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StartseiteKommentare und Themen der WocheNordlink wird Deutschlands Energieprobleme nicht lösen27.05.2021

Stromtrasse eingeweihtNordlink wird Deutschlands Energieprobleme nicht lösen

Norwegen und Deutschland sind jetzt mit einem dicken Stromkabel verbunden: Nordlink. Jede neue Leitung ist eine gute Leitung, meint Theo Geers - doch: Die deutschen Energiewende-Probleme löst Nordlink nicht. Denn beim innerdeutschen Trassenausbau hinkt das Land dem Bedarf um Jahre hinterher.

Ein Kommentar von Theo Geers

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Das Endstück eines 516 Kilometer langen Seekabels wird von einem Kabelverlegeschiff im Watt unter dem Deich hindurch an Land gezogen. NordLink nennt sich die Stromleitung, die erstmalig die Strommärkte Deutschlands und Norwegens direkt verbinden wird und zum Austausch zwischen deutscher Windenergie und norwegischer Wasserkraft dienen soll. Ende des Jahres 2019 sollen die letzten Arbeiten erledigt sein. (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
Nordlink ist die erste direkte Verbindung zwischen den Stromnetzen Norwegens und Deutschlands (picture alliance / dpa / Carsten Rehder)
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Einen so großen Schritt in Sachen Energiewende machen wir nicht jeden Tag: 623 Kilometer auf einen Schlag. So lang ist das neue Stromkabel, mit dem Norwegen und Deutschland zusammenrücken und über dessen Vorteile es nichts zu diskutieren gibt außer vielleicht der Frage: Warum erst jetzt?

Bei inzwischen 46 Prozent Ökostrom im deutschen Netz braucht ein Industrieland wie Deutschland Puffer. Da wird Nordlink, die neue Stromautobahn am Boden der Nordsee, mit dem jetzt jederzeit verfügbaren Strom aus Wasserkraft für stabilere Verhältnisse sorgen.

Und billiger wird es auch. Hunderte Millionen Euro zahlen Stromkunden Jahr für Jahr auf als Entschädigung, wenn norddeutsche Windmüller ihre Anlagen abschalten müssen, weil gerade zu viel Windstrom erzeugt wird, der mangels Leitungen nicht Richtung Süden fließen kann. Das Geld können sie jetzt sparen, wenn dieser Strom nun in Norwegen Abnehmer findet und später zurückkommt, wenn norwegische Wasserkraftwerke uns beliefern, weil Flaute, Dunkelheit oder beides zusammen hierzulande gerade die Ökostromproduktion drosseln.

Starkstrommasten, Stromleitungen am Umspannwerk Wolmirstedt, Sachsen-Anhalt, Deutschland, Europa *** Power poles, power lines at Wolmirstedt substation, Saxony-Anhalt, Germany, Europe Copyright: imageBROKER/StephanxSchulz iblssz05948651.jpg Bitte beachten Sie die gesetzlichen Bestimmungen des deutschen Urheberrechtes hinsichtlich der Namensnennung des Fotografen im direkten Umfeld der Veröffentlichung! (Imago Images / Imagebroker) (Imago Images / Imagebroker)Stau auf der Stromautobahn
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Jede neue Leitung ist eine gute Leitung

Die deutschen Energiewende-Probleme löst Nordlink damit aber nicht. Das geht schon von den Mengen her nicht. Gut 20 Terrawattstunden Strom hat Norwegen letztes Jahr netto exportiert, das wären 3,5 Prozent des Stromverbrauchs hierzulande, wenn dieser Strom allein nach Deutschland flösse. Es haben aber auch Dänemark und die Niederlande schon Kabel nach Norwegen verlegt, demnächst folgt Großbritannien, Norwegen kann sich seine Abnehmer also aussuchen.

Dennoch: Jede neue Leitung ist eine gute Leitung. Das gilt vor allem für Deutschland selbst. Beim Ausbau der Nord-Süd-Netze hinken wir dem Bedarf um Jahre hinterher. Leitungen, die ursprünglich einmal Ende dieses Jahres fertig werden sollten, damit wir beruhigt im nächsten Jahr die letzten Atomkraftwerke abschalten können, werden frühestens 2026 fertig. Es kann aber auch 2028 werden – und das in Zeiten, in denen inzwischen auch der Kohleausstieg nicht nur beschlossene Sache ist, sondern sogar schneller kommen muss als es der Ausstiegsfahrplan bisher vorsieht.

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Stromverbrauch wird deutlich steigen

Am anderen Ende der Leitungen wird gleichzeitig der Stromverbrauch deutlich steigen, und dieser unbequemen Wahrheit wird sich die nächste Regierung stellen müssen, nachdem die jetzige davor die Augen verschlossen hat. Mehr Strom heißt dann aber auch, mehr Leitungen in den Süden des Landes zu bauen. Wer das nicht will, muss in Süddeutschland mehr Strom selbst erzeugen.

Allein mit den schicken und daher beliebten Photovoltaikanlagen wird es aber nicht nicht gehen. Die neue grün-schwarze Koalition in Stuttgart hat das verstanden: Sie will in den nächsten Jahren 1.000 Windräder in Baden-Württemberg ermöglichen, das entspräche rechnerisch einer großen Überlandleitung. Die spannendere Frage lautet nun: Wann folgt Bayern?

Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

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