Sonntag, 20.10.2019
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten
StartseiteUmwelt und VerbraucherManipulierbar wie Abgasmessungen beim Auto08.10.2015

Stromverbrauch von ElektrogerätenManipulierbar wie Abgasmessungen beim Auto

Die manipulierten Abgastests bei VW haben einen Stein ins Rollen gebracht. Denn womöglich wird nicht nur bei Autotests kräftig getrickst. Experten halten solche Manipulationen auch bei Elektrogeräten in Sachen Stromverbrauch durchaus für denkbar.

Von Dieter Nürnberger

Ein IFA-Besucher betrachtet einen großen Fernseh-Monitor (dpa / picture alliance / Jan Woitas /Wolfgang Kumm)
Schön dieser neue Fernseher. Aber stimmen auch die Werte zum Energieverbrauch? (dpa / picture alliance / Jan Woitas /Wolfgang Kumm)
Mehr zum Thema

Manipulationen bei VW Erste Ingenieure wohl geständig

Volkswagen Seit Jahren gewarnt?

Zweifel an der Verlässlichkeit der Energieverbrauchswerte bei Elektrogeräten gibt es schon länger. Was auch mit der - aus Sicht vieler Experten - nur unzureichenden Kontrolle zusammenhängt. Europaweit gibt die Ökodesign-Richtlinie den Rahmen vor. Als Konsequenz daraus müssen die Hersteller die Verbrauchswerte ihrer Elektrogeräte bestimmen lassen und darüber informieren. Das passiert über das inzwischen recht bekannte Energielabel mit den farbigen Balken und der Einordnung in eine bestimmte Energieeffizienzklasse.

Die EU überlässt die Kontrolle den Mitgliedsstaaten, in Deutschland ist diese Marktaufsicht Ländersache. Ausgeübt werde sie jedoch nur selten, sagt Agnes Sauter, Leiterin der Abteilung Verbrauchschutz bei der Deutschen Umwelthilfe. "Wie uns mitgeteilt wurde, haben im letzten Jahr nur drei Bundesländer Labortests bei Fernsehgeräten zur Überprüfung der Herstellerangaben durchgeführt. Angesichts der Tatsache, dass mehr als 2.000 Fernsehgeräte-Modelle auf dem deutschen Markt verfügbar sind, ist diese behördliche Kontrolle unzureichend."

Gegenwärtig wird verstärkt auf die Verbrauchswerte bei Fernsehern geschaut. Die EU-Kommission hat dafür ein Projekt ins Leben gerufen. Hier wurden die Hersteller-Energieangaben durch renommierte Testlabors in mehreren EU-Staaten überprüft. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Zweifel an der Verlässlichkeit der Energiewerte nicht unberechtigt sind. Können auch Fernseher so programmiert werden, dass sie in vorgeschriebenen Tests einen geringeren Verbrauch anzeigen als im Normalbetrieb? Ja, sagt Holger Brackemann von der Stiftung Warentest, er zieht eine Parallele zum gegenwärtigen Abgas-Skandal- bei VW. "Das ist auch vergleichbar zu dem Vorwurf, den wir jetzt bei den Fernsehern hören: Da gibt es ein bestimmtes Video, mit dem der Energieverbrauch gemessen wird. Dieses Video ist in der Norm definiert. Nun kann man sich vorstellen, dass der Fernseher dieses Video erkennt und dann seine Helligkeit herunterregelt. Und damit einen günstigeren Energieverbrauch abliefert."

Britische Medien haben bereits einen der Marktführer, den Hersteller Samsung mit einem solchen Vorgehen in Verbindung gebracht. Der Konzern wehrt sich: Eine solche Funktion sei auch bei verkauften Fernsehern installiert. Sie schalte sich ab, wenn der Nutzer die Einstellungen ändere. Von Manipulation könne deshalb keine Rede sein. 

Die EU-Kommission will derartige Vorwürfe nicht kommentieren. Man werde aber die Ergebnisse der Labor-Studie noch im Oktober mit den zuständigen Behörden der Mitgliedstaaten erörtern. Anna-Kaisa Itkonen ist Sprecherin für den Bereich Klima und Energie. Die Vorgaben der EU-Ökodesign-Richtlinie würden ständig überprüft und wenn nötig angepasst. 2016 seien weitere Schritte geplant: "Wir schlagen eine Klarstellung vor, sodass Produkte, die sich unter Testbedingungen anders verhalten, als nicht konform eingestuft werden."   

Warentester Holger Brackemann sieht ohnehin Nachholbedarf. Dadurch, dass die Testbedingungen bei der Überprüfung der Energiewerte normiert seien, entstünden für die Hersteller gewisse Spielräume bei den vorgeschriebenen Energieangaben, "dass der Anbieter sein Produkt genau auf diese Bedingungen hin optimiert. Und bei etwas anderen Bedingungen das Produkt dann gar nicht mehr so energieeffizient ist. Das ist zum Beispiel bei Waschmaschinen der Fall. Da haben wir relativ günstige Energieverbräuche in diesen sogenannten Label-Programmen - das sind die Programme, die für die Messungen verwendet werden. Sobald ich aber ein anderes Programm wähle, kann der Energieverbrauch deutlich ansteigen - bis hin zum Doppelten."

Die Stiftung Warentest hofft, dass die vorgeschriebenen Prüfbedingungen künftig öfter modifiziert werden. Unternehmen hätten dann weniger Möglichkeiten zu tricksen. Dies sei man den Verbrauchern schuldig. In einer Umfrage des Bundesumweltministeriums von 2014 gab immerhin knapp die Hälfte der Befragten an, dass sie beim Kauf von Haushaltsgeräten stets die energieeffizienteste Alternative auswählen. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk