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StartseiteForschung aktuellProblem einer zwielichtigen kleinen Nachbarschaft 25.01.2019

Studie zu Fake News auf TwitterProblem einer zwielichtigen kleinen Nachbarschaft

Falschinformationen auf Twitter - seit Donald Trump 2016 im Wahlkampf gezielt Gerüchte über seine Gegenkandidatin Hillary Clinton streute, sind Fake News ein Thema. Ein Untersuchung der US-Wahl zeigt jetzt: Der Kreis der Fake-News-Konsumenten und -Verbreiter auf Twitter ist klein und eng vernetzt.

Von Irmi Wutscher

Mann mit einer Maske macht eine verwirrende Ankündigung. (imago/Ikon Images/Gary Waters)
Sogenannte Supersharer schicken überproportional viele Fake News durch Twitter (imago/Ikon Images/Gary Waters)
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Nur ein sehr kleiner Teil von US-Wählerinnen und -Wählern hat tatsächlich Kontakt zu Fake-News-Seiten über Twitter. Das ist ein zentrales Ergebnis der Studie, die soeben in Science erschienen ist.

Die Forschenden wählten über 16.000 Twitter-Accounts aus, die sie zuvor mit dem US-Wählerverzeichnis verglichen hatten, um sicherzugehen, dass es sich um echte Menschen handelte. Als Fake News definierten sie Tweets mit Links zu Seiten, die aussehen wie seriöse Newsportale – die aber keine journalistischen Standards einhalten.

Für die Studie werteten sie aus, welche Nachrichten diese Accounts während der Zeit des US-Wahlkampfes 2016 über ihren Feed erhielten. Nur fünf Prozent der Newsquellen, die die untersuchten Userinnen und User sahen, stammten überhaupt von Fake-News-Seiten. Und nicht alle sahen gleich viel davon. Nur ein Prozent der User sah achtzig Prozent dieser Fake News, während der Rest fast gar keine zu sehen bekam.

Wenige "Supersharer" schicken die meisten Fake News 

Beim Teilen solcher News wird das Feld noch kleiner, sagt David Lazer, Koautor der Studie:

"Das Share-Verhalten war erstaunlich konzentriert: 0,1 Prozent waren für achtzig Prozent der Shares verantwortlich. Es gibt also "Supersharer", die überproportional viele Fake News durch Twitter schicken."

David Lazer entwirft das Bild einer – wie er es nennt –"zwielichtigen" Nachbarschaft auf Twitter: ein Knoten von Menschen, die hauptsächlich Fake News konsumieren und verbreiten – die aber vom Rest der Twitter Welt relativ abgeschnitten sind.
 
"Das ist wichtig, denn es legt nahe, das Fake News auf Twitter, man darf hier nicht generalisieren, mehr das Problem einer zwielichtigen kleinen Nachbarschaft sind, als eine größere systemische Katastrophe."

Fake-News-Konsumenten und -Verbreiter sind auf Twitter also ein kleiner Kreis, der eng vernetzt ist. Daher sollte es für Plattformen wie Twitter eigentlich einfach sein, Fake News zu unterbinden. Lazer und Kollegen schlagen vor, diese bekannten "Problembezirke" im Auge zu behalten. Denn neue Fake News würden dort am wahrscheinlichsten auftauchen. Und Plattformbetreiber könnten die Algorithmen so einstellen, dass Inhalte von Supersharern benachteiligt werden.

Ähnliches hat ja WhatsApp vor drei Tagen gemacht: Dort kann man eine Nachricht mittlerweile nurmehr an fünfLeute weiterleiten und nicht mehr an 20. So sollen sich Verleumdungen weniger rasant verbreiten. Grund war, dass in Indien Menschen aufgrund von Gerüchten gelyncht worden waren.

Reaktionen der Menschen auf Falschinformationen bleiben unklar

Solche Formen von Gerüchten und Verleumdungen und wie die sich verbreiten, wird mit der vorliegenden Studie allerdings nicht erklärt. Das sagt Derek Ruths, der die Studie in Science kommentiert hat.

"So wie sie Fake News definiert haben, zeigt uns die Studie, wer potenziell Artikel sieht, die keinen journalistischen Standards entsprechen. Was die Studie uns NICHT sagt ist, wie genau Menschen auf Falschinformationen reagieren."

Denn auch wenn Fake News in diesem Sinne ein Nischenphänomen sind – Unwahrheiten gelangen auch auf anderen Wegen in Umlauf.

Ruths verweist auf Pizzagate – das Gerücht, Hillary Clintons Wahlkampfmanager betreibe einen Kinderpornoring in einer Pizzeria: Alle großen US-Medien von New York Times bis NPR fühlten sich berufen, das Gerücht zu widerlegen und Clinton selbst musste es schlussendlich kommentieren.

"Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass alles, was geschrieben wird – egal ob Mainstream oder nicht – ein Gewicht hat. Wir müssen uns also weiter damit beschäftigen, um diesen Effekt zu verstehen."
 

https:www.mcgill.ca/datascience/derek-ruths
http:
www.derekruths.com/

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