Montag, 17.12.2018
 
Seit 00:00 Uhr Nachrichten
StartseiteUmwelt und VerbraucherKastration ohne Betäubung könnte weitergehen27.11.2018

Streit über FerkelkastrationKastration ohne Betäubung könnte weitergehen

Männliche Ferkel werden kastriert, weil ihr Fleisch später einen unangenehmen Geruch abgeben könnte. Ein schmerzhaftes Erlebnis, denn eine Betäubung gibt es nicht. Diese Praxis soll eigentlich ab Anfang 2019 nicht mehr erlaubt sein. Vielleicht wird die Übergangsfrist aber verlängert.

Von Daniela Siebert

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Zwei Hände halten ein Ferkel zur Kastration in eine Narkoseanlage in seinem Zuchtbetrieb. Betäubt wird das Ferkel mit Isofluran. Verunsicherte Schweinebauern und Vertreter des Handels haben sich mit der niedersächsischen Agrarministerin zu einem Krisengespräch getroffen. Foto: Holger Hollemann/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Ein Ferkel. das für seine Kastration mit Isofluran betäubt wird. (dpa)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Tiermediziner "Impfung gegen Ebergeruch" als Alternative zur Ferkelkastration

Streit um betäubungslose Ferkelkastration Wider den Tierschutz?

Das philosophische Bestiarium Das Schwein – der unheimliche Doppelgänger des Menschen

Eigentlich gebe es gleich mehrere Methoden, wie Ferkel mit weniger Leid kastriert werden könnten: Mit lokaler Betäubung etwa oder mit einer Betäubung per Gasinhalation mit Isofluran. Doch gleich mehrere Sachverständige, die gestern in den Ausschuss geladen waren, fanden abschreckende Gründe dagegen.

"Die Größe der Atemmasken ist uni, aber die Ferkelgrößen sind sehr unterschiedlich. Bei flächendeckendem Einsatz von Isofluran als Narkosemittel arbeiten wir mit einem Treibhausgas, das in seiner Wirkung mehr als 500-fach stärker ist als CO2." - "Nach dem bisherigen Stand der Wissenschaft gibt es mit den bisher angewendeten Methoden zur Lokalanästhesie, den verwendeten Präparaten, den Applikationswegen keine gesicherte Schmerzausschaltung bei der Anwendung zur Ferkelkastration."

So Schweinemästerin Britta Becke und Michael Marahrens vom Friedrich-Loeffler-Institut.

Auch eine andere Möglichkeit, den Ebergeruch, um den es ja bei der Kastration eigentlich geht, zu vermeiden, erntet Kritik: Die sogenannte "Immuno-Kastration". Bei dieser Methode werden den jungen Schweinen bei zwei Impfungen hormonregulierende Substanzen gespritzt, die diese Entwicklung verhindern.

"Das ist ein ganz einfaches Problem: Der Handel lehnt diese Tiere ab." - "Die Immuno-Kastration betrachte ich aus Tierschutzaspekten als ein geeignetes Verfahren. Allerdings lehnen die großen Schlachter Tönnies, Vion und Westfleisch die Annahme dieser Tiere ab mit der Begründung: Es gibt keine Akzeptanz bei Verbrauchern im In- und Ausland."

Andreas Palzer vom Bundesverband Praktizierender Tierärzte und Schweinemästerin Britta Becke.

Biobetriebe als Vorreiter bei der Betäubung

Nach zwei Stunden intensivem Austausch ist klar: Es gibt Möglichkeiten der Ferkelbetäubung, aber in Deutschland in großem Stil marktreif oder etabliert scheinen sie noch nicht zu sein. Und noch schlimmer: Eine hundertprozentige Ausschaltung von Schmerzen durch die Kastration sei gar nicht möglich, betont Andreas Randt vom Tiergesundheitsdienst Bayern.

Bei der Biomarke "Neuland" habe man seit zehn Jahren gute Erfahrungen mit der Gasmethode gesammelt, versichert dagegen Jochen Dettmer. Sorgen, Isofluran könne als Treibhausgas das Klima schädigen oder die Berufstätigen, die es den Ferkeln verabreichen, hält er für übertrieben. Aus dieser Gemengelage lassen sich höchst unterschiedliche Schlüsse ziehen, je nach politischer Verortung. Hier exemplarisch die CDU und die Grünen. Zunächst Alois Gerig, CDU, Landwirtschaftsmeister und Ausschussvorsitzender:

"Dass wir jetzt nochmal maximal zwei Jahre Verlängerung brauchen, weil wir sonst mit einem Schlag die Ferkelproduktion außerhalb unserer Landesgrenze verlagern würden, das wäre ganz schlimm, für die Tiere selbst. Die müssten nach einer Kastration, die wir hier nicht erlauben, lebend durch ganz Deutschland gefahren werden, aus Schweden, aus Dänemark."

Ganz anders Friedrich Ostendorff, selbst Schweinemäster und Bundestagsabgeordneter der Bündnisgrünen:

"Meine Haltung ist bestätigt worden, dass wir eigentlich in der Lage wären, am 1.1.19 die Übergangszeit zu beenden und nur noch ab 1.1.19 betäubt zu kastrieren oder Ebermast zu machen oder Immuno-Kastration. Aber wir haben jetzt eben dadurch, dass so viel Zeit verstrichen ist, schon ein Problem, dass die notwendige Technik ein paar Monate braucht. Also wir würden über eine kurze Verlängerung nachdenken müssen, aber im Sommer 2019 könnte das, was der Gesetzgeber 2013 aufgeschrieben hat, Wirklichkeit werden."

Spanien kommt ohne Ferkelkastration aus

Am Donnerstag wird der Bundestag über die Verlängerung beraten. Der Königsweg aus dem Ferkelelend steht derzeit nicht zur Debatte: Ganz auf die Kastration zu verzichten. Solche Tiere nehme der Handel ihnen nicht ab oder nur mit Preisminderung, berichten die Mäster. Dabei ist Ferkelmast ohne Kastration anderswo längst Standard; in Spanien etwa. Tierarzt Andreas Palzer:

"Spanien hat im Moment einen Selbstversorgungsgrad von 180 Prozent mit Schweinefleisch, was dazu führt, dass die fast jedes zweite Schwein exportieren müssen, und die kastrieren nicht."

Wenn Deutschland eine wie auch immer geartete Betäubungspflicht ab dem 1. Januar einführt, dann wird das für die Schweineerzeuger und ihre Abnehmer die Kosten erhöhen, warnen viele Bedenkenträger. Die internationale Konkurrenz werde dann diesen Nachteil nutzen und verstärkt nach Deutschland exportieren - billiger. Auch wenn sie vielleicht gar nicht kastrieren oder mit preiswerteren Methoden, die bei uns nicht zugelassen sind. Da erscheint glaubhaft, was Alois Gerig gestern gleich zu Beginn der Ausschusssitzung sagte.

"In der Debatte um die Ferkelkastration macht es sich hier kein Abgeordneter leicht, eine Entscheidung zu treffen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk