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StartseiteKultur heute"Jüdische Stimme setzt sich für friedliches Miteinander-Leben ein"05.03.2019

Streit um Göttinger Friedenspreis"Jüdische Stimme setzt sich für friedliches Miteinander-Leben ein"

Im Streit um die Vergabe des Göttinger Friedenspreises an die Organisation "Jüdische Stimme" hat sich nun auch der Liedermacher Konstantin Wecker zu Wort gemeldet. Den Vorwurf, es handele sich dabei um eine antisemitische Bewegung, nannte der Vorjahrespreisträger im Dlf "völlig unbegreiflich".

Konstantin Wecker im Gespräch mit Änne Seidel

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Der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker.  (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Der Münchner Liedermacher Konstantin Wecker. (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
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Änne Seidel: Einen gerechten Frieden in Nahost – den wünscht sich der Verein "Jüdische Stimme", ein jüdischer Verein mit Sitz in Berlin. Die Organisation fordert auf ihrer Homepage einen souveränen Staat Palästina und möchte sich einsetzen für einen dauerhaften und für beide Nationen – also Israel und Palästina – lebensfähigen Frieden. Für sein Engagement soll der Verein am kommenden Samstag mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet werden. Doch an dieser Entscheidung der Preisjury gab es in den vergangenen Wochen heftige Kritik: Der Zentralrat der Juden hatte dem Verein Antisemitismus vorgeworfen, daraufhin hatten sich die Stadt Göttingen und die Universität Göttingen von der Preisverleihung zurückgezogen, außerdem war ein Geldgeber abgesprungen.

Es gab in den vergangenen Tagen aber auch prominente Stimmen, die den Verein verteidigt haben, und heute kommt noch ein weiterer Unterstützer hinzu: Der Liedermacher Konstantin Wecker, der im vergangenen Jahr mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet worden war, hat einen offenen Brief verfasst, in dem er sich unter anderem an den Göttinger Oberbürgermeister wendet. Ich habe Konstantin Wecker vor der Sendung zunächst mal gefragt, warum der Verein "Jüdische Stimme" den Friedenspreis aus seiner Sicht verdient hat.

Konstantin Wecker: Ich bin der Meinung, dass der Verein "Jüdische Stimme – für gerechten Frieden in Nahost" seit vielen Jahren sich für ein friedliches Miteinander-Leben einsetzt und auf eine zutiefst menschliche und – was für mich als bekennenden Pazifisten wichtig ist – auf eine friedliche Weise. Die Vorwürfe, dass da hier Antisemitismus mit im Spiel sei, sind mir ehrlich gesagt völlig unbegreiflich, denn das sind Menschen, das sind ja jüdische Demokraten, die sich hier für einen Frieden einsetzen, die vielleicht nicht politisch einverstanden sind oder auf keinen Fall politisch einverstanden sind mit dem, was derzeit in Israel passiert, aber das ist ja in einer Demokratie möglich, dass man Kritik an einer Politik übt.

Seidel: Können Sie vielleicht ein paar Beispiele für die Arbeit des Vereins nennen? Was macht dieser Verein ganz konkret und warum ist das preiswürdig?

Wecker: Konkret – das, was der Verein macht, ist halt immer der Versuch, über den eigenen Schatten zu springen, über den Schatten zu springen einer kriegerischen Auseinandersetzung. Und das ist für mich eigentlich das Maßgebliche.

Satzung stützt Vorwürfe nicht

Seidel: Den Vorwurf des Antisemitismus haben wir erwähnt. Es gibt aber auch andere Stimmen, jetzt neben dem Zentralrat der Juden, die zum Beispiel kritisieren, dass sich der Verein nicht ausreichend von der palästinensischen Hamas distanziert, die von der EU ja immerhin als Terrororganisation eingestuft wird. Das sind ja schon heftige Vorwürfe. Sie würden aber sagen, das ist völlig unberechtigt?

Wecker: In der Satzung konnte ich so was nicht, auf keinen Fall lesen, in der Satzung des Vereins konnte ich auf keinen Fall lesen, dass sie sich auch nur irgendwie nicht distanzieren würden von gewalttätigen Aktionen der Hamas.

Seidel: Und ein weiterer Vorwurf lautet, der Verein unterstütze die Bewegung BDS, die zum Boykott israelischer Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer aufruft. Auch diesen Vorwurf können Sie nicht nachvollziehen?

