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StartseiteKommentare und Themen der WocheMachtdemonstration um jeden Preis02.09.2021

Streik bei der BahnMachtdemonstration um jeden Preis

Im Tarifkonflikt mit der Bahn habe GDL-Chef Claus Weselsky mit seiner neuerlichen Blockadehaltung sein Wort gebrochen, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Es gehe ihm dabei nicht um Annäherung, sondern darum, im Machtkampf mit der konkurrierenden Eisenbahnergewerkschaft EVG die Oberhand zu gewinnen.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht

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Eine Anzeigetafel weist Bahnreisende in Hamburg auf den Streik der GDL hin. Der Streik der GDL sorgt dafür das die S-Bahnen in Hamburg nur alle 20 Minuten fahren.  (dpa / picture alliance)
Im Bahnstreik-Drama spiele GDL-Chef Claus Weselsky nicht sauber, sein Verhalten sei pubertär, kommentiert Sebastian Engelbrecht (dpa / picture alliance)
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Streik bei der Bahn Wo Weselsky recht hat

Im Bahnstreik-Drama war klar: Die Bahn musste sich bewegen. Wochenlang weigerte sich der Vorstand der Deutschen Bahn, ein neues Angebot vorzulegen. Am 1. September endlich lag es vor, pünktlich zum Beginn des Streiks im Güterverkehr. Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, hätte darauf reagieren können – ja, er hätte reagieren müssen. Denn sein Mantra lautete während der ersten beiden Streiks im August: Wir verhandeln erst wieder mit der Deutschen Bahn, wenn sie ein Angebot vorlegt.

  (Sven Hoppe/picture alliance/dpa) (Sven Hoppe/picture alliance/dpa)Die festgefahrene Situation im Bahnstreik
GDL-Chef Weselsky sieht im Angebot der Bahn im laufenden Tarifstreit einen Angriff auf die im Grundgesetz gesicherte Koalitionsfreiheit von Arbeitnehmern. Der Personalvorstand der Bahn, Seiler, sieht den Lokführerstreik hingegen politisch motiviert.

Nun hat das Unternehmen reagiert – mit einem respektablen Angebot, das so nahe bei den Forderungen der Lokführer liegt, dass es von diesen nur noch wenig abweicht: 600 Euro Corona-Prämie bietet die Bahn an, dazu 3,2 Prozent mehr Lohn, allerdings nicht über einen Zeitraum von 28 Monaten, wie die Lokführer es fordern, sondern über 36 Monate. Bei den Betriebsrenten hat die Bahn ihr bisheriges Angebot nicht verbessert, weil es ihr hier lediglich um eine Umstellung des Systems geht.

Weselsky spielt nicht sauber

Mit seiner neuerlichen Blockadehaltung hat der GDL-Chef vor aller Ohren das Wort gebrochen: Im Gegensatz zu seiner Ankündigung kehrte er nicht an den Verhandlungstisch zurück und verdammte das Angebot des Bahnkonzerns als "vergiftet". Er wirft der Bahn vor, sie wolle in diesem Jahr eine Nullrunde, dabei ist das Management der Deutschen Bahn bereit, die 600 Euro Corona-Prämie noch in diesem Jahr auszuzahlen. Weselsky behauptet, der DB-Vorstand verwehre einen Tarifvertrag für die Betriebsmitglieder aller Gewerkschaften. Doch die Bahn hat sich an dieser Stelle offen gezeigt, auch künftig Tarifverträge mit verschiedenen Gewerkschaften in einem Betrieb gelten zu lassen.

Weselsky spielt nicht sauber. Und sein Verhalten ist pubertär. Starr spult er das Crescendo seines Streikprogramms ab, plant Kundgebungen in ganz Deutschland bis einschließlich Montag. Anstatt die Offerte anzunehmen und sofort Verhandlungen zu beginnen, schlägt er das Arbeitgeberangebot kategorisch aus. Dabei hätte er sogar die Möglichkeit gehabt, zu verhandeln und gleichzeitig weiter zu streiken.

Mitglieder werben im internen Ränkespiel

Dieses Vorgehen zeigt endgültig, dass es dem obersten Lokführer des Landes nicht um eine Annäherung geht. Er will die Macht seiner GDL demonstrieren – um jeden Preis. Er will Mitglieder werben und im internen Ränkespiel gegen die konkurrierende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, EVG, die Oberhand gewinnen.

Es ist verständlich, dass die Deutsche Bahn nun das Frankfurter Arbeitsgericht angerufen hat. Über eine einstweilige Verfügung will der Konzern erreichen, dass die Lokführer den Streik beenden. Wie auch immer das Gericht entscheidet – ein faires Verhalten im Interesse aller Beteiligten wäre jetzt nur noch dieses: die Rückkehr an den Verhandlungstisch.

Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.

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