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StartseiteComputer und KommunikationFür ältere Menschen fehlen digitale Angebote10.03.2018

StudieFür ältere Menschen fehlen digitale Angebote

Rund 20 Millionen ältere Menschen bleiben laut einer neuen Studie bei der Digitalisierung auf der Stecke. Dabei sei weniger das Problem, dass Senioren sich dem Internet generell verweigerten, so die Autoren. Vielmehr fehlt es an passenden Angeboten für diese Zielgruppe.

Von Carina Fron

Eine Seniorengruppe macht einen Computerkurs (picture alliance/dpa/Katja Sponholz)
Senioren-Computer-Clubs können helfen, älteren Menschen den Zugang zum Internet zu erleichtern (picture alliance/dpa/Katja Sponholz)
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Manfred Kloiber: 20 Millionen ältere Menschen bleiben bei der Digitalisierung in Deutschland auf der Strecke. Zu diesem Befund kommen der Bremer Informatiker Herbert Kubicek und die Berliner Techniksoziologin Barbara Lippa in einer Studie. Die beiden haben sich mit der "Nutzung und dem Nutzen des Internets im Alter" beschäftigt und in einem Buch "Empirische Befunde zur Alterslücke und Empfehlungen für eine responsive Digitalisierungspolitik" gegeben. Meine Kollegin Carina Fron hat sich mit der Studie und dem Buch der beiden beschäftigt. Carina, wie kommen die beiden denn auf 20 Millionen digital abgehängte ältere Menschen?

Carina Fron: Für diese Zahl haben Kubicek und Lippa nicht nur eine Statistik bemüht, sondern sich mehrere angeschaut: Zum Beispiel die ARD-ZDF-Studie aus den vergangenen Jahren und Zahlen des Statistischen Bundesamtes.  In den Statistiken stechen vor allem die über 70-Jährigen heraus. Laut den Forscher sind allein das zehn Millionen Menschen, die das Internet noch nie genutzt haben. Dann gibt es zehn Millionen über 60-Jährige, die noch nie im Netz eingekauft haben.

Somit wollen die beiden auf 20 Millionen ältere Menschen kommen, die von der Digitalisierung abgeschnitten sind. Ob man dieser Rechnung folgen will, sei dann mal dahingestellt.

Bisher kaum Erhebungen zum Thema

Kloiber: Aber diese Zahlen sind ja nur ein Teil der Studie. Was haben Sie in dem anderen Teil gemacht?

Fron: Beide Autoren sind Teil der Stiftung Digitale Chancen. Dort wird seit 2002 an den Folgen der Digitalisierung geforscht.

Deswegen haben sie sich angeschaut, welche Schwierigkeiten diese Menschen mit dem digitalen Alltag haben. Zu diesem Thema gibt es nämlich kaum Erhebungen. Von Juni 2016 bis Mai 2017 haben Kubicek und Lippa dafür über 300 ältere Menschen in insgesamt 30 Einrichtungen besucht: in Seniorenheimen oder Seniorentreffs. Alle in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und Manchen. Dort wurden die älteren Menschen erst einmal zu ihren Erwartungen an das Internet befragt. Dann gab es für jeden Teilnehmer ein Tablet - Leihgerät mit vorinstallierten Apps für acht Wochen. Dazu mussten die Einrichtungen einen regelmäßiges Begleitangebot aus Tablet-Kursen oder Notfallsprechstunden sicher stellen.

Kloiber: Wie schwierig das Internet für die Generationen 70 Plus sein kann, das haben wir uns einmal genau angesehen.

"Ich möchte einfach über den Computer und den Gebrauch des Computers immer mehr erfahren. Das sind zum Teil auch Techniken, die ich selber gar nicht anwende. Aber ich weiß, dass es existiert und wenn darüber gesprochen wird, kann ich so ein kleines Bisschen mitreden."
Ingrid ist gelernte Sängerin. Mit dem Computer hatte die 73-Jährige in ihrem Alltag bislang nur wenig Berührungspunkte. Inzwischen ist das anders. Seit fünf Jahren besucht die Seniorin einmal die Woche den Senioren-Computer-Club Berlin-Mitte.
Die Angst, etwas falsch zu machen

"Die Senioren, die hier die Schwelle übertreten, sie merken, dass sie sich ein Stück weit von Entwicklungen abkoppeln. Das ist angekommen. Und sie wollen lernen",

meint Günther Voss. Er ist Koordinator des Senioren-Computer-Clubs und hält, obwohl er selbst schon auf die Siebzig zugeht, regelmäßig Kurse ab. Da steht er den Senioren bei allen Fragen rund um den Computer und das Internet zur Seite. Viele Neulinge in seinen Kursen hätten zunächst große Angst, etwas falsch zu machen.

"Wir versuchen zu vermitteln, dass man, wenn man nun nicht gerade mit dem Hammer draufschlägt oder eine Cola über die Tastatur kippt, eigentlich nichts kaputt machen kann."

Die Angst etwas falsch zu machen, aber auch die Scheu, um Hilfe zu bitten - das sind Gründe, warum sich so viele Senioren in Deutschland nicht mit dem Internet beschäftigen, meint Barbara Lippa. Die Techniksoziologin wird bei ihrer Arbeit für die Stiftung "Digitale Chancen" immer wieder mit Berührungsängsten konfrontiert.

"Naja, sie hören ja allerlei in den Medien über fehlenden Datenschutz, über Datenklau, über Sicherheitsmängel in den Anwendungen. Sie hören von Viren, von Trojanern. All diese Begrifflichkeiten, die sie auch nicht wirklich verstehen. Das macht natürlich Angst."

Die Senioren sehen auch vieles als Bedrohlich an, was ihnen das Leben erleichtern könnte: etwa das Onlinebanking oder auch ein Einkaufsbummel im World Wide Web. Studien haben gezeigt, dass die Risikobereitschaft mit zunehmendem Alter sinkt. Auch Ingrid ist hier vorsichtig.

"Das Bezahlen. Da habe ich immer meine Schwierigkeiten. Da suche ich nach Möglichkeiten, dass ich das direkt machen kann. Obwohl ich Internetbanking mache, über meine Kasse sozusagen. Der vertraue ich, dass das in Ordnung geht. So ohne Weiteres kann das nicht geknackt werden und ich glaube, da habe ich auch zu wenig Geld, als dass ich interessant wäre."

Es gibt zahlreiche Ratgeber für Senioren für den Umgang mit dem Internet

Günter Born hat schon zahlreiche Ratgeber für Senioren im Umgang mit dem Internet geschrieben. Er glaubt, dass die Senioren im Bezug auf das Internet nicht zwingend hinterher hinken:

"Mein Eindruck ist: Die Leute, die persönlich einen Vorteil für sich sehen, die sind längst im Internet. Egal, ob die nun 50, 60, 70, 80 sind."

Auch Barbara Lippa hält es für einen Fehlschluss, dass ältere Menschen nicht am Internet interessiert sind. Vielmehr hat sich in der gemeinsamen Studie mit Informatiker Herbert Kubicek gezeigt, dass Senioren sehr wohl die Vorteile des Internets für sich selbst sehen. Nur oft mangelt es an passenden Beratungsangeboten.

"Keine der Anwendungen, die wir als seniorengerecht einstufen, braucht Breitband. Den Netzausbau muss man vorantreiben, aber das Haupthindernis für die Digitalisierung breiter Bevölkerungsschichten ist nicht die Bandbreite, sondern das sind jeweils zielgruppenspezifische Angebote."

Barbara Keck von der Bundesarbeitsgemeinschaft Senioren-Organisationen e.V., kurz Bagso, glaubt, dass Deutschland hier noch ein großes Problem hat. Gerade einmal die Hälfte der über 65-Jährigen ist im Netz unterwegs. Das zeigte eine Auswertung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2016. Damit landet Deutschland auf Platz sieben. Weit abgehängt durch Dänemark, Luxemburg und die Niederlande mit über 80 Prozent Senioren im Netz. Der Grund für Keck von der Bagso:

"Was aber noch total fehlt in Deutschland ist, dass wir so eine Art Struktur haben. Das wir mal ein Curriculum entwickeln: Wie können Ältere an das Internet herangeführt werden. Und wenn sie einmal im Internet sind: Wie können sie immer die neuen Entwicklungen mitverfolgen?"

Und das fordern auch die Studienautoren Barbara Lippa und Herbert Kubicek.

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