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StartseiteEuropa heuteStreit um die Hoheit beim Islamunterricht07.04.2009

Streit um die Hoheit beim Islamunterricht

Österreichs schwieriges Verhältnis zu den Muslimen

Die Diskussion um einen islamischen Religionsunterricht steht häufig in Zusammenhang mit der Frage, wer die Lehrer für diesen Unterricht ausbilden soll - der Staat oder die muslimischen Verbände. In Österreich schienen solche Fragen bis vor kurzem geklärt. Dort kümmert sich die Islamische Glaubensgemeinschaft um den Religionsunterricht. Seit aber vor einiger Zeit fragwürdige Lerninhalte ans Licht kamen, ist der Ruf nach mehr Kontrolle wieder da.

Von Andrea Mühlberger

Blick in ein Schulbuch für den Islamunterricht (AP)
Blick in ein Schulbuch für den Islamunterricht (AP)
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"Islam bedeutet Frieden" ... "

Islamunterricht an einer Wiener Schule. Über 50.000 Kinder und Jugendliche in der Alpenrepublik erfahren so etwas über Allah und die Welt. Und das schon ziemlich lange: Anfang der 80er-Jahre hat Österreich als erstes europäisches Land den Islamunterricht an öffentlichen Schulen erlaubt.

" "Also ich bin hierhergekommen, weil ich mehr über den Islam wissen will. Und ich lerne hier auch sehr viel, wie man mit Menschen, Freunden und Nachbarn umgehen soll ... "

Doch was genau bringen islamische Religionslehrer ihren Schülern eigentlich bei? Eine Frage, über die in der Alpenrepublik vor einigen Wochen noch hitzig diskutiert wurde. Der Anlass: Eine Studie, die jedem fünften islamischen Religionslehrer eine eher zweifelhafte Auffassung von Demokratie und Menschenrechten bescheinigte. Auch die Abbildung eines islamischen Märtyrers in einem Schulbuch für Neun- und Zehnjährige sorgte für Schlagzeilen. Unter der Illustration steht wörtlich: "Ein Muslim, der auf dem Weg Allahs und zur Verteidigung der Heimat stirbt, ist ein Märtyrer." Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich erklärte dazu:

"Diese Abbildung ist vielleicht nicht sehr glücklich, stellt einen Soldaten dar, der Heimat verteidigt, getroffen wird und stirbt. Kinder sehen so was auch im Fernsehen. Das ist nicht unanständig. Also, wir schämen uns nicht dafür."

Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Anas Shakfeh, hat dieses Schulbuch selbst bearbeitet und kontrolliert. Seit 15 Jahren wird damit in Österreich unterrichtet. Österreichs sozialdemokratische Bildungsministerin Claudia Schmied hat angeordnet, dass die Abbildung entfernt werden muss:

"Unabhängig welches Fach ein Lehrer, eine Lehrerin unterrichtet. Demokratiefeindliche Äußerungen dürfen in der Schule nicht stattfinden."

Die Studie zu den radikalgesinnten Islamlehrern war der Anlass für ein Sofort-Maßnahmenpaket aus dem Bildungsministerium: Alle Islamlehrer sollten neue Dienstverträge bekommen, in denen sie sich per Unterschrift zu Demokratie und Menschenrechten bekennen. Außerdem wurden ihre Deutschkenntnisse und das Lehrmaterial überprüft. Im Extremfall hieß es, kann einem Lehrer auch die Unterrichtserlaubnis entzogen werden. Die Islamische Glaubensgemeinschaft erklärte sich mit dem Maßnahmenpaket einverstanden:

"Wir fürchten uns nicht vor einer verstärkten Kontrolle. Wir wollen auch von uns aus genauer, intensiver und rigoroser kontrollieren ... "

Das ultra-rechte Lager, aber auch unabhängige Politologen, wie der Wiener Universitätsdozent Thomas Schmidinger zweifelten am Erfolg des anti-islamischen Maßnahmenkatalogs:

"Meine zentrale Frage ist zum Beispiel, wie weit jemals ein Lehrer das nicht unterschreiben wird, wenn er weiß, dass er gekündigt wird, wenn er sich nicht zur Demokratie bekennt. Die Frage ist auch, mit welchen Experten der Beirat besetzt sein wird, der die Schulbücher begutachten soll ... "

Dass das Maßnahmenpaket mehr ist als eine Beruhigungspille, zeigt der erste Fall eines islamischen Lehrers, der wegen seiner politischen Ansichten vom Dienst suspendiert wurde. Er hatte seine Schüler im Religionsunterricht dazu aufgefordert, nicht in jüdischen Geschäften einzukaufen - und dazu Flugblätter mit Firmennamen und Adressen verteilt. Wieder reagierte Bildungsministerin Claudia Schmied blitzschnell:

"'Kauft nicht bei Juden' ist nichts, wo man jetzt länger abwarten kann oder wo man mit Disziplinarmaßnahmen durchkommen kann. Da ist für mich eindeutig die Grenze überschritten ... "

Auch von der Islamischen Glaubensgemeinschaft kam kein Protest gegen das Lehrverbot:

"Entweder ist das eine böse Einstellung oder eine Dummheit. Beides ist nicht akzeptabel!"

Bisher war es in Österreich unüblich, dass sich der Staat in den Religionsunterricht einmischt. Dass er es jetzt tut, zeugt von Verantwortung, aber auch von einem wachsenden Klima des gegenseitigen Misstrauens - im einstigen Vielvölkerstaat. Diese Tradition gehört anscheinend mehr und mehr der Vergangenheit an.

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