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StartseiteKommentare und Themen der WocheAufgesetztes Mediendrama30.12.2019

Streit um Satire-VideoAufgesetztes Mediendrama

Als der WDR ein Satire-Lied über die Oma als "Umweltsau" veröffentlichte, wurde er zunächst im Netz angefeindet. Jetzt steht der Sender auch wegen seines Krisenmanagements in der Kritik. Vor allem Intendant Buhrow hätte mehr Schneid zeigen müssen, kommentiert Brigitte Baetz.

Von Brigitte Baetz

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Ein Fahrzeug des Westdeutschen Rundfunks (WDR) steht vor dem Funkhaus. (dpa/ Oliver Berg)
Vor den Gebäuden des WDR wurde gegen das Satire-Video demonstriert. (dpa/ Oliver Berg)
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Ein altbekannter Gassenhauer, der schon Generationen zu Nach- und Umdichtungen angeregt hat, wurde im Auftrag des WDR vom sendereigenen Kinderchor neu vertont. Aus der Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt, wurde nun "'ne alte Umweltsau". Das hört sich gesprochen viel schlimmer an als es gesungen klang – und trotzdem wurde das Video dazu vom WDR aus dem Netz genommen.

Anlass war ein Internet-Shitstorm, der auch den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, dazu veranlasste, den Sender zu kritisieren. Auf Twitter schrieb der CDU-Politiker, der übrigens im vergangenen Wahlkampf auch auf Plakaten mit Kind zu sehen gewesen war: "Niemals dürfen Kinder von Erwachsenen für ihre Zwecke instrumentalisiert werden."

Drohungen gegen Mitarbeiter

Der WDR hob eine eigene Sondersendung ins Radioprogramm, im Laufe derer sich Intendant Tom Buhrow meinte einschalten zu müssen, live vom Krankenbett seines 92-jährigen Vaters aus, der, so betonte Buhrow, sein Leben lang hart gearbeitet habe und keine "Umweltsau" sei.

Mal abgesehen davon, dass die Großeltern der singenden Kinder im Alter Tom Buhrows und nicht dem seines Vaters sind, also Vater Buhrow gar nicht gemeint war - wieso hat der WDR-Intendant, der ab dem kommenden Jahr übrigens auch ARD-Vorsitzender ist, eigentlich nicht den Schneid, sich einem Internet-Shitstorm entgegenzustellen und seine Mitarbeiter vor dem Druck aus dem Netz zu schützen?

Mitarbeiter, die inzwischen sogar Morddrohungen bekommen haben. Mitarbeiter, die es am Sonntag aushalten mussten, dass vor den Türen des WDR Menschen demonstrierten, die neben Stiernacken auch Anoraks mit der Aufschrift "Bruderschaft Deutschland" und die Abbildung einer zum Zuschlagen bereiten Faust trugen.

Satire mit treffen und betroffen machen

Dass ausgerechnet die zu jedem Krawall bereite "Bild"-Zeitung heute auf ihrem Titel dem WDR vorwirft, die Generationen in Deutschland spalten zu wollen, setzt diesem aufgesetzten Mediendrama mit Politikbeteiligung die endgültige Satirekrone auf. Wäre es nicht in ihren Konsequenzen so ernst, man müsste die Debatte um den spöttischen kleinen Auftritt des WDR-Kinderchores für die wirkliche Satire halten.

Zwei Fragen stellen sich: Erstens: Haben wir wirklich in Deutschland keine größeren Probleme als ein harmlose Lied, von dem kaum jemand Kenntnis erhalten hätte, wäre in den Sozialen Medien nicht ein Sturm der Entrüstung losgetreten worden? Und zweitens: Wann lernen wir eigentlich, dass es das Wesen der Satire ist, dass sich Menschen davon betroffen, vielleicht sogar getroffen fühlen? Satire, die niemandem weh tut, ist keine Satire, sondern höchstens Unterhaltung.

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