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StartseiteTag für TagDas Phantombild Gottes20.09.2018

Studie amerikanischer PsychologenDas Phantombild Gottes

Ein kumpelhafter zugewandter recht junger Mann. So stellen sich US-amerikanische Christen Gott vor. Das hat eine Studie von Psychologen einer Universität in Chapel Hill im US-Bundesstaat North Carolina ergeben. Kann das funktionieren? Kann man von Gott einfach ein Phantombild anfertigen?

Von Ada von der Decken

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So stellen sich die Studienteilnehmer Gott vor (Kurt Gray)
So stellen sich die Studienteilnehmer Gott vor (Kurt Gray)
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Wie würde er aussehen, wenn Gott einer von uns wäre? Und würden wir es überhaupt wissen wollen, fragt Joan Osborne in ihrem Song "One of us"

Ein Forscherteam von der Universität North Carolina ist dieser Frage nachgegangen. 500 US-amerikanische Christen nahmen an der Studie teil. Sie bekamen je zwei Bilder von Gesichtern zur Auswahl - verfremdet mit einem Rauschfilter. So ähnelten sie Zeichnungen von Phantombildern. Diese Phantombilder wurden den Teilnehmern vorgelegt. Insgesamt 300 Mal musste sich jeder Teilnehmer zwischen zwei Bildern entscheiden: Welches sieht eher wie Gott aus? Herausgekommen ist ein überraschendes Bild. Kurt Gray hat die Studie geleitet. Er zitiert ein Magazin, das so umschreibt, wie dieser Phantom-Gott aussieht:

"Dieser Gott sieht aus wie ein Pastor in der Jugendarbeit. Gott sieht aus wie einer, der sich um Jugendliche kümmert und verhindern will, dass sie Alkohol trinken. Aber wenn sie es doch tun, dann bitte schön dort, wo sie sicher sind - also im Untergeschoss der Kirche."

"Gott war einfach immer ein Mann"

Ein relativ junger, weißer Mann mit einem zugewandten Ausdruck, mit einem freundlichen Zwinkern in den Augen.
Das entstandene Bild Gottes hat nichts von Michelangelos ernstem Gott mit dem schlohweißen Haar.

"Nein, danach sieht er ganz und gar nicht aus. Dieser überlieferte Gott ist distanziert, kühl und wertend. Davon hat der Gott, den die Amerikaner in unserer Studie gesehen haben, rein gar nichts. Dieser Gott ist warmherzig und geht auf Dich zu, will Zeit mit Dir verbringen."

Das Ergebnis hat die Forscher überrascht – ebenso wie ein anderer Zusammenhang. Der ermittelte Gott war in vielerlei Hinsicht ein Spiegel der Befragten:

"Alte Menschen stellten sich einen alt aussehenden Gott vor. Auch die Hautfarbe hat Einfluss. Afro-Amerikaner stellten sich eher einen Afro-Amerikaner vor. Der Gott attraktiver Menschen war attraktiver. Aber eine Sache, sticht heraus: Egal wen wir gefragt haben – ob Frau oder Mann - Gott war immer männlich. Das Geschlecht hatte keinen Einfluss: Frauen haben in Gott nicht einmal weiblichere Gesichtszügen gesehen. Er war einfach immer ein Mann."

Ist Gott unsichtbar?

Auch die politische Haltung der Befragten spiegelt sich im Ergebnis wider. Menschen, die von sich selbst sagen, sie seien konservativ, sehen einen strengeren Gott. Befragte, die sich zum liberalen politischen Spektrum zählen, sehen jemanden mit weicheren Zügen.

"So God not only is a projection of kind of your own appearance but also a projection of what you need in a deity in some sense."

Das Bild von Gott ist hier also nicht nur eine Projektion des eigenen Aussehens, sondern spiegelt auch die eigenen Bedürfnisse wider, sagt Studienleiter Gray.

Joan Taylor sieht die Studie kritisch. Sie ist Historikerin und Theologin, Professorin am Londoner King's College: Aus ihrer Sicht sei es problematisch, Gott ein Gesicht zu verpassen.

"Gott kann nicht in so etwas wie ein Bild gefasst werden. Das ist das klassische Verständnis. Gott kann nicht dargestellt werden, Gott ist nicht sichtbar. In jüdischer, christlicher und islamischer Theologie gibt es auch die Idee, dass Gott unsichtbar ist."

Insgesamt positiv aufgenommen

Die Theologin hat sich in ihrer Forschung umfassend mit dem Bild Jesu auseinandergesetzt. Gerade ist ihr Buch dazu erschienen: "What did Jesus look like?". Wie sah Jesus aus? Also jener Mann, von dem Christen glauben, er sei Sohn Gottes. Den Ansatz der amerikanischen Psychologen, mit einem Steckbrief nach dem Aussehen Gottes zu fragen, findet sie zwar problematisch, sieht im Ergebnis aber auch Parallelen zur eigenen Arbeit. Was unser Jesus-Bild auszeichnet:

"Egal welche Hautfarbe: Jesu Gesicht wird immer als sehr ebenmäßig beschrieben. Die Augen sehr symmetrisch. Diese Gleichmäßigkeit im Gesicht wird als Perfektion gedeutet. Dieses Ergebnis ist also nicht überraschend."

Beschwerden habe es durchaus auch in den USA gegeben, räumt Kurt Gray, der Macher der Studie, ein. Einige Hassmails hätten ihn erreicht. Er sei froh, dass er nicht nach dem Aussehen des Propheten Mohammeds gefragt habe. Eine Folgestudie zum Thema sei im Übrigen nicht geplant.

Insgesamt wurde das Ergebnis aber gut aufgenommen: Wir haben ja auch nicht behauptet: Schaut, so sieht Gott aus. Sondern eher: So stellen sich Amerikaner Gott vor.

Ein recht junger Mann mit gleichmäßigen Zügen und einem freundlichen zugewandten Gesichtsausdruck. Das Bild eines alten, richtenden Gottes verflüchtigt sich, sollte diese US-Studie Recht haben.

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