Dienstag, 18.02.2020
 
Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteInformationen am MorgenUnmut gegen Ultraorthodoxe16.11.2017

Strenggläubige in IsraelUnmut gegen Ultraorthodoxe

Ultraorthodoxe Juden in Israel haben bisher erfolgreich ihre Privilegien verteidigt - wie etwa die Befreiung vom Wehrdienst. Doch der Unmut gegenüber die Strenggläubigen wächst. Viele russischsprachige Israeli finden, dass die Ultraorthodoxen zu einer Bedrohung der Demokratie im Land geworden sind.

Von Sabine Adler

Ultraorthodoxe Juden im Viertel Mea She'arim in Jerusalem schauen während des Purimfestes am 13. März 2017 zu, als eine Soldatenpuppe im Zuge eines Protestes extremisitscher Ultraorthodoxer gegen den Wehrdienst von einem Gebäude hängt. (imago / ZUMA Press)
Anstatt zu arbeiten, widmen sich Ultraorthodoxe in Israel auf Staatskosten ihren Studien oder der Kinder-Erziehung (imago / ZUMA Press)
Mehr zum Thema

Israelische Regierung Der Einfluss der Ultraorthodoxen

Flugblätter in Israel Geld als Belohnung für die Beschimpfung religiöser Soldaten

Judentum Und plötzlich ist alles anders

Als "Schickse", also unreine Nichtjüdin, wird hier eine israelische Soldatin in Jerusalem beschimpft von wütenden ultraorthodoxen Demonstranten, die mit ihrer Straßensperre gegen den Armeedienst protestieren. Die Männer mit den Schläfenlocken in schwarzen Mänteln und schwarzen Hüten verweigern die Wehrpflicht, die bald auch für sie gelten soll, sie bespucken die junge Soldatin stellvertretend für die Armee. Gewaltsame Zusammenstöße wie diesen gab es unlängst wieder öfter, sie werden in Israel heftig kritisiert, unter anderem von der großen russischsprachigen Minderheit. Die 29-jährige Tanja ist empört.

"Ich finde, dass sie sich nicht richtig verhalten, schließlich habe ich auch in der Armee gedient. Wenn es Israel weiter geben soll, dann muss man seinen Wehrdienst leisten. Diese Ultraorthodoxen betrachten sich nicht als Teil der Gesellschaft, wollen aber Vergünstigungen und Hilfen in Anspruch nehmen."

Missbilligung der Extrawürste für die Ultraorthodoxen

Ähnlich wie Tanja, die die regulären zwei Jahre Wehrpflicht hinter sich brachte, sieht es die Programmiererin Nomi Gutenmacher. Die 59-Jährige hat sieben Kinder, alle waren bei der Armee. Ihr missfällt das Verhalten der Ultraorthodoxen.

"Sie leben ein sehr einfaches Leben, okay. Aber auch das finanziert ihnen jemand, und zwar unter anderem ich. Aber noch schlimmer finde ich das mit der Armee, dass sich meine Kinder in Lebensgefahr begeben, ihre aber nicht."

Ex-Soldatin Tanja mit Sohn (Deutschlandradio / Sabine Adler)Ex-Soldatin Tanja mit ihrem Sohn (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Die Zahl der Ultraorthodoxen ist auf 800.000 gestiegen, zehn Prozent der Bevölkerung. Damit studieren immer mehr Männer fast ausschließlich die Thora, anstatt zu arbeiten. Sie verstehen sich als die echten Bewahrer des jüdischen Glaubens. 1949, als Ben Gurion Verteidigungsminister war, ersparte er ihnen den Dienst an der Waffe, doch damals handelte es sich nur um etwa 400 Mann. Mit der Ausnahme soll in einem Jahr Schluss sein, laut einer Verfügung des Obersten Gerichts. Das hat allerdings früher schon ähnlich entschieden.

