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StartseiteForschung aktuellInsektizide schwächen Zugvögel13.09.2019

Studie zu NeonicotinoidenInsektizide schwächen Zugvögel

Wenn Vögel Körner fressen, die zuvor mit Insektiziden behandelt wurden, verlieren die Tiere Appetit und Gewicht. Besonders für Zugvögel sind diese Folgen dramatisch: Sie verbleiben dann länger an ihrem Rastplatz, was ihre Brut- und Vermehrungschancen am Zielort entscheidend verringert.

Von Lucian Haas

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Eine kleine Dachsammer (White-crowned Sparrow, Zonotrichia leucophrys) steht in Bosque del Apache, New Mexico in einer Pfütze. (picture alliance / Arco Images)
Eine neue Studie zeigte den Einfluss von Insektiziden auf Dachsammern - die Zugvögel waren geschwächt und rasteten daher länger (picture alliance / Arco Images)
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Neonicotinoide sollen Samen vor Fraßinsekten schützen. Dafür werden die Samen vor der Aussaat mit dem Insektengift umhüllt. Nur leider fressen auch Vögel gerne Körner.

"Vögel sind diesen Verbindungen laufend ausgesetzt. Wenn Sie Gewebe oder Federn von Vögeln untersuchen, finden Sie Neonicotinoide bei allen möglichen Arten, vom Kolibri bis zum Truthahn, und das in nachweisbaren Konzentrationen."

Imidacloprid im Futter lässt Zugvögel länger rasten

Margaret Eng ist Umwelttoxikologin an der kanadischen University of Saskatchewan. Seit einigen Jahren schon verfolgt sie die Spur der Ackergifte, insbesondere der Neonicotinoide. Weltweit machen diese laut Schätzungen rund ein Viertel des Insektizidmarktes aus. Dass auch wildlebende Vögel ihnen ausgesetzt sind, ist längst klar. Doch was heißt das für Fitness und Verhalten? Margaret Eng machte ein Experiment: Sie fing 36 Dachsammern, das ist eine nordamerikanische Singvogelart, während ihres Vogelzugs auf freiem Feld. Dann fütterte sie ihnen geringe Mengen des Neonicotinoids Imidacloprid, stattete sie mit Mini-Positionssendern aus und ließ sie wieder frei. Anschließend verfolgte sie, wie die Tiere ihren Vogelzug fortsetzten – und zwar im Vergleich mit Dachsammern, die kein Imidacloprid erhalten hatten.

"Wir konnten beobachten, dass die Vögel nach dem Verzehr der Neonicotinoide ihren Appetit verloren – wobei die verzehrte Menge an Imidacloprid nur einigen wenigen damit behandelten Saatkörnern entsprach. Das führte zu einem Verlust an Gewicht und Fettreserven. Am Ende blieben die Vögel länger an ihrem Rastplatz. Im Vergleich zu den Tieren, denen wir kein Imidacloprid gegeben hatten, verzögerte sich ihr Weiterflug im Durchschnitt um dreieinhalb Tage."

Verlängerte Rast beeinflusst Vogelpopulation

Dreieinhalb Tage – das ist auf den ersten Blick nicht viel. Eine natürliche Schlechtwetterphase kann einen Vogelzug jederzeit derart verzögern. Doch das betrifft dann typischerweise eine ganze Population. Was aber, wenn, wie in diesem Fall, nur ein Teil der Vögel aufgehalten wird?

"Diese wenigen Tage können einen signifikanten Effekt darauf haben, wie es mit einem Vogel im Brutgebiete weitergeht. Kann er noch einen Nistplatz und einen Partner finden? Die Verzögerung kann sich negativ auf die Überlebens- und Vermehrungsrate der Vögel auswirken, dort wo das Timing des Vogelzugs entscheidend ist."

Leiden Vögel unter Vergiftungsentscheidungen?

Beweise für solche weitreichenden Effekte konnte Margaret Eng im Rahmen dieser Studie noch nicht liefern. Dafür werden weitere Forschungsarbeiten nötig sein. Ebenso wäre noch zu klären, was genau zu der Verzögerung im Zugverhalten führt. Der Appetit- und Gewichtsverlust könnte bedeuten, dass die Vögel länger brauchen, um sich Reserven anzufuttern, bevor sie weiterziehen können. Es gäbe aber auch noch eine zweite Erklärung.

"Es handelt sich ja um neurotoxische Insektizide. Die Vögel könnten unter Vergiftungserscheinungen leiden, von denen sie sich erst erholen müssen."

"In jedem Fall dürfte die Studie die Diskussionen um die Sicherheit von Neonicotinoiden weiter antreiben. In der EU sind drei solcher Stoffe, darunter Imidacloprid, bereits weitgehend verboten – zum Schutz von Bienen. Künftig könnte der Vogelschutz zusätzliche Argumente gegen den Einsatz von Neonicotinoiden liefern. Der Ökologe Hans de Kroon von der Radboud Universität Nijmegen, der den Rückgang von Vogelpopulationen in Agrarlandschaften erforscht, nennt die neuen Erkenntnisse jedenfalls "alarmierend". Er sieht die Gefahr, dass solche Vergiftungs- und Verzögerungseffekte wiederholt an verschiedenen Rastplätzen entlang von Vogelzugrouten auftreten. Kleine, an sich nicht-letale Effekte könnten dann in Summe verheerende Wirkungen auf die Vogelpopulationen haben."

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