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StartseiteKultur heuteStralsund will historischen Bibliotheksbestand zurückkaufen21.11.2012

Stralsund will historischen Bibliotheksbestand zurückkaufen

6210 Bücher waren abgegeben worden

Die Gymnasialbibliothek in Stralsund hortete einst über 6000 antiquarische Bücher. "Totes Kapital" meinte die Stadtarchiv-Leiterin und verkaufte sie für 95.000 Euro. Der Oberbürgermeister will den Kauf rückgängig machen, doch mittlerweile ist klar: Die Bücher sind etwa eine Million Euro wert.

Burkhard Müller-Ulrich im Gespräch mit Peter Marx

"Totes Kapital"? (AP)
"Totes Kapital"? (AP)
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Burkhard Müller-Ullrich: Wir kommen zu einem Begriff, der vor einiger Zeit in Stralsund verwendet wurde und jetzt ziemlich ärgerliche Folgen hat. Der Begriff lautet: "totes Kapital". Das sei, sagte die Leiterin des Stralsunder Stadtarchivs, jene aus 6210 Bänden bestehende Bibliothek, die in der Folge an einen Antiquar verkauft wurde. Nun ist natürlich alles, was an Museumswänden hängt, totes Kapital. Der Fundus eines Theaters – totes Kapital. Öffentliche Sammlungen aller Art – klar: totes Kapital. Es gibt allerdings ein paar Gesetze, die die Verwalter unserer Kulturgüter daran hindern sollten, alles zu verscherbeln; und diese Einsicht ist jetzt wohl auch in Stralsund gewachsen. - Peter Marx, unser Landeskorrespondent in Mecklenburg-Vorpommern, hat sich mit dem Fall vertraut gemacht. Herr Marx, was für eine Bibliothek wurde da verhökert und warum?

Peter Marx: Es geht eigentlich um die sogenannte Gymnasialbibliothek, die ein Teil des Stadtarchives ist. Diese Bibliothek wurde 1627 gegründet, diente der schulischen Ausbildung der Hansestädter und war eben im Stadtarchiv und stand da in den Regalen – wie Sie es schon sagten: totes Kapital. Dazu kam noch, dass die einen oder anderen Bände einen Schimmelbefall hatten. Ich glaube, die Frau, die Stadtarchivarin meinte es ganz gut, der Stadt fehle das Geld, um den Schimmelbefall großflächig zu beseitigen, und das Haushaltsloch in den Kommunen von Mecklenburg-Vorpommern ist groß, also dachte sie wahrscheinlich, dann verkaufen wir das, dann haben wir das Problem nicht mehr und gleichzeitig hat die Stadt ein bisschen Geld eingenommen.

Müller-Ullrich: Ein bisschen Geld, sagen Sie. Wie viel war es denn?

Marx: Es waren 95.000.

Müller-Ullrich: Ist ja nun wirklich nicht viel.

Marx: Nein, nicht viel, aber für eine Kommune oder für eine Stadt in Mecklenburg-Vorpommern schon eine ganze Menge Geld. Aber sie hat sich halt verrechnet, und zwar ganz erheblich, und sie ist jetzt mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert, denn der Oberbürgermeister hat gestern und heute alles auf Stopp gestellt. Das heißt, der gesamte Verkauf der 6000 historischen Bücher muss rückgängig gemacht werden. Sämtliche Bücher sollen vom Erwerber, einem bayerischen Antiquar, zurückgekauft werden.

Müller-Ullrich: Hat der die nicht schon weiterverkauft?

Marx: Einen Teil davon, da komme ich gleich noch drauf. Die Leiterin ist suspendiert. Der bayerische Antiquar hat sich auch bereit erklärt, die Bücher wieder zurückzugeben. Es ist allerdings noch offen, zu welchem Preis, denn inzwischen hat ein Gutachten festgestellt, dass die um ein Vielfaches wertvoller sind, nämlich knapp eine Million oder über eine Million, und er zahlte ja nur 95.000. Man wird also sehen, was er nun verlangt.

Müller-Ullrich: Nun ist das mit diesen Wertfeststellungen natürlich immer ein bisschen riskant. Bis nicht ein Preis bezahlt wird, kann man jeden beliebigen Wert irgendwo einsetzen. Das ist ja das Wesen von Unikaten, die im Antiquariat gehandelt werden. Aber lassen wir das mal beiseite. Rausgekommen – das ist ja interessant – ist die ganze Sache eigentlich durch die Initiative eines Privatmanns. Der hat Alarm geschlagen im Internet und anderswo. Ich glaube, Klaus Graf ist sein Name und er ist Archivar ganz woanders, in Aachen nämlich.

Marx: Ja, natürlich. Das ist natürlich eine Entscheidung gewesen der Stadt, die die Archivare bundesweit in Aufregung versetzt hat, und sie konnten sich ja ausrechnen: Wenn das erfolgreich läuft, ist möglicherweise nächstes Mal meine Bibliothek dran. Also er hat sich da Protest erbeten und inzwischen hat auch ganz schnell der Protest in der Stadt um sich gegriffen, denn das wollte man nun wirklich nicht, und dann gab die Stadt den Auftrag an den Germanisten Nigel Palmer von der Universität Oxford und an Jürgen Wolf aus Marburg, die den Bestand nun erst mal bewertet haben. Zwei Zitate daraus: Die historischen Bücher, teilweise aus dem 16. Jahrhundert, haben für die Kulturgeschichte der Stadt und der Region eine sehr hohe Bedeutung. Bände mit teilweise handschriftlichen Einträgen sind sogar, so die Experten, einzigartig.

Müller-Ullrich: Mit der Zufälligkeit stellt sich natürlich auch sofort die Frage: Gibt es vielleicht noch andere Fälle, von denen wir gar nichts wissen?

Marx: Das ist eine interessante Frage und die kann ich natürlich von hier aus nicht beantworten. In Mecklenburg-Vorpommern sind inzwischen keine aufgetaucht. Aber es nimmt eine andere Form inzwischen an, denn der Skandal scheint sich auszuweiten in Stralsund. Man hat jetzt nämlich festgestellt, dass noch mehr Bücher weg sind, als man vermutet hat, und zwar nicht antiquar verkauft, sondern vermutlich heimlich, still und leise, und man weiß auch nicht, wo das Geld geblieben ist und wo die historischen Bücher sind. Also das ist ein Fall, den die Stadt jetzt ganz schnell untersuchen will und möglicherweise auch bald die Staatsanwaltschaft.

Müller-Ullrich: Da haben wir den Salat, der noch ein bisschen brisanter wird durch den Umstand, dass Stralsund ja zum Weltkulturerbe gehört und man eigentlich vermutet, dass dort eine besondere Sensibilität für solche Dinge herrscht. – Danke erst mal, Peter Marx, für diesen Bericht aus Mecklenburg-Vorpommern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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