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StartseiteKommentare und Themen der Woche"Keine Tragödie, sondern kollektives Versagen"06.07.2019

Streit um Seenotrettung"Keine Tragödie, sondern kollektives Versagen"

Dass Menschen auf dem Weg nach Europa zu Tausenden sterben, ist seit Jahren eine Tatsache, kommentiert Jan-Christoph Kitzler den deutsch-italienischen Streit um die Sea-Watch 3. Es helfe aber nicht, nur über die italienische Regierung zu schimpfen. Die Flüchtlingskrise könne Europa nur gemeinsam beenden.

Von Jan-Christoph Kitzler

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Carola Rackete (M), deutsche Kapitänin der "Sea Watch 3" im Hafen von Porto Empedocle (Pasquale Claudio Montana Lampo/ANSA/dpa)
Carola Rackete, deutsche Kapitänin der Sea-Watch 3 im Hafen von Porto Empedocle. Ihre Freilassung bezeichnete der italienische Innenminister Matteo Salvini als "Schande". (Pasquale Claudio Montana Lampo/ANSA/dpa)
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Das wissen schon die Kindergarten-Kinder aus der Käfergruppe: Wenn man nur zusammen etwas lösen kann, und einer will nicht mitmachen, dann gibt es ein Problem. So ist das gerade auch zwischen Deutschland, zwischen Europa und Italien. Mit dem kleinen Unterschied: es geht hier nicht um Kindergartenspiele, sondern um Leben und Tod. 

Und es geht auch nicht einfach nur um eine Flüchtlingskrise: Dass Menschen auf dem Weg nach Europa immer noch zu Hunderten, zu Tausenden sterben, ist seit Jahren schon eine Tatsache. Das ist keine Krise, sondern ein anhaltendes, strukturelles Problem, keine Tragödie, sondern ein kollektives Versagen. 

Italien hat viele Jahre lang viele Menschen gerettet

Am Prinzip hat sich nichts geändert: Menschen begeben sich auf die Flucht, sie fliehen vor Krieg und Terror, vor Folter und Vergewaltigung, vor Verfolgung und Unterdrückung, vor dem Klimawandel und vor Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit. Die Verzweiflung dieser Menschen ist so groß, dass sie den Tod in Kauf nehmen und dass auch viele sterben: in der Sahara, in den libyschen Lagern, oder auf dem Mittelmeer. Allein dort sind seit Jahresbeginn schon wieder fast 700 Menschen ertrunken. 

Wollen wir, können wir das hinnehmen? 

Und jetzt sind wir wieder bei der Käfergruppe: Italien hat viele Jahre lang viele Menschen gerettet, sie aufgenommen – freilich ohne das Problem zu lösen, denn das geht nur zusammen, in Europa. Doch da hat man sich lange zurückgehalten. Und auch deshalb wurde die jetzige Regierung in Rom gewählt, die nicht mehr mitspielen will. Sie schließt die Häfen des Landes und kriminalisiert die, die auf dem Mittelmeer unterwegs sind, um zu retten.

"Mit einem Salvini lässt sich das Problem nur schwer lösen"

Zum Beispiel Carola Rackete und ihre Crew von der Sea-Watch 3. Matteo Salvini, der rechtsnationale Innenminister hält Rackete für eine Kriminelle und macht in seiner Wut auch vor den italienischen Richtern nicht halt. Deren Entscheidung, die Deutsche zunächst auf freiem Fuß zu lassen, bezeichnete er als "Schande". Mal ganz abgesehen davon, dass er damit ein seltsames Verständnis von der Unabhängigkeit der Justiz offenbart: Mit einem Salvini lässt sich das Problem nur schwer lösen. Es sei denn, einem sind die vielen Toten egal. 

Natürlich ist es richtig, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier deutliche Worte gefunden hat. Italien sei ein Gründungsstaat der Europäischen Union, sagte er – da dürfe man erwarten, dass man mit so einem Fall anders umgehe. 

Ja, das darf man. 

Aber zur Wahrheit gehört dann auch, dass Deutschland, dass Europa sich an die eigene Nase fassen muss. Denn was ist denn passiert, um das Thema ernsthaft anzugehen? Um zu verhindern, dass sich Menschen überhaupt auf den Weg machen?

Deutschland hat zu lange weggeschaut

Europa tut zu wenig, um die Lage in den Staaten südlich der Sahara zu verbessern und die Menschen dort zum Bleiben zu bewegen. Europa hat keine Strategie für Libyen – die Lage dort, also vor den Toren Europas verschlechtert sich immer mehr – und damit auch die Lage der Flüchtlinge dort. Europa tut zu wenig um Konflikte zu lösen wie in Syrien, oder um die Folgen des Klimawandels abzumildern. Europa tut zu wenig gegen die Verzweiflung der Menschen, die einfach nur weg wollen. 

Auch Deutschland hat zu lange weggeschaut, schaut immer noch weg. Und die schönen Reden über die Europäischen Werte gelten offenbar nur bis an die Strände von Lampedusa oder Sizilien. 

In der Käfergruppe lernen die Kleinen, was zu tun ist: Damit alle mitspielen, müssen alle an einem Strang ziehen, ein gemeinsames Ziel haben. Und wer nicht mitspielen will, wie Italien, dem muss man Angebote machen. Da hilft es nichts, über die italienische Regierung zu schimpfen, die natürlich nicht hilfreich ist. Aber: sie ist demokratisch gewählt und gehört nun mal dazu.

Sonntagsreden helfen da nichts. 

Aber das Problem ist: Deutschland und Europa sind gerade viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Da zeigt man lieber mit dem Finger auf andere. So bewegt sich nichts. So geht das Sterben weiter.

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