Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 03:05 Uhr Heimwerk
StartseiteKultur heuteStreit um neues Hochhuth-Buch24.03.2005

Streit um neues Hochhuth-Buch

Die Deutsche Verlagsanstalt will Rolf Hochhuths Autobiografie nicht drucken

Die Deutsche Verlagsanstalt hat angekündigt, eine geplante Autobiografie des Dramatikers Rolf Hochhuth nun doch nicht zu veröffentlichen. Hintergrund: Hochhuth hatte der rechtsextremen Zeitung "Junge Freiheit" ein Interview gegeben und darin den verurteilten Holocaust-Leugner David Irving verteidigt.

Von Joachim Güntner

Der Dramatiker Rolf Hochhuth. (AP)
Der Dramatiker Rolf Hochhuth. (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Schon auf den ersten Blick erscheint das Ganze reichlich merkwürdig. Der Dramatiker Rolf Hochhuth, seit seinem Stück "Der Stellvertreter" ein ausgewiesener Aufklärer in Sachen Nazi-Vergangenheit, soll unter die Holocaust-Leugner geraten sein? Befremdlich. Doch tatsächlich: So etwas Ähnliches könnte man glauben, wenn man die Entscheidung der Deutschen Verlagsanstalt zur Kenntnis nimmt. Die DVA will ein bereits verabredetes Buch mit autobiographischen Schriften Hochhuths nun doch nicht bringen. Der Verlag bezieht sich dabei auf ein Interview, dass Hochhuth dem nationalkonservativen Blatt "Junge Freiheit" gegeben hat. Dort war auch von dem britischen Historiker und rechtskräftig verurteilten Holocaust-Leugner David Irving die Rede. Hochhuth kennt Irving von früher her, als Freund und Lektor, und bestritt, dass man in dem Briten einen Holocaust-Leugner sehen dürfe. "Idiotisch" sei eine solche Sicht. Damit allerdings lag Hochhuth komplett falsch, und er hat seinen Irrtum auch mittlerweile eingesehen, hat ihn bereut, sich selbst als idiotisch bezichtigt und öffentlich erklärt, er schäme sich für seine Äußerung. Man sollte meinen, mehr Buße sei nicht nötig.

Für die Deutsche Verlagsanstalt aber kam diese Reue zu spät. Deren Verleger Jürgen Horbach fand, Rolf Hochhuth sei zu weit gegangen und könne nun nicht mehr in einem Verlag veröffentlichen, "der selber sehr viele jüdische Autoren im Programm hat". Zwar hat keiner dieser Autoren sich empfindlich gezeigt und den Ausschluss Hochhuths verlangt, und auch Paul Spiegel, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat nach Hochhuths Reue das Kriegsbeil begraben und bekundet, dass er das Werk des Dramatikers ja doch seit langem verehre. Aber die DVA bleibt bei ihrem Rückzieher. Sie signalisiert damit der Öffentlichkeit, Hochhuth sei ein politisch untragbarer Autor.

An dieser Geschichte sind zwei Dinge wirklich deprimierend. Das eine ist, wie hierzulande aus den Juden ein strategisches Argument gemacht wird. Das gilt übrigens für beide Seiten, für Hochhuth ebenso wie für den DVA-Verleger Horbach. Liest man das Interview Hochhuths in der "Jungen Freiheit", so erfährt man, dass Hochhuth glaubt, David Irving habe eine jüdische Mutter. Das ist auch der wesentliche Punkt, warum er Irving vom Vorwurf des Holocaust-Leugnens meint freisprechen zu können. Also: Hochhuth argumentiert, Irving sei ein Guter, denn schließlich sei er selber ein halber Jude. Und Horbach argumentiert, er könne Hochhuth nicht drucken, denn er habe jüdische Autoren im Verlag. Dass Irving nichts von seiner angeblichen jüdischen Abkunft wissen will und dass auf der anderen Seite auch kein jüdischer Autor bei der DVA etwas gegen Hochhuth hat, das alles kümmert keine der beiden Parteien. Man kann daran sehen, wie in Deutschland die Ausdrücke "jüdisch" und "Jude" nur noch taktisch verwendet werden, nämlich dazu, in Diskussionen Punkte zu machen. Und das ist das Erste, was ich deprimierend finde.

Das Zweite schließt direkt daran an. Nicht allein, dass Rolf Hochhuth nun wie mit einer braun befleckten Weste dasteht. Deprimierend ist auch, wie leicht es dem Verleger Horbach fällt, sich aus der zunächst einmal gebotenen Solidarität mit seinem Autor Hochhuth zu verabschieden. Es ist, als gälte dessen Lebenswerk nichts mehr gegen jene verfehlte Äußerung zu Irving. Es hätte der DVA ein Leichtes sein können, unter Hinweis auf Hochhuths Schaffen an seiner Autobiografie festzuhalten. Statt dessen verstärkte man mit der Vertragskündigung den in der Öffentlichkeit aufgekommenen Eindruck, hier sei Antijüdisches im Spiel. Nur noch infam kann man nennen, was "Der Spiegel" in seiner jüngsten Ausgabe treibt. Das Magazin illustriert ein Interview mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der deutschen Juden mit einem Foto von Rolf Hochhuth und fragt in der Bildlegende rhetorisch: "Antisemitismus in akademischen Kreisen?" Das hat rufmörderische Qualitäten. Dabei hat Hochhuth in jenem beanstandeten Interview nun wirklich das Gegenteil eines antisemitischen Auftritts geboten, er beharrte auf der Einzigartigkeit des Holocaust und einer deutschen Kollektivschuld. Doch anscheinend hat Hochhuth durch eine einzige idiotische Äußerung sein Recht auf faire Behandlung verloren. Unserer geistigen Freiheit stellt das ein Armutszeugnis aus.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk