber verdampft, kondensiert, und es bleibt ein pulverartiger Rückstand, der stärker konzentriert ist als vorher, sodass dann plötzlich Aktivitäten auftauchen, die zumindest die Behörden hellhörig machen sollten, wo man unter Umständen vor allem für die Beschäftigten an Strahlenschutz denken muss."

Als Messungen des TÜV das Risiko aufzeigten, schickte die Firma die Fässer zum Schutz der Mitarbeiter lieber zurück an den Absender: Denn werden diese radiumbelasteten Stäube eingeatmet, steigt das Lungenkrebsrisiko.

Die Beläge aus den Förder- und Produktionsanlagen, die Scales, sind generell höher belastet als die Schlämme. Das Problem ist erkannt - und weitgehend gebannt, glaubt John Rowat. Er ist bei der Internationalen Atomenergieagentur IAEA Spezialist für Strahlenschutz und Abfallsicherheit:

"Bei den Scales gab es vor 20, 30 Jahren immer wieder Zwischenfälle, wenn das kontaminierte Metall eingeschmolzen wurde. Dann schlugen in den Stahlwerken die Alarmanlagen an. Heute schicken alle großen Ölproduzenten regelmäßig eine Art Molch durch ihre Anlagen. Werden Anlagenteile ausgetauscht, wird alles dekontaminiert. Die Scales werden in Fässer verpackt und von lizenzierten Spezialfirmen je nach Belastungsgrad entsorgt: Wenn es sein muss, in einem Endlager für Nuklearabfälle. Allerdings handelt es sich um kleine Volumina."

Wie groß ist jedoch die Gefahr, die für die Bevölkerung von den NORM-Rückständen aus der Ölförderung ausgeht? Wolfgang-Ulrich Müller urteilt:

"Für Deutschland ist es noch nicht so das zentrale Problem, weil die Erdölförderung ja relativ gering ist. Aber in anderen Ländern, zum Beispiel die Engländer, müssen sicher sich Gedanken machen, wie sie damit in Zukunft umgehen."

Außerdem enthalten diese Schlämme nicht nur Radionuklide, sondern auch giftige Schwermetalle wie Cadmium, Blei, Zink - oder eben auch Quecksilber. Und die können auch so schön gefährlich werden.

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