Die russischsprachigen jüdischen Immigranten missbilligen die Extrawürste für die Ultraorthodoxen, sehen in ihnen gar eine Bedrohung für Israels Demokratie, weiß die Soziologin Larissa Remennick von der Universität Tel Aviv. Sie schließt sich dieser Meinung an:

"Natürlich, ich halte sie für eine sehr große Gefahr für Israels Zukunft, der größte Teil der Russischsprachigen findet ihren Einfluss problematisch. Er ist überproportional groß, in der Knesset oder in der Regierung. Fast keine Koalition kommt zustande ohne die Ultraorthodoxen."

In der Gruppe der russischsprachigen Einwanderer wächst der Unmut

Zev Cychowicz bezeichnet sich als Haredi, einen Strenggläubigen. Als Vater von zehn Kindern lehnt er die Wehrpflicht strikt ab, was vor allem am Charakter der israelischen Armee liege.

"Die Armee ist ein Schmelztiegel. Genau aus diesem Grund wollen wir Ultraorthodoxen nicht dorthin. Denn da kämpfen Soldaten aus ganz verschiedenen Bevölkerungsgruppen Schulter an Schulter und ein hoher Prozentteil unserer Jungen wird von der Armee ohne ihre Kippa zurückkehren."

Ultraorthodoxer Jude Zev Cychowicz mit seiner Mutter (Deutschlandradio / Sabine Adler)Der ultraorthodoxe Jude Zev Cychowicz mit seiner Mutter (Deutschlandradio / Sabine Adler)

Seiner Meinung nach wäre eine Freiwilligenarmee ein Ausweg. Die müsste keinesfalls schlechter sein, wenn man nur die Besten nähme und würde weniger kosten, weil das Berufsheer kleiner wäre.

"Das würde das Problem lösen und es wäre klar, dass die Haredi nicht gebraucht werden."

Der Unmut gegenüber den Strenggläubigen wächst unter den anderthalb Millionen großen Gruppe der russischsprachigen Einwanderer, auch weil das Rabbinat entscheidet, wer von ihnen als echter Jude anerkannt wird und somit in Israel heiraten und beerdigt werden darf. Eine heute überflüssige Prozedur, findet Yael Bier, Übersetzerin und orthodoxe Jüdin. Zugleich schafft sie, was nur die wenigsten können: sich in die Strenggläubigen hineinzuversetzen, ihre Unfreiheit zu erkennen.

"Ihr Leben ist nicht einfach, auf sie wird großer Druck ausgeübt. Nicht jeder ist dafür geeignet, tagaus, tagein die Thora zu studieren, von morgens bis abends, ein Leben lang. Sie haben nur die Alternative ganz auszubrechen. Das ist nicht wirklich eine Wahl, zumindest wenn man weiter Teil seiner Gesellschaft sein möchte. Das ist für sie großer Stress."

Angst vor Verlust des demokratischen Charakters

Alla Dvornik stammt aus Leningrad, hat eine jüdische, aber nicht gläubige Mutter und Großmutter. Auch sie ist keine gläubige Jüdin geworden.

"Ich bin sogar noch mehr antireligiös geworden. Diese Heuchelei! Ich habe verstanden, dass es sehr viele Lügen gibt, dass es mit Realität überhaupt nichts zu tun hat."

"Also der berühmte Spruch: Du musst deinen Nächsten behandeln wie dich selbst. Das ist in der Wirklichkeit nicht so. Alles, was der andere ist, ist niedriger, und von zweiter, dritter Klasse. Das haben wir gesehen, als die äthiopischen Juden aufgenommen wurden. Die sind in Baracken untergebracht worden, außerhalb der Städte, weil sie nicht weiß waren."

Noch ungerechter und undemokratischer empfindet sie das Verhältnis zur palästinensischen Minderheit, die Knesset-Abgeordnete Xenia Swetlowa von der oppositionellen zionistischen Union sieht das genauso:

"20 Prozent der Bevölkerung sind israelische Araber, die täglich mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu tun haben. Wir wollen nicht, dass unser Land seinen demokratischen Charakter verliert, wir sind stolz darauf, dass Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten ist. Ich fände es gut, wenn es weitere gäbe, vor allem aber möchte ich nicht, dass Israel sich in einen geistlichen Staat verwandelt."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk