Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Montag, 23.07.2018
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteKommentare und Themen der WocheEinmal Abgrund und zurück 12.07.2018

Streit um NATO-VerteidigungsausgabenEinmal Abgrund und zurück

Die markigen Sprüche und peinlichen Auftritte von US-Präsident Donald Trump beim NATO-Gipfel in Brüssel zeigen: Er ist der Seehofer der NATO, kommentiert Bettina Klein. Es sei gut, dass das Bündnis Einigkeit gezeigt habe - es brauche eigene Stärke.

Von Bettina Klein

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
US-Präsident Trump beim NATO-Gipfel in Brüssel (dpa/picture alliance/Geert Vanden Wijngaert)
US-Präsident Trump beim NATO-Gipfel in Brüssel (dpa/picture alliance/Geert Vanden Wijngaert)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Politologe Hacke "Deutschland ist Trittbrettfahrer im militärischen Bereich"

Felgentreu (SPD) "Auf Kommandos und einen Befehlston verzichten"

Trumps NATO-Auftritt Kritik an Stil und Auftreten des US-Präsidenten

Donald Trump treibt die Allianz bis an den Rand des Abgrunds. Auch wenn nicht hundertprozentig bestätigt ist, was genau heute Vormittag im NATO Hauptquartier ablief – man brauchte nur den normalerweise äußerst cool wirkenden Generalsekretär bei der Pressekonferenz zu sehen, um zu begreifen, dass auch der zumindest an den Rand der Erschöpfung gebracht wurde. Trump wollte noch einmal Drama, die Schlagzeile "Sondersitzung", die Spekulation, er habe mit einem Rückzug aus der NATO gedroht. Angeblich war er unzufrieden, wie wenig Niederschlag in den amerikanischen Medien  seine gestrigen Tiraden gefunden hatten.

Tam-Tam am Vormittag

Heute Morgen schon legte er auf Twitter noch einmal los. Daher stimmt sicher auch die Interpretation von Jens Stoltenberg, alle hätten das Gefühl gehabt,  man müsse noch einmal reden. Nach dem neuerlichen Tam-Tam am Vormittag war die Spannung dann offenbar ausreichend angeheizt. Die NATO musste  ihm von neuem eine Leiter an den Baum stellen, die es Trump ermöglichte, doch wieder herunter zu steigen. Eine Leiter, bestehend aus überhaupt nicht neuen Zahlen, um wie viele Milliarden die Verbündeten ihre Verteidigungsausgaben seit seinem Amtsantritt bereits gesteigert haben.

In einem Beispiellosen Auftritt vor der Presse im NATO-Hauptquartier verkaufte er diese "nie dagewesenen Summen" als seinen Erfolg. Der ihn schließlich zu einer 40-minütigen erst kurz zuvor angekündigten Pressekonferenz veranlasste, in der er in völlig Trump untypischer Manier bereitwillig und weitgehend freundlich Fragen von Journalisten beantwortete. Ohne diese als Vertreter von "Fake-News-Medien" zu beschimpfen. 

Kein erneuter Eklat

Ein zivilisierter Auftritt in Brüssel vor der Weltpresse hat ihm sicher deutlich mehr Punkte eingebracht, als ein erneuter Eklat. Der Fernsehunterhalter lieferte einen Auftritt, der zu Hause Einschaltquoten gebracht haben wird. Ziel doch noch erreicht. Trumps Anteil daran, dass das Thema zwei Prozent mit einer nie dagewesenen Dringlichkeit behandelt wird, ist unbestritten. Er führt das gerade auf seine harsche Wortwahl und seine undiplomatischen Aktionen zurück.

Pate liefert Erlösung

Nach dem also alle vorübergehend vor Angst erstarrt waren, liefert der Pate gleich darauf die überraschende Erlösung. "Super Gipfel, alle happy, die NATO viel stärker, als noch vor zwei Tagen". Und alles nur wegen Donald Trump. James Comey, der gefeuerte FBI-Chef, hat nicht umsonst die Parallele zu den Cosa Nostra-Führern gezogen, zu jenen Mafia Bossen, die er als Staatsanwalt in New York vor den Kadi gebracht hat. Einmal Abgrund und zurück - und zwar als Dauerzustand. Das ist die neue Realität im Bündnis. In der Sache aber ist Trump der Seehofer der NATO. Markige Sprüche. Peinliche Auftritte. Und alles, alles wird seinem persönlichen Erfolg untergeordnet. 

Allianz braucht eigene Stärke

Gut, dass die Nato sich in der Tat gestern stark und einig gezeigt hat. Das Kommuniqué wurde von allen mitgetragen. Auch von den Amerikanern. Der US Kongress hat am selben Tag zwei Resolutionen zur Unterstützung des Bündnisses verabschiedet. Trump hat selber zugegeben: Steigende Verteidigungsausgaben sind keine Stärkung für Wladimir Putin. Das alles ist mit einem Tweet nicht so schnell in die Tonne zu treten. Doch die Allianz ist gewarnt. Sie braucht eigene Stärke. Darüber müssen sich alle 28 anderen dringend im Klaren sein.

Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein (Bettina Fürst-Fastré)Bettina Klein ist Korrespondentin des Deutschlandradio im Studio Brüssel. Zuvor war sie seit 2004 Moderatorin und Redakteurin der aktuell-politischen Sendungen im Deutschlandfunk, davor im Deutschlandradio Kultur. Korrespondentenvertretungen in Washington. Recherche-Jahr in den USA. Volontariat im RIAS Berlin und Studium der Fächer Religionswissenschaften, Geschichte und Politik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk