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StartseiteForschung aktuellPolitiker sind risikoaffiner als Durchschnittsbürger18.06.2018

Studie Politiker sind risikoaffiner als Durchschnittsbürger

Deutsche Politikerinnen und Politiker lieben das Risiko - im Gegensatz zum Durchschnittsbürger. Zu diesem Ergebnis kommt eine breit angelegte Studie. Das muss nicht unbedingt eine schlechte Nachricht sein, meint Studienautor Moritz Heß. Das Ergebnis sei durchaus positiv zu interpretieren, sagte er im Dlf.

Moritz Heß im Gespräch mit Ralf Krauter

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Geschäftsmann hält Geldscheine und steht vor einem Wirrwarr aus Pfeilzeichen  (imago stock&people)
Berufsbedingt gehen Politiker eher Risiken ein als deutsche Bürgerinnen und Bürger im Alltag (imago stock&people)
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Ralf Krauter: "Volksvertreter sind risikofreudiger als das Volk", so der Titel der Pressemeldung zu einer groß angelegten Studie zum Risikoverhalten deutscher Politiker, für die Soziologen hunderte Landtagsabgeordnete und Mitglieder des Bundestages befragt haben. Die Ergebnisse machen hellhörig. Denn wenn die Volksvertreter tatsächlich anders ticken, als der Normalbürger, treffen sie möglicherweise Entscheidungen, die gar nicht im Sinne jener sind, deren Interessen sie vertreten. Ist das nun also gut oder schlecht, wenn Politiker im Mittel risikofreudiger sind, als das Volk, das sie vertreten?

Moritz Heß: Man kann das durchaus kritisch sehen. Politikerinnen und Politiker, die risikoaffiner sind, die können ja dann durchaus Entscheidungen treffen, die ihre Wählerinnen und Wähler so nicht getroffen hätten, die aber nicht nur die Politiker betreffen, sondern auch das Volk. Also man könnte hier durchaus von einem Repräsentationsdefizit sprechen.

Wir interpretieren die Befunde aber positiv. Wir sagen, dass es in einer Demokratie Checks and Balances gibt - also beispielsweise die Opposition, wir haben Gewaltenteilung, die Politikerinnen und Politiker müssen sich auch alle vier bis fünf Jahre der Neuwahl stellen -, und dass das sozusagen dämpfende, abschwächende Mechanismen sind, die die Politikerinnen und Politiker, die so risikoaffin sind, im Zaum halten. Wir sprechen da durchaus von einer sinnvollen – in Anführungsstrichen – "Arbeitsteilung" zwischen Wählerinnen und Wählern und Politikerinnen und Politikern.

Krauter: Wie sind Sie vorgegangen, um die Risikobereitschaft von Deutschlands Abgeordneten zu quantifizieren?

Heß: Wir haben im Winter 2011 und im Sommer 2012 die Bundestagsabgeordneten und die Abgeordneten aus vier Landtagen – das sind die Landtage Berlin, Brandenburg, Niedersachsen und Baden-Württemberg – schriftlich befragt. Die haben einen Fragebogen zugeschickt bekommen, und in diesem kurzen Fragebogen waren Fragen dazu enthalten, wie risikoaffin, wie risikofreudig sie sind. Also beispielsweise wurden sie gefragt im Generellen: Wie risikofreudig sind Sie? Und durften dann auf einer Skala von null bis zehn antworten. Null heißt gar nicht risikofreudig, und zehn heißt sehr risikofreudig.

Die Parlamentarier debattieren im Plenum im Bundestag. Der Deutsche Bundestag berät in seiner Sitzung unter anderem über die Parteienfinanzierung und über den Familiennachzug. (picture alliance/dpa - Michael Kappeler)Bundestag (picture alliance/dpa - Michael Kappeler)

Diese Fragen sind auch im sozioökonomischen Panel enthalten. Das sozioökonomische Panel ist eine repräsentative, jährlich stattfindende Befragung in Deutschland. Und so war ein Vergleich zwischen Wählerinnen und Wählern und Politikerinnen und Politikern auf der anderen Seite möglich.

Ergebnis ist nicht vom Zufall getrieben

Krauter: Das Ergebnis Ihrer Analyse lautet: Politikerinnen und Politiker sind risikofreudiger. Sie kommen auf einen sogenannten Risikoscore von 6,2 im Durchschnitt, während der Durchschnittsbürger nur auf 4,7 kommt. Wie ist diese Differenz zu interpretieren? Wie groß ist die und wie bedeutsam im praktischen Leben?

Heß: Also wir kommen auf das Ergebnis, dass diese Differenz tatsächlich statistisch signifikant ist, das heißt, nicht vom Zufall getrieben ist. Durch die statistische Methode des Matchings kontrollieren wir auch auf konfundierende, verzerrende Einflüsse durch beispielsweise Geschlecht, Bildung oder Einkommen. Man könnte auch sagen, dass mehr Politiker Männer sind, und Männer sind risikoaffiner, und deswegen sind Politiker risikoaffiner. Aber diese potenziell verzerrenden Einflüsse können wir durch die Methode des Matchings kontrollieren, und wir sagen, dass dort tatsächlich ein signifikanter Unterschied besteht und Politikerinnen und Politiker dann auch bereit sind, riskantere Entscheidungen zu treffen als beispielsweise ihre Wähler und Wählerinnen. Wir haben zusätzlich noch ein Quasi-Lotterie-Experiment im Fragebogen eingebaut. Da wird man gefragt: Man hat 100.000 Euro zur Verfügung und könnte diese 100.000 Euro anlegen, und mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit werden die verdoppelt, mit einer 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit ist das Geld komplett weg. Und auch bei dieser Frage zeigt sich, dass die Politikerinnen und Politiker eher bereit wären, Geld anzulegen als ihre Wähler und Wählerinnen. Das heißt, auch beim tatsächlichen finanziellen Umgang zeigt sich eine höhere Risikobereitschaft.

