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StartseiteInterview"Die Migranten sind die Sündenböcke"21.02.2018

Studie über AfD-Wähler"Die Migranten sind die Sündenböcke"

Nicht die Angst vor Überfremdung, sondern Hoffnungslosigkeit stecke hinter dem Wahlerfolg der AfD, sagte Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Dlf. Die Politik müsse die "Protestwähler" in den strukturschwachen Regionen ernst nehmen, forderte Fratzscher.

Marcel Fratzscher im Gespräch mit Christiane Kaess

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. (imago / IPON)
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung unter Leitung von Marcel Fratzscher hat in einer Studie untersucht, in welchem Umfeld die AfD bei der Bundestagswahl besonders gut abgeschnitten hat (imago / IPON)
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Schon seit den ersten Wahlerfolgen der AfD wird geforscht, wer wählt sie und warum. Einiges wissen wir bereits über AfD-Wähler, zum Beispiel, dass es mehr Männer sind als Frauen oder dass die Partei vor allem bei Männern zwischen Mitte 30 und Ende 50 gut ankommt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlicht heute eine Studie, in der untersucht wurde, in welchem Umfeld die AfD bei der Bundestagswahl besonders gut abgeschnitten hat, und noch vor der Veröffentlichung der Ergebnisse können wir jetzt darüber sprechen mit Marcel Fratzscher. Er ist Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Guten Morgen!

Marcel Fratzscher: Guten Morgen.

"Es hängt sehr stark mit der Altersstruktur zusammen"

Kaess: Es gibt ja schon Studien zu AfD-Wählern. Was haben Sie anders gemacht?

Fratzscher: Für uns war die Frage nicht unbedingt, wer sind die Menschen, sondern die Frage, in welchen Regionen leben die Menschen, die die AfD wählen. Häufig ist ja der Eindruck, die sind in Ostdeutschland deutlich stärker, die Ostdeutschen wählen die mehr als die Westdeutschen. Das ist auch zu vereinfacht. Für uns war die Frage, in welchen Regionen leben die, welche Charakteristika haben die, und da finden wir natürlich auch große Unterschiede innerhalb von Ostdeutschland und innerhalb von Westdeutschland.

Kaess: Was sind die Unterschiede, die da besonders hervorstechen zwischen Ost und West?

Fratzscher: Das Wichtigste für uns war, dass wir finden, es hängt sehr stark einmal mit der Altersstruktur zusammen. Wahlkreise, in denen besonders viele alte Menschen leben, besonders wenig junge Menschen leben, haben einen deutlich höheren Anteil, die für AfD wählen. Wahlkreise, in denen es wenig relativ sichere Jobs gibt, wenig große Unternehmen gibt, Industrieunternehmen gibt, sondern eher kleine Unternehmen, viele Menschen selbständig sind, beispielsweise Handwerksbetriebe haben, dort wählen die Menschen deutlich häufiger AfD. Wir interpretieren das so, dass gerade in Wahlkreisen, die wirtschaftlich auch über die Zukunft große Sorge, große Unsicherheit haben, gibt es morgen noch gute Jobs, was passiert mit den jungen Leuten, die weggehen, in diesen Wahlkreisen, in denen die Unsicherheit, auch die wirtschaftliche Unsicherheit hoch ist, sehen wir einen deutlich höheren Anteil an AfD-Wählern als in solchen Wahlkreisen, wo es wirtschaftlich gut geht, wo sichere Jobs da sind, wo es einen hohen Industrieanteil gibt, wo vor allem junge Menschen leben.

"Es sind auch nicht per se Arbeitslose"

Kaess: Im Westen, habe ich gelesen, war auch das niedrigere Haushaltseinkommen eine entscheidende Größe. Unterstützt das die These der Abgehängten?

Fratzscher: Es unterstützt die These der Abgehängten. Aber uns war wichtig zu sagen, wir müssen genauer hinschauen. Und zu sagen, AfD-Wähler sind Menschen mit geringen Einkommen, das passt nicht. Es sind auch nicht per se Arbeitslose. Auch das finden wir. Man kann nicht sagen, je ärmer, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass jemand AfD wählt. Sondern es sind wirklich gerade diese Zukunftsängste. Menschen, die in einem Umfeld leben, in dem es einfach wirtschaftlich bergab geht, in denen die Unsicherheit hoch ist, hier entstehen Ängste und da ist dann der Anteil der AfD-Wählerschaft deutlich höher als in anderen Regionen, wo es wirtschaftlich besser läuft.

Kaess: Was haben Sie rausgefunden im Zusammenhang mit der Ausländerquote zu diesen AfD-Ergebnissen?

Fratzscher: Interessanterweise wissen wir natürlich, dass in Ostdeutschland der AfD-Anteil deutlich höher ist, aber hier eigentlich weniger Ausländer leben. Auch das haben wir uns genau angeguckt und wenn man genauer analysiert, hält dieses Resultat nicht mehr so. Auch in Westdeutschland ist es nicht so, dass in solchen Regionen, die entweder einen sehr hohen oder sehr niedrigen Anteil an ausländischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen haben, mehr AfD wählen. Eine genaue Analyse zeigt, eigentlich spielt das keine Rolle, sondern es sind eher wirklich sozioökonomische Faktoren, Zukunftsaussichten, die eine Rolle spielen. Ob da jetzt viele oder wenige Ausländer leben, das spielt eigentlich kaum eine Rolle.

