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StartseiteEuropa heuteStreit um Belene02.10.2012

Streit um Belene

Bulgarische AKW-Bauruine sorgt weiter für Diskussionen

Korruptionsvorwürfe und Proteste von Umweltschützern: Das bulgarische AKW Belene war von Anfang an ein Problemprojekt. Bereits in den 80er-Jahren wurde mit dem Bau begonnen, jetzt steht Belene vor dem Aus und die beteiligten russischen Firmen fordern Schadensersatz.

Von Stephan Oszvath

Baustopp am bulgarischen Kernkraftwerk in Belene (AP)
Baustopp am bulgarischen Kernkraftwerk in Belene (AP)
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Bulgarien blockiert Belene
Tschüss Russland!

Zukunft hat Belene wohl nicht mehr. Die Bauruine 200 Kilometer nordöstlich von Sofia ist ein Milliardengrab. RWE stieg aus, Banken zogen sich zurück. Das Projekt wird immer teurer: Statt vier ist jetzt von zehn Milliarden Euro die Rede. Zu teuer, findet die bürgerliche Regierung Borisov und will Belene begraben. Belene-Gegner Ivan Hinowski empfiehlt auch:

"Nicht bauen. Seit der ersten Veröffentlichung des Projekts vor mehr als zehn Jahren haben wir belegt: Wir brauchen Belene nicht, das bulgarische Versorgungsnetz braucht diese Zusatzenergie nicht."

Die Bulgaren verbrauchen weniger Strom als vorhergesagt, begründet der Vorsitzende des Bulgarischen Energieforums, einer Nichtregierungsorganisation, sein Nein zu Belene. Ohnehin war es von Anfang an ein Problemprojekt. Es gab Korruptionsvorwürfe. Gegner wurden ermordet. Und: Umweltschützer kritisieren seit Langem: Die Atombaustelle liege im Erdbebengebiet. Doch die Russen wollen das Nein aus Sofia nicht akzeptieren. Denn der staatseigene russische Konzern Atomstroiexport soll Belene errichten.

Die Russen fordern jetzt Schadenersatz. Eine Milliarde Euro. Ivan Hinowski:

"Eine Milliarde – das ist ein Zeichen, wie wütend die Russen sind. Denn es geht um Geopolitik. Wer Einfluss auf Energielieferanten hat, hat Einfluss – auch in anderen Geschäftsfeldern."

Belene – das sollte ein Sprungbrett in die EU sein, glaubt Mihail Andonov, Geschäftsführer der Bulgarischen Energie Holding, dem größten Energieversorger Bulgariens. 22.000 Menschen arbeiten für das staatliche Unternehmen.

"Ich glaube kaum, dass es den Russen ums Geld geht. Sie schmerzt, dass sie es nicht geschafft haben, ein Atomkraftwerk in der EU zu bauen. Sie wollten eine Lizenz, um später andere Aufträge zu bekommen. Das Aus - der erste Rückschlag dieser Art - ist schlecht für das Image der Russen als Experten im AKW-Bau. Und sie wollen ja auch in Indien, Vietnam und anderen Ländern Kraftwerke bauen."

Andonov glaubt, dass die Russen mit der Schadenersatzforderung Druck in den Verhandlungen über den Gaspreis machen wollen. Denn sie sind bislang die Hauptlieferanten für Bulgarien. Doch die Regierung in Sofia will sich unabhängiger von russischen Gas-Tropf machen. Denn: Während des russisch-ukrainischen Gasstreits waren auch die Wohnungen in Bulgarien kalt geworden. Die Alternative für Sofia heißt deshalb: Gas und Öl aus Aserbaidschan.

Nicht abfinden mit dem Aus für Belene wollen sich auch die bulgarischen Sozialisten. Die Oppositionspartei hat knapp 800.000 Stimmen für ein Referendum gesammelt. Rumen Owtscharow, ehemaliger Energieminister erklärt, warum er für Belene ist:

"Bulgarien betreibt seit fast 40 Jahren ein AKW und produziert ungefährlich billige Energie. Der Strompreis würde durch Belene für die Bürger sinken. Die sind schlauer als die jetzigen Entscheider. Und auch uns Sozialisten würde es nutzen. Die Politik ist halt ein komplexes Spiel."

Denn im nächsten Jahr sind Wahlen in Bulgarien. Und Atomkraft ist in Bulgarien populär. Weil Atomstrom vermeintlich billiger ist als Ökostrom.

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