Krauter: Mich persönlich hat ja überrascht, dass die Volksvertreter offenbar sogar risikofreudiger sind als selbstständig Berufstätige. Hat Sie das auch überrascht?

Heß: Also wir hatten tatsächlich damit gerechnet, dass Politikerinnen und Politiker risikoaffin sind. Wir waren überrascht, dass die Werte so stark auseinandergehen. Unsere Theorie, die dahintersteht, ist die der beruflichen Selektion. Also Sie hatten ja jetzt schon die Selbstständigen angesprochen. Die Idee ist, dass es manche Berufe gibt, die mit mehr Risiko verbunden sind - also beispielsweise die Selbstständigkeit ist mit mehr Risiko verbunden als die Beamtenkarriere. Und wir haben die Hypothese aufgestellt, dass der Beruf in der Politik auch sehr stark mit Risiken verbunden ist. Also auf der einen Seite müssen Sie die Ochsentour machen, durch die Parteigremien sich durchkämpfen, und auf der anderen Seite ist nicht gewiss, ob Sie es tatsächlich bis ganz nach oben schaffen werden - also in den Bundestag oder ein Ministerium.

Auf dem Level der Politikerinnen und Politiker, die wir hier befragt haben, ist der Beruf auch sehr belastend. Also sie müssen viel arbeiten, sie müssen lange arbeiten, sie müssen praktisch das gesamte Wochenende durcharbeiten. Und frühere Studien zeigen auch, dass er mit starken gesundheitlichen Risiken verbunden ist, also Stichwort Burn-out, aber auch körperlich sehr, sehr belastend. Also wir sagen, der Beruf des Politikers ist mit einem hohen Risiko verbunden und zieht daher risikoaffine, risikosuchende Menschen an.

Krauter: Aber könnte man nicht auch anders argumentieren? Die Politiker, die Sie befragt hatten, waren ja schon Abgeordnete, hatten ihre Schäfchen also sozusagen im Trockenen und trugen insofern kein finanzielles Risiko, als sie ja nur Entscheidungen für Investments trafen, für die andere die Zeche bezahlen, nämlich der Steuerzahler?

Heß: Ja, Sie müssen natürlich sehen, dass diese Politikerinnen und Politiker, die wir befragt haben, auch alle vier bis fünf Jahre sich zur Neuwahl stellen müssen, die müssen in den parteiinternen Gremien schauen, dass sie auf die Listen draufkommen. Das heißt, die berufliche Zukunft ist dort auch nicht ganz so sicher. Und in den Fragen, die wir gestellt haben, wurde auch tatsächlich nach privatem Investment gefragt. Also es wurde nicht danach gefragt, was würden Sie mit dem Geld des Landes machen, sondern was würden Sie mit dem privaten Geld machen. Auch dort zeigt sich eine höhere Risikobereitschaft.

Krauter: Also man kann aus Ihrer Analyse nicht rauslesen, warum Politiker manchmal offenbar erstaunlich leichtfertig mit Steuergeldern um sich werfen?

Heß: Das könnte man nicht. Man könnte natürlich sagen, dass sie auch bei politischen Entscheidungen ein wenig risikoaffiner sind und deswegen dort vielleicht ein wenig leichtfertiger, wie Sie das gesagt haben.

"Wir haben noch keine Studie gefunden, die ähnliche Analysen gemacht hat"

Krauter: Haben Sie Vergleiche zu anderen Ländern, sind dort ähnliche Risikowerte gemessen worden?

Heß: Wir haben tatsächlich noch keine Studie gefunden, die ähnliche Analysen gemacht hat. Wir sind die Ersten, müssen jetzt mal schauen, wir hoffen darauf, dass die Daten in anderen Ländern repliziert werden. Es gibt Studien aus den USA, die qualitativ die Risikobereitschaft von Politikern untersuchen und zu ähnlichen Ergebnissen kommen wie wir. Mit einer so umfänglichen Befragung sind wir tatsächlich einzigartig.

Krauter: Wie sieht es denn im Umfeld der Politiker aus? Da gibt es ja Zuarbeiter, Beamte der Ministerialbürokratie zum Beispiel. Sind die denn ähnlich risikoaffin wie ihre Chefs oder agieren die vorsichtiger und wirken sozusagen dämpfend?

Heß: Ja, also wir haben auch im Jahr 2014 Spitzenbeamte aus den Ministerien befragt und finden dort eine geringere Risikoneigung als bei den Politikerinnen und Politikern. Insofern könnte man sagen, dass auch diese dämpfend, abfedernd wirken auf die risikobereiten Politiker. Und so könnte man diese auch tatsächlich zu dem Checks-and-Balances-System dazuzählen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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