"Hoffnungslosigkeit ist eigentlich der wichtige Grund"

Kaess: Es galt ja bisher zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung ein bisschen als der Hauptgrund für den Aufstieg der AfD: die Flüchtlingskrise. Legt denn Ihre Studie jetzt nahe, wenn Sie sagen, es geht vor allem um wirtschaftliche Faktoren, die AfD wäre zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, wenn es die sogenannte Flüchtlingskrise überhaupt nicht gegeben hätte?

Fratzscher: Ja, genau, und das ist das interessante Resultat. Eigentlich ist die Antwort nein. Es geht nicht um die Frage, wird Deutschland überfremdet, sondern häufig liegt es nahe, dass die Geflüchteten, die Migranten eher die Sündenböcke sind und der wirkliche Grund dahinter ein anderer ist, nämlich sozioökonomische Faktoren, Zukunftsängste, abgehängt sein, regionale Unterschiede, die immer größer werden. Gerade wenn Sie in einer Region oder in einem Wahlkreis leben, in denen die jungen Menschen weggehen, weil sie sagen, ich habe hier keine Perspektive mehr, ich finde hier keinen Job, ich möchte hier nicht leben, und die älteren Menschen zurückbleiben, dann entsteht viel Frustration, auch Hoffnungslosigkeit, und das ist eigentlich der wichtige Grund. Und klar, dann nimmt man natürlich gerne jemanden, der nichts dafür kann, und missbraucht diese Person als Sündenbock für die eigenen Sorgen und Ängste. Das ist zumindest, was unser Resultat nahelegt. Wir finden keinen systematischen Zusammenhang zwischen dem Anteil der Ausländer, die in einem Wahlkreis leben, und der Wählerschaft oder dem Wahlanteil für die AfD.

"Eine ordentliche Infrastruktur zur Verfügung stellen"

Kaess: Jetzt haben Sie, Herr Fratzscher, in dieser Studie auch Empfehlungen an die Politik formuliert. Wie sehen die aus?

Fratzscher: Zum einen muss man erst mal fragen, wieso haben so viele für AfD gewählt, was steht dahinter. Und wenn es eine Protestwahl ist – und das legen auch unsere Resultate nahe, dass es gerade Menschen in abgehängten Regionen sind, in Regionen, die wirklich Zukunftsängste haben -, dann ist das ein klares Signal, dass die Politik diese Ängste ernst nehmen muss und bisher diese Ängste nicht ernst genug genommen hat.

Kaess: Heißt mehr in diese Regionen zu investieren, oder?

Fratzscher: Mehr in diese Regionen zu investieren, erst mal eine ordentliche Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Es sind natürlich gerade auch immer ländliche Wahlkreise, wo die Ängste besonders hoch sind und die Protestwahl besonders stark ist. Mehr in Infrastruktur investieren, in gute Schulen, dass junge Menschen bleiben können, in gute Bildungs- und Qualifizierungseinrichtungen, so dass Menschen auch da wieder wissen, hier kann ich bleiben, Krankenhäuser, Verkehrsanbindung, versuchen, Unternehmen dort anzusiedeln, dass gute Jobs entstehen. Und wir sehen ja, die Schere geht eher weiter auf. Die regionalen Unterschiede in Deutschland werden größer, die werden nicht kleiner. Es ist jetzt auch nicht unbedingt ein Ost-West-Gefälle, sondern eher auch ein Nord-Süd-Gefälle. Das deutet auch an, man kann nicht sagen, das sind jetzt nur die Ostdeutschen. Das wäre einfach falsch und viel zu einfach.

"Sehr starke Verbindung zwischen abgehängt sein und Protestwahl"

Kaess: Herr Fratzscher, jetzt kann ich mir vorstellen, dass AfD-Wähler an dieser Stelle sagen, die AfD ist doch eine demokratisch gewählte Partei, warum braucht man eigentlich Programme oder Handelsempfehlungen an die Politik gegen sie.

Fratzscher: Das ist keine Handlungsempfehlung an die Politik, wie sie die AfD bekämpfen kann, sondern unser Wochenbericht, unsere Analyse sagt, wo leben gerade Menschen, die abgehängt werden, und was sind die Charakteristika oder die Eigenschaften dieser Regionen und dieser Wahlkreise. Und zu sagen, wenn man diese Protestwähler ernst nehmen will und deren Sorgen adressieren will, dann muss man genau hinschauen, wo leben diese Menschen, die dieses Gefühl haben, und was kann die Politik tun, und wir sehen diese sehr, sehr starke Verbindung zwischen abgehängt sein, Zukunftssorgen auf der einen Seite und Protestwahl oder großen Änderungen in dem Wahlverhalten von Menschen auf der anderen Seite.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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