Wecker: Das ist, glaube ich, der Hauptvorwurf, diese Boykottbewegung. Und ich habe in meinem Text extra geschrieben: Hier soll nicht die Boykottbewegung BDS mit dem Friedenspreis ausgezeichnet werden, sondern eben diese auf Frieden und Verständigung setzende Menschenrechtsorganisation, die ein Ende der furchtbaren Auseinandersetzungen haben will. Und das ist schon … Ich weiß, den Vorwurf kenne ich, und auch in der Preiswürdigung ist BDS überhaupt nicht erwähnt.

Distanzierung von Antisemitismus eindeutig

Seidel: Aber der Verein "Jüdische Stimme" hat, soweit ich weiß, sich nicht eindeutig vom BDS distanziert. Und sollte nicht ein solcher Friedenspreis ausschließlich an Menschen und Organisationen gehen, die auf Verständigung und Diplomatie setzen, und dazu gehört dann eben vielleicht doch auch, sich wirklich eindeutig von Organisationen wie Hamas oder BDS zu distanzieren, also von Organisationen, für die Diplomatie eben nicht das Mittel der Wahl ist?

Wecker: Also in der Satzung des Vereins steht: "Jüdische Stimme", uneingeschränkt, jeder Form, tritt uneingeschränkt jeder Form von Antisemitismus, Antiislamismus sowie allen anderen Spielarten des Rassismus oder Diskriminierung von Menschen aufgrund von Merkmalen wie Hautfarbe, Herkunft und Religion … widersetzt sich dem. Das steht in der Satzung. Und Positionen, hinter denen sich antisemitische Einstellungen verbergen, sind mit dem Anliegen der "Jüdischen Stimme" unvereinbar. Und ich glaube, das ist doch sehr eindeutig.

Seidel: Würden Sie, Herr Wecker, so weit gehen und sagen, der Verein "Jüdische Stimme" wird hier in Deutschland nur so heftig kritisiert, weil er vielleicht nicht ins politische Konzept der israelischen Regierung unter Ministerpräsident Netanjahu passt?

Wecker: Diesen Verdacht habe ich, ja.

Seidel: Da sind wir dann jetzt natürlich auch wieder bei der alten Frage: Ab wann ist Israelkritik antisemitisch? Wo würden Sie da die Grenze ziehen?

Wecker: Das ist richtig. Also für mich ist es wirklich unverständlich, also sich anzumaßen, welche jüdischen Mitbürger antisemitisch sein sollten. Das ist für mich unbegreiflich, muss ich Ihnen ehrlich sagen. Wir sprechen ja hier über eine jüdische Stimme für den gerechten Frieden und wir sprechen nicht … Verstehen Sie? Für mich ist als nicht-jüdischer Mitbürger, der sich immer eingesetzt hat gegen Antisemitismus, ein ganzes Leben lang, ist dieser Vorwurf einfach nicht nachvollziehbar.

Preisverleihung sollte an der Uni stattfinden 

Seidel: Sie haben einen offenen Brief an den Göttinger Oberbürgermeister und die Universitätspräsidentin geschrieben, die sich ja, ich habe es erwähnt, vom Friedenspreis distanziert hatten. Was fordern Sie von Stadt und Universität?

Wecker: Dass sie die Universität zur Verfügung stellen für diese Preisverleihung, so wie es immer der Fall gewesen ist. Ich habe ja meine Preisverleihung … Ich war zwar nicht selbst da bei meiner Preisverleihung, weil ich Konzerte hatte, aber ich habe dann ein Konzert anschließend gegeben mit Gerald Hüther dort und ich konnte ja auch dort spielen in der Universität. Und das ist eigentlich die Forderung, dass man sich da nicht distanziert. Immerhin hat ja die Jury diesen Preis ganz eindeutig an die "Jüdische Stimme" verliehen und diese Jury macht es ja schon seit vielen, vielen Jahren.

Seidel: Das sagt der Liedermacher Konstantin Wecker zum Streit um den Göttinger Friedenspreis. Am Samstag soll der Verein "Jüdische Stimme" mit dem Preis ausgezeichnet werden – der Zentralrat der Juden und andere hatten diese Entscheidung kritisiert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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