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StartseiteKommentare und Themen der WocheWo Weselsky recht hat11.08.2021

Streik bei der BahnWo Weselsky recht hat

Der Chef der Lokführergewerkschaft GdL, Claus Weselsky, vermische zwar Tarifkonflikt und Politik, seine Kritik an der Bahn habe aber einen wahren Kern, kommentiert Sebastian Engelbrecht. Denn die Bundesregierung habe die Bahn bisher von einer echten Reform verschont. Genau die sei aber notwendig.

Ein Kommentar von Sebastian Engelbrecht

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Claus Weselsky (r), Bundesvorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL, gibt am Ostbahnhof ein Statement ab und spricht zu streikenden Lokführern.  (dpa / Wolfgang Kumm)
Claus Weselsky (r), Bundesvorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL, spricht zu streikenden Lokführern. (dpa / Wolfgang Kumm)
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Claus Weselsky war schon öfter der Buhmann der Nation. Der GdL-Chef brachte Millionen Bahnreisende gegen sich auf, wenn er die Streiks seiner Lokführer organisierte. Auch dieses mal zieht der Sachse Kritik auf sich. Warum, so die Meinung einer schweigenden Mehrheit, erdreisten sich die Lokführer gerade jetzt, in der Hauptreisezeit und wenn die schlimmste Phase der Pandemie überwunden ist, das Bahnsystem der Republik lahmzulegen?

  (picture alliance/dpa /Arne Dedert) (picture alliance/dpa /Arne Dedert)GdL-Chef: Management will kleinen Eisenbahnern die Rente wegnehmen
Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Lokführer, Claus Weselsky, hat im Dlf den bundesweiten Bahnstreik verteidigt. Man müsse die Wut, die die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner hätten, rauslassen.

Diese Kritik am Wort- und Lokführer Weselsky ist berechtigt. Überhaupt ist Claus Weselskys Kampf ganz und gar ungewöhnlich. Immer wieder betont er, es gehe einzig und allein um einen guten Tarifabschluss und um gerechte Betriebsrenten für Lokomotivführer, Stellwerksleiter und Werkstattmitarbeiter. Aber im nächsten Satz zieht er über die Konkurrenz von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG her, gegen die er seine GdL profilieren will – und gegen das Bahn-Management. Er hält Reden über Gerechtigkeit innerhalb des Bahn-Konzerns und gegen die aus seiner Sicht geldgierige Spitze der Deutschen Bahn.

Undurchsichtige Strukturen

Bei aller Kritik an diesen unorthodoxen Vermischungen von Tarifkonflikt und Politik – Weselskys Systemkritik hat einen wahren Kern. Die Bundesregierung hat das Management des Staatsunternehmens in der vergangenen Legislaturperiode von einer großen Reform verschont – dabei bedürfte es einer solchen. Denn die Schulden steigen stetig: natürlich wegen der Pandemie und wegen der Flutkatastrophe. Sie steigen aber auch, weil die Bahn ineffizient wirtschaftet. Weselsky prangert an, dass das Unternehmen zu viele Führungskräfte beschäftigt, nämlich 3.500. Jeder Hierarch des Unternehmens im gläsernen Bahn-Tower versammelt tatsächlich einen erstaunlichen Hofstaat von Beratern und Pressesprechern um sich herum. Jeder Vorstand bildet sein eigenes Reich im Gesamtunternehmen. Die Strukturen sind undurchsichtig.

  (dpa / Arne Dedert) (dpa / Arne Dedert)Dem Management der Bahn eine Lektion erteilen
Die Gewerkschaft der Lokführer hat einen Warnstreik bei der Deutschen Bahn angekündigt, um ihre Forderungen in den laufenden Tarifverhandlungen durchzusetzen. Aber es geht um mehr. 

Und die Gehälter, Boni und Pensionen der Führungselite erwecken eher den Eindruck, man habe es mit einem Dax-Konzern zu tun. Die Management-Etage der Bahn misst sich mit den Top-Managern der freien Wirtschaft. Da ist zu spüren, dass die Deutsche Bahn noch bis vor wenigen Jahren an die Börse wollte – ein Plan, der glücklicherweise scheiterte. Die Deutsche Bahn ist und bleibt ein Staatsunternehmen, und das sollte auch in der Kultur ihrer Führung spürbar sein. Der Eigentümer, die Bundesrepublik, sollte der Bahn insgesamt demokratische Transparenz und ihrer Spitze angemessene Gehälter verordnen. Vorstandsgehälter in Millionenhöhe, üppige Boni und Pensionen vertragen sich nicht mit einem Unternehmen, das vom Steuerzahler und von den Bahnreisenden getragen wird.

Aber wo ist die Autorität, deren Stimme diese Unverhältnismäßigkeiten anprangert und eine echte Reform des Bahn-Apparats fordert? Von Verkehrsminister Scheuer ist da nichts zu erwarten. Claus Weselsky füllt mit seiner moralischen Kritik an der Führung der Bahn eine Lücke, die andere hinterlassen haben.

Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa)Korrespondent Sebastian Engelbrecht (Deutschlandradio / Christian Kruppa) Sebastian Engelbrecht, geboren 1968 in Berlin, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München und studierte Evangelische Theologie in Heidelberg, Berlin und Jerusalem. Promotion an der Universität Leipzig. Er war von 2008 bis 2012 ARD-Hörfunk-Korrespondent in Tel Aviv und anschließend Referent des Intendanten von Deutschlandradio. 2017-2018 unterwegs im In- und Ausland als Dlf-Reporter. Seit 2019 ist Sebastian Engelbrecht Korrespondent im Landesstudio Berlin von Deutschlandradio in Berlin-Mitte.

  

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