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StartseiteKultur heute"Es darf keinen Bildersturm geben"28.05.2019

Streit um Wittenberger "Judensau""Es darf keinen Bildersturm geben"

Wie soll man mit antisemitischen Bildern an historischen Bauten umgehen? Muss man sie entfernen? Über das "Judensau"-Relief an einer Kirche in Wittenberg wird heftig gestritten. Die Kunsthistorikerin Insa-Christiane Hennen sagte im Dlf, solche Bilder müssten bleiben - aber erklärt werden.

Insa-Christiane Hennen im Gespräch mit Antje Allroggen

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Die antisemitische Skulptur an der Sankt Marien Kirche in Wittenberg (dpa/picture alliance)
"Judensau" - die antisemitische Skulptur an der Sankt Marien Kirche in Wittenberg (dpa/picture alliance)
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Antje Allroggen: Die Stadtkirche Lutherstadt Wittenberg ist eine kunst- und kulturhistorisch bedeutsame Kirche: Sie ist eine Predigtkirche der Reformation. Hier wurde die Heilige Messe zum ersten Mal in deutscher Sprache gefeiert und das Abendmahl erstmals in beiderlei Gestalt ausgeteilt. Eine Hallenkirche, Ende des 12. Jahrhunderts zum ersten Mal urkundlich erwähnt, zudem UNESCO-Weltkulturerbe. In der Kirche befindet sich der sogenannte Reformations-Altar von Lucas Cranach dem Älteren und seinem Sohn. Auf der Mitteltafel ist das "Letzte Abendmahl" zu sehen - mit Martin Luther als Junker Jörg, und auch die Predella zeigt Luther.

Bekannt ist auch die plastisch-bildhafte Darstellung der sogenannten "Judensau", an der südlichen Außenwand der Kirche deutlich sichtbar. Das Sandsteinrelief aus dem Jahr 1280 zeigt eine Sau, an deren Zitzen Menschen saugen, die leicht als Juden zu identifizieren sind. Ein Rabbiner blickt der Sau unter den Schwanz in den After. Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Berlin hatte per Klage erreichen wollen, dass die Plastik entfernt wird. Juden würden durch die Darstellung erniedrigt. Ende vergangene Woche hatte daraufhin das Landgericht Dessau-Roßlau entschieden, dass die Plastik bleiben dürfe. Sie stelle keine Beleidigung dar und könne deshalb hängen bleiben.

Heute geht in Wittenberg eine Expertentagung zu Ende, die sich der hitzigen Debatte angenommen hat, die auch nach der Urteilsverkündung nicht abzuebben scheint. Wie heftig und kontrovers wurde denn über den Wittenberger Fall diskutiert? Das habe ich die Wittenberger Kunsthistorikerin Insa-Christiane Hennen heute Nachmittag gefragt, die an der an der Tagung teilgenommen hat.

Sehr aufgeheizte Stimmung

Insa-Christiane Hennen: Es war insofern kontrovers, als die Befürworter einer Abnahme des Objekts sich sehr stark gemacht haben und das aus sehr verschiedenen Perspektiven, also unter anderem psychoanalytischer Perspektive, damit auseinandergesetzt haben. Weniger kontrovers war es eigentlich nur insofern, als die Befürworter des Verbleibs in der Minderzahl waren.

Allroggen: Spiegelt nicht ganz den Richterspruch sozusagen, den es dazu gab, wider.

Hennen: Nein, also eine sehr aufgeheizte Stimmung durchaus, wobei versucht wurde, das dann in den Diskussionen doch zu versachlichen, sagen wir mal so.

Allroggen: Um das Ganze einordnen zu können und zu verstehen, warum das so eine angeheizte Debatte ist, muss man dann ja doch zurückgehen und die Rezeptionsgeschichte ein bisschen aufrollen. Lassen Sie uns mal 1280 beginnen, in diesem Jahr wurde das Relief gefertigt. Hatte das damals schon eine judenfeindliche Intention?

Hennen: Latent bestimmt, aber man muss dazusagen: Es war eher im Sinne einer Fremdenfeindlichkeit, denn es war ein Werk, das für eine christliche Gemeinde geschaffen wurde. Also die Juden, die in der Stadt in der Zeit lebten, hatten keinen Zutritt zu dem eingefriedeten Kirchhof - also konnten das Objekt gar nicht sehen. Und die Juden waren gleichzeitig die einzigen Fremden sozusagen, das heißt: eigentlich die einzige Gruppe, gegen die man sich abgrenzen konnte, wenn man sich abgrenzen wollte.

Relief war Teil eines Bildprogramms

Allroggen: Das heißt, dass sich das Relief damals an anderer Stelle befand als heute.

Hennen: Es hat sich damals an einer anderen Stelle am Kirchengebäude befunden, also wahrscheinlich auf der Nordseite. Jetzt ist es auf der Südseite. Wichtig ist, dass es Teil eines Bildprogramms war.

Allroggen: Und erst später kam eine Inschrift hinzu, die man heute auch noch sehen kann.

Hennen: Genau, und das ist eigentlich der springende Punkt, und das ist auch das, was die "Wittenberger Sau" von anderen vergleichbaren Darstellungen unterscheidet. Das Objekt wurde 1570 versetzt und dann mit zwei Inschriften auf der Außenseite ergänzt. Und auf der Innenseite in einem sehr besonderen Raum: Dort wurde auch eine Inschrift angebracht.

Allroggen: Jetzt müssen Sie uns noch eben sagen, was auf dieser Inschrift überhaupt zu lesen ist.

Polemik gegen Katholiken und Juden

Hennen: Die Inschriften auf der Außenseite sind einerseits eine sehr lange lateinische Inschrift, die sich gegen die Katholiken richtet. Dort heißt es sinngemäß: "Dies ist mein Bethaus, das Martin Luther 1517 von den papistischen Räubern gereinigt hat". Also eine starke Polemik gegen die Katholiken. Und über der Figurengruppe mit der Sau befindet sich die Inschrift "Rabini Schemhamphoras". Das ist ein direkter Bezug auf die Schrift vom Schemhamphoras, die Martin Luther 1543 veröffentlicht hat und wo er sagt, dass der Jude beziehungsweise der Rabbiner im Hintern der Sau seinen Talmud erkenne. Das ist die göttliche Wahrheit, und das ist natürlich wirklich nicht mehr eigentlich zu überbieten an Polemik gegen Juden und ist dann in dem Moment auch wirklich stark judenfeindlich und sehr zugespitzt. Also viel schlimmer in der Aussage als eben 1280.

Allroggen: Wenn die Figurengruppe, wie Sie es gerade geschildert haben, schon zu Luthers Zeiten eine antisemitische Neudeutung erfahren hat, warum hat man sich nach Luther nie damit befasst? Oder hat man das getan?

Hennen: Das hat man getan, indem man diese lutherische Deutung gewissermaßen zur verbindlichen Aussage dieser Gruppe erklärt hat.

Fixierung auf Luther als Held

Allroggen: Ist denn all das nicht aufgefallen, jetzt zu den großen Jubiläumsfeiern im Lutherjahr, die ja auch in Wittenberg stattfanden? Ich meine: Die Debatte um die Sau gibt es ja schon seit einiger Zeit.

Hennen: Die Forschung hatte sich früher, also bis vor zwei Jahren würde ich sagen, mit den Inschriften und dem Schwein nicht intensiver beschäftigt. Und wir haben – also wir: meine Kollegen und ich an der Stiftung Leucorea – haben uns in den letzten zehn Jahren mit der ganzen Stadt beschäftigt. Und in diesem Zusammenhang wurde auch klar, dass diese Fixierung auf Luther als Helden im 16. Jahrhundert einsetzt - und die überschattet die ganze Rezeption der Reformationsgeschichte und auch der Stadtgeschichte.

Bildersturm ist keine Lösung

Allroggen: Die Wittenberger Kirche ist ja nicht die einzige Kirche in Deutschland mit einem sogenannten Schmähbild. Es gibt ja durchaus weitere drastische Darstellungen - etwa auch im Kölner Dom oder in Königslutter. Was passiert denn jetzt mit all diesen Darstellungen nach der Wittenberger Debatte? Muss das alles weg oder darf das alles bleiben?

Hennen: Also ich glaube, als Kunsthistoriker und Denkmalschützer kann ich natürlich nur dafür plädieren, dass es bleibt. Es ist aber natürlich ganz wichtig, dass diese Bildwerke erklärt werden und dadurch dann auch wieder eine historische Distanz ermöglichen. Natürlich könnten wir uns heute nur davon distanzieren, von diesen Aussagen. Aber wir dürfen nicht zulassen, dass das dann zu einer Art Bildersturm führt. Die Probleme, dass es auch heute antisemitische Haltungen gibt, lassen sich damit natürlich nicht lösen, dass man solche mittelalterlichen Objekte beseitigt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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