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StudieFast 2 Millionen Menschen bewerben sich um bedigungsloses Grundeinkommen

Ein Anwohner wirbt für ein Bedingungsloses Grundeinkommen mit einem Plakat im Fenster. (imago)
Viele Menschen bewerben sich um eine Teilnahme an der Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen (imago)

Fast zwei Millionen Menschen haben sich bislang um eine Teilnahme an der neuen Studie zum bedingungslosen Grundeinkommen beworben.

Das ist der Webseite des Vereins "Mein Grundeinkommen" zu entnehmen. Demnach sind bislang über 1.902.600 Bewerbungen eingegangen (Stand: 15.09.2020, 21:25 Uhr). Wegen der starken Nachfrage hatte die Initiative bereits im August erklärt, die Zahl der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer erhöhen zu wollen. Bei Bekanntgabe der Studie hieß es noch, sobald eine Million Bewerber zusammengekommen seien, beginne ein Auswahl- und Auslosungsprozess. Die Bewerbungsfrist endet am 10.11.2020.

In der Langzeitstudie will der Verein "Mein Grundeinkommen" zusammen mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Wirkung eines bedingungslosen Grundeinkommens prüfen. Dazu sollen mindestens 120 Menschen ab dem kommenden Frühjahr drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro erhalten. Das benötigte Geld wird von Spendern aufgebracht, die es als Schenkung an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auszahlen. Eine Bewerbung zur Teilnahme sei bis zum 10. November weiterhin möglich, hieß es. Bewerben kann sich, wer seinen ersten Wohnsitz in Deutschland hat und mindestens 18 Jahre alt ist.

Was die Studie zum Bedingungslosen Grundeinkommen herausfinden will

Jeden Monat 1.200 Euro erhalten, ohne Gegenleistung, ohne Bedürftigkeit - zu einem solchen Bedingungslosen Grundeinkommen würde wohl kaum jemand "Nein" sagen. Doch welche Auswirkungen auf die Menschen hätte ein solches System? Die großangelegte Studie will dies herausfinden.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Verein "Mein Grundeinkommen" haben das Forschungsprojekt in Berlin auf den Weg gebracht. Es ist in drei Teile gegliedert - und nur wenn im ersten Teil Effekte nachgewiesen werden, geht es weiter.

Was soll in Teil eins erforscht werden?

Ziel des Modellprojekts ist es, die Wirkung der Zahlung auf den Einzelnen und Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben zu erforschen. Dabei steht im Zentrum, ob und wie sich ein bedingungsloses Grundeinkommen auf die Berufstätigkeit und das Wohlbefinden der Testpersonen auswirkt. Es soll untersucht werden, ob der Mensch nur handelt, wenn er dafür Anreize und Belohnungen erhält. Im Fokus stehen auch die psychologischen Aspekte, etwa ob das Grundeinkommen hilft, Stress zu verringern und in der Folge die Lebenszufriedenheit und gesellschaftliches Engagement erhöht. Professor Jürgen Schupp vom DIW sagt allerdings, das Feldexperiment werde keineswegs sämtliche offene Fragen beantworten können.

Wie läuft die Studie ab?

Von Frühjahr 2021 an erhalten mindestens 120 Menschen jeweils drei Jahre lang ein Grundeinkommen in Höhe von 1.200 Euro pro Monat. Wer seinen ersten Wohnsitz in Deutschland hat und mindestens 18 Jahre alt ist, kann sich bewerben.

Die Studie protokolliert nicht nur das Leben der 120 Personen, die das Grundeinkommen bekommen, sondern auch von Personen in einer Kontrollgruppe. Um überprüfen zu können, ob Verhaltensänderungen wirklich auf das Grundeinkommen zurückzuführen sind, soll das Leben und Empfinden einer Person mit dem eines "statistischen Zwillings" abgeglichen werden, erklärt Schupp. Die Personen eines Zwillingspaares sollten sich demnach im Idealfall ausschließlich in einer Frage unterscheiden: Grundeinkommen oder nicht? Im Blick steht dann etwa das Arbeitsleben, die Finanzen, der Bereich Familie und soziale Kontakte der Teilnehmenden. Untersucht werden auch mögliche psychische Veränderungen. Zur Analyse des Stresslevels sollen Haarproben ausgewertet werden.

Finanziert wird die Aktion durch Spenden von mehr als 140.000 Privatpersonen. An der wissenschaftlichen Begleitung sind neben dem DIW auch das Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern sowie die Universität Köln beteiligt.

Zeigt der erste Teil Effekte, soll es in Teil zwei um Auswirkungen eines Mindesteinkommens gehen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem Einkommen von unter 1.200 Euro sollen dafür Zuschüsse erhalten. In Teil drei geht es dann um die Finanzierung eines Grundeinkommens durch Besteuerung des zusätzlichen Einkommens.

Warum braucht man die Studie?

Das Bedingunglose Grundeinkommen wird seit Jahren immer wieder diskutiert - vor allem unter der Annahme, dass die Digitalisierung mittelfristig zu weniger Jobs im Land führen könnte. Auch durch die Corona-Krise und die damit verbundene Rezession wurden Stimmen laut, die ein Bedinungsloses Grundeinkommen fordern, teilweise auch als befristete Krisenhilfe. Gegnerinnen und Gegner halten das Modell meist nicht für finazierbar oder nehmen an, dass mit einem Grundeinkommen kaum noch ein Arbeitsanreiz besteht. Ausführliche Argumente und Positionen verschiedener Akteure - und auch die Einschätzung unserer DLF-Wirtschaftsredaktion - finden Sie hier.

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten wurden bereits einige Projekte und wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema realisiert. Nach Ansicht von Schupp seien ihre Erkenntnisse für die heutige Debatte aber wenig brauchbar. Eine kürzlich veröffentlichte Metastudie belege, dass etliche Experimente in OECD-Ländern vorzeitig abgebrochen wurden oder aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammen und gar nicht den Grad der Globalisierung und Digitalisierung abbildeten, den es heute gebe. Ein im vorletzten Jahr abgeschlossenes finnisches Experiment liefere Erkenntnisse nur über die Effekte auf erwerbslose Menschen.

Diese Nachricht wurde am 15.09.2020 im Programm Deutschlandfunk gesendet.