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StartseiteForschung aktuellStrom aus heißer Luft17.03.2009

Strom aus heißer Luft

Warum das riesige Aufwindkraftwerk in der australischen Wüste nie gebaut wurde

<strong>Technik. - Es sollte ein Symbol der Ingenieurskunst sein, ein neues Wahrzeichen Australiens und ein Plädoyer für die Nutzung erneuerbarer Energien: ein riesiges Aufwindkraftwerk im Outback. Doch bis heute blieb das Vorhaben nur eine Vision.</strong>

Von Ralf Krauter

In Manzanares wurde ein Aufwindkraftwerk erfolgreich erprobt. (Uni-München)
In Manzanares wurde ein Aufwindkraftwerk erfolgreich erprobt. (Uni-München)

Wer Roger Davey 2004 in Melbourne besuchte, traf einen Mann um die 60, der mit funkelnden Augen für seine Vision warb.

"Es wird ein Symbol der Ingenieurskunst sein, ein neues Wahrzeichen Australiens und ein Plädoyer für die Nutzung erneuerbarer Energien. Es spricht alles dafür. Wir müssen nur noch zeigen, dass es sich auch wirtschaftlich rechnet. Und wir sind auf dem besten Weg dazu."

Die Zeit schien damals reif für das gigantische Aufwindkraftwerk, das Sonnenwärme in Wind und diesen in Strom verwandeln sollte. Dass die Idee im Prinzip funktioniert, hatte ein Prototyp im spanischen Manzanares gezeigt. 1982 hatte das Stuttgarter Ingenieurbüro Schlaich-Bergermann dort einen 200 Meter hohen Turm errichtet und seinen Fuß mit einem riesigen transparenten Dach umringt. Bei Sonnenschein entstand unter diesem kreisförmigen Dach ein warmer Wind, der durch den Kamin im Zentrum nach oben pfiff und sieben Jahre lang eine Turbine antrieb. Von Fördergeldern der australischen Regierung ermutigt, begann Roger Davey vor zehn Jahren eine ähnliche Windmaschine im Outback zu planen. Nur viel größer.

"Mit einem Kilometer Höhe wird unser Solarturm das höchste Bauwerk der Welt sein. Die Anlage wird 200 Megawatt Leistung liefern – genug um 200.000 Haushalte mit Strom zu versorgen. Es ist ein ziemlich großes Projekt."

Ziemlich groß - das waren auch die veranschlagten Kosten: 600 Millionen Euro. Immerhin schien das Ganze prinzipiell machbar. Die Technik war simpel, versprach geringen Wartungsbedarf und Strom für zehn Cent pro Kilowattstunde. 2004 gab sich Roger Davey deshalb noch optimistisch, Geldgeber zu finden. Doch auf die wartet man in Melbourne bis heute. Rudolf Bergermann wundert das nicht. Der damals an der Planung beteiligte Experte vom Ingenieurbüro Schlaich-Bergermann erklärt: Schon 2003 sei klar gewesen, dass das Projekt zum Scheitern verurteilt ist.

"Wir hatten mit der größten australischen Baufirma sehr intensiv das Projekt bearbeitet, wussten was es kostet. Die Firma hat bestätigt, dass sie es bauen kann. Wir wären auch bei normalen Finanzierungsbedingungen mit der Einnahme, die in Australien garantiert war, zurecht gekommen. Die Investoren haben dann aber wirklich hohe Risikozuschläge für die erste Anlage gemacht. Und damit hat sich’s dann nicht mehr gerechnet."

Roger Davey versuchte dann, mit einer geschrumpften 50 Megawatt-Variante doch noch ins Geschäft zu kommen. Ohne Erfolg. Auch ein angeblich viel versprechendes Projekt bei Shanghai wurde nie gebaut. Nichts als heiße Luft also? Laut Geschäftsbericht von Roger Daveys Firma Enviromission betrug sein Jahresgehalt 2008 gut 125.000 Euro. Projekte in Nordamerika sollen nun endlich den Durchbruch bringen, verspricht er seinen Aktionären. Für einen Fernsehfilm schwebte der Ex-Börsianer 2007 in einem Heißluft-Ballon über jenes Fleckchen australischer Erde, wo sein Traum Wirklichkeit werden sollte – um symbolträchtig zu suggerieren, die tolle Idee, Strom aus heißer Luft zu machen, werde doch noch Fliegen lernen. Rudolf Bergermann hat schon vor Jahren jegliche Zusammenarbeit mit dem Australier eingestellt. An die Idee glaubt er aber immer noch. Die aktuellen Bemühungen eines südafrikanischen Unternehmens, Milliarden für den Bau eines 1,5 Kilometer hohen 400 Megawatt-Solarturms in Namibia einzuwerben, hält er jedoch für wenig hilfreich.

"Also die Aktivitäten aus Australien und auch jetzt die aus Namibia schaden meiner Ansicht nach der Aufwindkraftwerkstechnologie ganz arg. Denn da sind Projekte, die dann 4,5 Jahre lang durch die Presse geistern, zuletzt hört man dann nichts mehr davon, oder hört vielleicht sogar, dass sie nichts geworden sind, wie jetzt in Australien. Diese Misserfolge, die schaden natürlich der Technologie."

Bergermann zufolge könnte ein 200 Megawatt-Aufwindkraftwerk Strom zu vergleichbaren Kosten produzieren wie heutige Kohle- und Gaskraftwerke. Um das zu beweisen, bräuchte er aber Geldgeber, die 700 Millionen Euro vorstrecken. Doch solche Leute setzen derzeit lieber auf die bestens erprobten Spiegelfelder solarthermischer Parabolrinnen-Kraftwerke.

"Ja, das ist auch unser Problem, ganz eindeutig. Uns läuft da die Zeit davon."

Um besser spät als nie zu starten, planen die Stuttgarter Ingenieure jetzt kleinere 50 Megawatt-Kraftwerke. Die würden nur halb soviel kosten und Strom für rund 20 Cent je Kilowattstunde liefern. Dank großzügiger Einspeisevergütungen in Spanien und anderswo, wäre das immer noch lukrativ. Es könnte die letzte Chance sein. Wenn nicht bald ein kommerzielles Aufwindkraftwerk ans Netz geht, dürfte die Technologie für immer gestorben sein.

Weitere Informationen im Internet:

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