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StartseiteTag für TagDie kirchenfernen "Nones"27.11.2019

Studien der Religionssoziologin Linda WoodheadDie kirchenfernen "Nones"

Die Zahl der Kirchgänger und -mitglieder geht zurück. Statistiken scheinen also belegen: Die Menschen wenden sich vom Glauben ab. Stimmt nicht, sagt die britische Religionssoziologin Linda Woodhead. Die Menschen seien durchaus auf der Suche nach dem Göttlichen - sie suchen es aber woanders.

Von Ada von der Decken

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Busse mit atheistischer Botschaft fahren in Großbritannien  (picture alliance / dpa / Andy Rain   )
Atheisten stellen einen großen Teil der "Nones", die Mehrheit der Kirchenfernen bezeichnet sich aber als religiös oder spirituell aktiv (picture alliance / dpa / Andy Rain )
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Das Interesse von Religionswissenschaftlerin Linda Woodhead gilt den Kirchenfernen. Die Professorin von der Universität Lancaster nennt sie die "Nones":  

"In vielen Umfragen und bei der Volkszählung in Großbritannien gibt es die Frage nach der Religion: Da hat man dann die Optionen Hinduismus, Buddhismus, Christentum oder – ‚None‘. Und die ‚Nones‘ sind eben jene Leute, die ‚keine‘ Religion als Antwort geben", sagt Woodhead.

Sehr diverse Gruppe

Dies bedeute aber nur, dass diese Menschen sich keiner großen etablierten Kirche oder Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Bei einer Erhebung im vergangenen Jahr kreuzten 52 Prozent der Befragten die Antwort "none" an. Diese Gruppe sei ein Sammelbecken für sehr unterschiedliche Auffassungen. Das macht sie für Linda Woodhead so interessant. Weniger als die Hälfte der "Nones" sage über sich selbst, sie seien Atheisten, die die Existenz Gottes verneinen. Die Mehrheit der "Nones" glaube an einen Gott oder an Götter und Geister oder ist sich dessen zumindest nicht sicher. Ein Viertel der "Nones" geben sogar an, regelmäßig zu beten oder spirituell aktiv zu sein.

"Diese Idee, dass wir alle die Religion hinter uns lassen, weil das alles primitiver, gefährlicher Aberglaube ist, und dass wir alle rationale, wissenschaftlich denkende Wesen werden, die ihr eigenes Schicksal vernunftgeleitet bestimmen, all das ist nicht eingetreten. Die Menschen sind auch gegenüber der Wissenschaft skeptisch geworden. Sie fragen sich, wie viel Gutes ihnen die Wissenschaft gebracht hat. Mit Blick auf den Klimawandel etwa? Was hat uns die Technologie gebracht? Die Welt steht insgesamt nicht gerade gut da. Die Menschen stehen allem ziemlich skeptisch gegenüber und suchen Dinge, denen sie persönlich vertrauen können."

Persönliche Beziehung zum Göttlichen

Und aufgrund der Skepsis gegenüber Institutionen versuchen sie, so die Religionssoziologin, eine persönliche Beziehung zum Göttlichen oder Übernatürlichen aufzubauen. Das verschaffe neuen spirituellen Strömungen viel Zulauf.

"Was sehr schnell wächst: alles, was man als alternative Spiritualität oder Heidentum bezeichnen kann. Vor allem ein Heidentum, das der einzelne für sich allein praktiziert. Da gehen die Menschen in die Natur und entdecken für sich, wie sie eine persönliche Verbindung aufnehmen können zu dem, was sie als das Göttliche erleben. Die wollen nicht das ganze Programm, die wollen gar nicht Teil einer Gemeinschaft sein. Die suchen eine persönliche Beziehung zu Gott oder Göttern."

Fremdeln mit etablierten Kirchen

Das lässt sich schwer in Schubladen pressen. Die Vielfalt ist enorm. Was "Nones" aber eint, ist ihr Fremdeln mit den etablierten Kirchen. Eine wachsende Anzahl an "Nones", bedeute natürlich: weniger Kirchenmitglieder und weniger Kirchgänger.

Die katholische Kirche in Großbritannien profitiere noch von Einwanderern aus Osteuropa. Sie verlangsamen den Mitgliederschwund, auch wenn sie ihn nicht ganz aufhalten können.

Synode der Church of England (dpa / picture alliance / Nigel Roddis)Die Church of England habe nicht auf die Veränderungen in der Gesellschaft reagiert, sagt Woodhead (dpa / picture alliance / Nigel Roddis)

Die Kirche von England hingegen steht nicht gut da. Nur knapp zwei Prozent der Engländer besuchen regelmäßig einen Gottesdienst. Auf die Frage, zu welcher Religion sie sich zugehörig fühlen, gaben 1983 noch 40 Prozent der Briten die anglikanische Kirche an, im vergangenen Jahr waren es nur noch 12 Prozent. Die Zahl der Mitglieder ist zwar deutlich höher. Aber die Church of England macht dazu keine Angaben. "Wir sind keine Mitgliederkirche", heißt es. Es gibt nur Schätzungen.

Kirchen und Institutionen reagieren kaum auf Veränderungen

"Alle Kirchen haben große Schwierigkeiten, weil die Menschen insgesamt mehr Auswahl und mehr Möglichkeiten haben. Es ist heute sozial akzeptiert, nicht in die Kirche zu gehen und die Existenz Gottes in Zweifel zu ziehen. Aber die Leitung der Kirche von England hat auf diese Entwicklung besonders schlecht reagiert. Sie wurde lange Zeit zur Geisel des sehr konservativen, fundamentalistischen Flügels in der Kirche."

Zu lange habe die Kirchenführung an alten Werten festgehalten - war gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, gegen Bischöfinnen. Werte, von denen sich die moderne britische Gesellschaft längst gelöst hätte. Die Kirche von England und die Gesellschaft von England - sie haben sich voneinander entfernt. Doch trotz dieser massiven Veränderungen machten alle weiter wie bisher - nicht nur in den Kirchen.

Scharfe Analysen und Ritterschlag der Queen

"Es ist interessant, wie die Gesetzgebung und die Politik mit dieser Veränderung nicht Schritt halten. So neigen Politiker dazu, immer noch in jenen alten Kategorien zu denken. Sie sind wie versteinert. Das führt zu der seltsamen Situation, dass sich die Gesellschaft tatsächlich weiterentwickelt hat, aber die Institutionen darauf noch gar nicht eingestellt sind. Politiker wenden sich immer noch an Kirchenführer oder Bischöfe, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr für die Leute sprechen. Sie machen einfach so weiter, verlieren aber den Kontakt zur Realität, in der die Menschen heutzutage leben."

Linda Woodheads scharfe Analysen werden in Großbritannien geschätzt: Denn Professorin Woodhead belässt es nicht bei der Forschung. So rief sie die "Westminster Faith Debates" ins Leben, viel beachtete Diskussionen über den Wandel von Religion und Kirche. Auch das weltliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche findet das offenbar wichtig: Die Queen machte die Religionssoziologin zum Mitglied des Ritterordens "Order of the British Empire".

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