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StartseiteDlf-MagazinStreng gläubig07.10.2010

Streng gläubig

Die evangelikale St.-Martini-Gemeinde in Bremen

Was ist konservativ? In der St.-Martini-Gemeinde in Bremen bedeutet dies vor allem Bibeltreue. So sind die Gleichstellung von Mann und Frau und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften für Pastor Olaf Latzel ein Graus.

Von Christina Selzer

Auf der Suche nach den wahren Konservativen. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Auf der Suche nach den wahren Konservativen. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
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Jeden Nachmittag um Viertel nach drei erklingt das Glockenspiel aus dem Turm der St.-Martini-Kirche. Das Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, ein spätgotischer Backsteinbau, liegt zwischen der historischen Altstadt Bremens und der Weser. "Lobet den Herrn" - scheppern die Glocke. Gleich einer Botschaft der Kirchengemeinde - die soll die Schäfchen zu einem gottgefälligen Leben ermahnen.

Pastor Olaf Latzel eilt aus der Kirche. Er hat gerade Besuch von einem Kamerateam des Fernsehsenders Bibel-TV. Eine Serie über alte Kirchen wird gedreht. Passend dazu hat Pastor Latzel ein paar Passagen aus der Bibel vorgetragen. Das Buch der Bücher, spielt im Gemeindeleben eine tragende Rolle. Denn die Gemeinschaft ist evangelikal und bibeltreu.

"Das Konservative ist für mich, das Richtige und Wahre zu bewahren, nicht in einem musealen Charakter, sondern weiterzutragen, als etwas Wertvolles, das Menschen geholfen hat und für die Menschen überlebenswichtig ist. Und nicht jedem Zeitgeist hinterher zujagen und alles Mögliche auszuprobieren. Dass man die grundlegenden Dinge mitnimmt und bewahrt im Glauben, in der Familie und im Vaterland, in dem wir leben."

Glaube, Familie, Vaterland. Die 2000 Jahre alte Botschaft der Glaubensgemeinschaft darf nach dem Willen der Evangelikalen nicht verändert werden. Auch nicht von einem Bundespräsidenten, der sich - so sieht es Pastor Latzel - einem Zeitgeist verpflichtet fühle und den Islam zu Deutschland zähle. Die Rede von Wulff quittiert er mit einem Kopfschütteln.

"Es gibt in Deutschland eine Leitkultur, die ist eben christlich geprägt. Das ist wichtig, dass wir dabei bleiben und die Leitkultur ist ja nicht beliebig, sondern die müssen wir füllen. Das ist ja die Debatte um Werte, die ist ja schon älter als die Rede von Wulff vom Wochenende. Und da gilt es, die Werte zu benennen. Und da ist man in der CDU zu zaghaft gewesen, in den letzten Jahrzehnten und da rächt es sich, dass man keinen klaren Traggrund hat, der christlich ist. Und dieses Christlich-Konservative fehlt auch in der Politik."

Der 42-Jährige wirkt modern: Seine kurzen dunklen Haaren sind gegelt, er trägt dunklen Anzug und dunkles Hemd, er könnte auch als Bankangestellter oder Inhaber einer Werbeagentur durchgehen. Mit seinen blauen Augen fixiert er sein Gegenüber genau. Auf keinen Fall möchte der Pastor falsch verstanden werden. Im vergangenen Jahr sorgte er für Aufsehen, weil er die Pastorin einer Bremer Gemeinde, die auf einer Trauerfeier in der St.-Martini-Kirche sprechen wollte, nicht auf die Kanzel ließ. Die Rolle der Frau, betont Latzel aus tiefer Überzeugung, sei in der Bibel eindeutig formuliert.

"Es gilt aber das Bild zu bewahren, diese Rollenbeschreibung, die die Bibel liefert, die für die Frau ein sehr positives ist. Auch für den Mann ein positives ist, von den Funktionen her, nicht von ihrem Sein als Sünder, die alle Menschen sind. Da können wir nicht über das biblische Menschenbild von Mann und Frau ein anderes Menschenbild stellen, das sich Menschen aus eigener Überlegung zusammengezimmert haben."

"Gender-Mainstreaming" sei so eine Ideologie. Allein bei dem Wort verzieht der Pastor das Gesicht. Die Gleichstellung von Mann und Frau, wie sie von der rot-grünen Bremer Landesregierung eingefordert wird und ebenso die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften, für Latzel ein Graus:

"In der Bibel wird klar Homosexualität verurteilt. Wie andere Dinge auch: Wie Geldgier oder Ehebruch verurteilt wird oder wenn ich meinen Nächsten nicht gut behandele. Es wird gesagt, es ist Gott nicht wohlgefällig, nein, es ist Gott ein Gräuel, so wird das deutlich gesagt."

Yvonne Kipp, die sich in ihrer Kirchengemeinde sehr engagiert, steht hinter dieser Haltung:

"Und ich hätte auch ein Problem damit, was ja auch im Trend liegt, die Frage, Kinder bei gleichgeschlechtlichen Ehen, habe ich als Mutter von zwei Kindern ein Problem. Selbst wenn man es losgelöst sieht von allen Wertedebatten, ist das Verständnis, das man den Kindern vermittelt, das halte ich für problematisch."

Als die 42jährige nach Bremen kam, entschied sie sich wegen der Bibeltreue für St. Martini. Hier fühlt sie sich aufgehoben. Sich selbst bezeichnet Yvonne Kipp als konservativ. Für ihren Geschmack hat sich die CDU in ihrer Spitze zu sehr vom Konservativen wegbewegt.

"Es gibt die konservativen Elemente, von denen ich mich auch vertreten fühle durch die CDU. Aber was zurzeit wirksam nach außen dringt durch die Personen, die in hohen Ämtern sind, wie die Bundeskanzlerin oder der Bundespräsident, die vertreten nicht aus meiner Sicht viele konservativen Werte."

Ärzte, Handwerker, Krankenschwestern. In der St.-Martini-Gemeinde sind alle Berufs- und Altersgruppen vertreten. 1.356 Mitglieder zählt die Gemeinde. Und im Gottesdienst am Sonntag sitzen im Durchschnitt 300 Menschen in der Kirche. Bei ihnen kommt die klare Botschaft, der strenge Glauben offenbar an.

""Ich glaube, es gibt eine tiefe Sehnsucht, weil Menschen in den anderen Konzepten nicht glücklich sind, auch wenn sie sich betäuben können in einem hedonistischen Lebensstil, der sagt: 'Meine eigene Lust, meine eigene Freude ist das oberste Prinzip und ich orientiere mich nicht an Werten, ich orientiere mich nicht an Normen, sondern allein was mir wohlgefällig ist.' Das wird eine Zeit lang gelingen, und dass andere dadurch Schaden nehmen, ist auch klar. Aber irgendwann werde ich sagen, das ist nicht die Erfüllung. Das ist nicht das, wofür ich da bin","

doziert der Pastor einer Predigt gleich. Werte und Normen - dafür stehen die erzkonservativen Evangelisten.

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